16. 01. 2014

Klein anfangen, groß rauskommen:

Matteo Haal

Matteo Haal: Ein Händchen für Kinder

Praktikanten, Bufdis und FSJ-ler im Kinderdorf

Wie organisiert eine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung wie das SOS-Kinderdorf Harksheide eigentlich seinen Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften? Unter anderem, indem man gezielt dem beruflichen Nachwuchs Chancen eröffnet. Hier ein Interview mit drei jungen Menschen, die diese Chance genutzt haben.

Tanja Hohnhorst (24), Robert Braun (24) und Matteo Haal (21) haben eins gemeinsam. Sie alle haben zeitlich begrenzt - als Praktikantin, im Bundesfreiwilligendienst und im Freiwilligen Sozialen Jahr - in Harksheide begonnen, und sind heute feste Mitarbeiter des Dorfes. Tanja arbeitet als Sozialpädagogin in der Kinderwohngruppe, Matteo überbrückt die Zeit bis zum Studium als Erziehungshelfer im Kinderhaus, und Robert ist heute als Handwerker fester Mitarbeiter der Dorfmeisterei.

So viel Verantwortung in so jungen Jahren, geht dass denn?

„Die jungen Leute sind heute sehr früh erstaunlich reif und belastbar. Bei den Eindrücken, die manche hier im Praktikum hinterlassen, wäre es wenig umsichtig nicht zu versuchen, sie dauerhaft als Mitarbeiter zu gewinnen“, so Dorfleiter Jörg Kraft, der selbst auf 20 Berufsjahre in Harksheide zurückblickt. Insgesamt, so Kraft, habe man in den vergangenen drei Jahren 5 feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diesem Wege gewinnen können.

Wie lange seid Ihr schon im Kinderdorf?

Robert Braun Bild vergrößern

Robert Braun: Beruf(ung) in der Dorfmeisterei

Tanja: Ich habe hier ein halbjähriges Praktikum während des Studiums absolviert, das war 2011/2012. Nach Abschluss des Studiums habe ich mich dann hier um eine Stelle beworben. Seit April 2013 arbeite ich hier.
Robert: Seit dem März 2010.
Matteo: Ich habe mein Freiwilliges Soziales Jahr im September 2011 begonnen.

Ein bisschen hat Euch auch der Zufall in Eure Positionen geführt, oder?

Tanja: Zuerst bewirbst Du Dich natürlich nur um ein Praktikum. An SOS als Arbeitgeber habe ich da noch nicht gedacht. Aber dann bekam ich tatsächlich Verantwortung übertragen und spürte: die wollen wissen, was ich kann. Das macht als Praktikantin natürlich Spaß, wenn man ernst genommen wird.
Matteo: Eigentlich wäre im August 2012 für mich hier Schluss gewesen. Das FSJ dauert ja nur 12 Monate. Leider, sagte ich damals. Aber dann war ein personeller Engpass im Kinderhaus zu überbrücken, und einen Studienplatz hatte ich da noch nicht. Ich musste nicht lange überlegen.
Robert: Bei mir war´s ähnlich. Der Bundesfreiwilligendienst kann auf Antrag bis zu 2 Jahren dauern, und endete für mich im Februar 2013. Dann war der Posten beim Dorfmeister zu besetzen. Ich habe sofort Ja gesagt.

Könnt Ihr uns Eure Aufgabenfelder beschreiben?

Tanja Hohnhorst Bild vergrößern

Rundum zufrieden bei der Arbeit: Tanja Hohnhorst

Matteo: Ich war als FSJ-ler in einer Familienwohngruppe im Kinderdorf eingesetzt, in der 7 Kinder leben, und dort schwerpunktmäßig für einen Jungen eingeteilt, der besonders viel Aufmerksamkeit erforderte. Ich war irgendwie schnell Teil des Familienlebens. Dem Jungen bei den Schularbeiten helfen, aber auch Einkaufen, Spielen, Arztbesuche begleiten, alles das. Erst als Unterstützung der Kollegen, heute eben als Kollege.
Tanja: Bei mir begann das ähnlich. Das hier ist Leben und Arbeiten mit vielen Kindern, die schon Einiges hinter sich haben, und die wirklich hier Zuhause sind. Alles ist sehr familiär organisiert, sehr privat und persönlich. Und so fühlt sich auch die Arbeit an, sehr persönlich eben.
Robert: Bei mir ist das ein bisschen anders, ich arbeite ja direkt mit Herrn Koch zusammen. Reparaturen jeder Art, Rasen mähen, bei den Dorffesten mit auf- und abbauen und mitfeiern, und natürlich echt viel Fahrdienste, die nehmen bei der Arbeit ziemlich viel Raum ein. Und mit den Kindern habe ich natürlich sowieso laufend zu tun, die rennen hier ja schließlich überall rum.

Das klingt nach viel Arbeit. Schafft man das alles zwischen 9 und 17 Uhr?

Tanja: Das ist auch viel Arbeit, aber im Gruppendienst sind wir ja auch 24 Stunden da, da schafft man schon was. Außerdem gibt es hier ja auch noch die Nachbarschaftshilfe, nach der man immer fragen kann, wenn man Hilfe braucht. Und dann gibt´s ja auch noch Praktikanten (Lacht).
Robert: Wenn im Winter viel Schnee fällt müssen die Wege im Dorf geräumt sein, wenn morgens die ersten Kinder das Haus verlassen. Und die meisten müssen ja vor 9 Uhr in der Schule sein (Lacht). Aber auch sonst passt das nicht, wenn man hier nur auf die Uhr guckt. Der Chef achtet aber auch schon darauf, dass die Stunden insgesamt normal bleiben. Wir alle haben ja die 38,5 Stunden-Woche.
Matteo: Eigentlich schon, aber eben nicht immer zwischen Neun und Fünf. Manchmal geht der Tag früher los, manchmal dauert er abends länger, je nachdem, was los ist. Ich finde das aber okay, ist eben Familienleben. Also auch manchmal schön chaotisch.

Ihr habt scheinbar ziemlich Spaß bei der Sache?

Matteo: Kinderdorf ist absolut das Gegenteil von langweilig. Und man hat so gar nicht das Gefühl, dass die Arbeit nicht Sinn macht.
Tanja: Ich habe hier als Praktikantin angefangen und später einen unbefristeten Vertrag unterschrieben. Mehr sage ich dazu nicht (Grinst).
Robert: Absolut! Hier ist immer was los, eigentlich sogar immer ein bisschen mehr, als nötig. Aber ich mache das hier wirklich gerne. Sonst wäre ich ja nicht geblieben, oder?

Hatten Ihr damit gerechnet, wie das Leben und der Alltag im Kinderdorf sind, oder wart Ihr sehr überrascht?

Robert: Überrascht nicht, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das irgendwie anders ist. Ich bin hier Handwerker in einem Dorf. Ich fahre nicht von einem Kunden zum anderen. Der Kunde ist das Dorf. Wenn was ist, Robert, kannst Du mal? Wobei, die Dorfmeisterei, das ist ja eigentlich der Herr Koch.
Matteo: Mich hat das überhaupt nicht überrascht, denn mein Vater arbeitet im SOS-Kinderdorf Niederrhein, da bekommt man schon einiges mit. Aber jetzt selbst mittendrin, dass ist doch ein bisschen was anderes. Alleine wegen der Verantwortung.
Tanja: Nicht total überrascht, aber mir ging es wohl wie Robert. Da war so ein Aha-Moment. Schwer, dass zu benennen. Vielleicht ist es das, was ich eben schon sagte, das hier ist eine Institution, aber das Persönliche und Private spielt einfach eine große Rolle. Für die Kids bin ich Tanja, dass ich auch Sozialpädagogin bin interessiert die erstmal nicht, denke ich.

Gibt es etwas, was Ihr an der Arbeit gar nicht mögt?

Robert: Wenn es im Winter nachts schneit und wenn zwei Minuten vor Feierabend eine Spülmaschine streikt.
Tanja: Nein, alles super. Ich stehe wahnsinnig gerne morgens um 6 Uhr mit den Kindern auf.
Matteo: Nein, das kann ich nicht sagen. Manchmal ist es etwas nervig und anstrengend. Aber das ich die Arbeit im Kinderdorf deswegen nicht mögen würde, nein. Die Freude an der Aufgabe überwiegt ganz klar.

Das heißt, Ihr würdet wieder hier anfangen, wenn Ihr Euch noch mal entscheiden müsstet?

Tanja: Auf jeden Fall! Ich bin Berufsanfängerin, trage Verantwortung, habe Entscheidungsspielräume und sammle jeden Tag Erfahrungen. Mir macht das Spaß.
Robert: Ja, klar.
Matteo: Wenn man sich mal nützlich fühlen möchte, dann ist das hier kein schlechter Platz. Und man hat tatsächlich Spaß bei der Arbeit.

Vielen Dank für das Gespräch!

Tanja hat es wohl richtig ausgedrückt, egal, welche Aufgabe man im Kinderdorf hat, es sind immer menschliche und pädagogische gleichzeitig Qualitäten gefragt. „Die Arbeit in einer Jugendhilfeeinrichtung erfordert ein besonderes Talent“, so Kraft, „wenn man das hat, dann kann´s losgehen. Man wächst mit der Aufgabe, aber man wächst auch in die Aufgabe hinein.“ Der Dorfleiter zeigt sich von seinen Mitarbeitern angetan. „Es ist toll, wie sie mitziehen. Das Kinderdorf wird für jeden, der hierher kommt, etwas Besonderes. Es ist ein sehr lebendiger Ort, an dem man was fürs Leben bekommt. Das gilt für die Kinder, und es gilt für uns Erwachsene.“