09. 08. 2017

Kelvin freut sich auf seine Ausbildung

Ein Teil der erfolgreichen Schulabsolventen mit Lehrern, Ehrenamtlichen und Koordinatorin Angelika Hammer-von Au

Ein Teil der erfolgreichen Schulabsolventen mit Lehrern, Ehrenamtlichen und Koordinatorin Angelika Hammer-von Au

Mittlere Reife geschafft: Kelvin lernte in nur zwei Jahren Deutsch

Leicht war es nicht, aber er hat es geschafft. Nur zwei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland hat der 17-jährige Kelvin aus Nigeria die Mittlere Reife abgelegt  – als Zweitbester seiner Abschlussklasse in der Carl-Orff-Schule in Dießen. Dabei sprach der Jugendliche noch vor 25 Monaten kein einziges Wort Deutsch. Einen Riesenerfolg feierte zudem die SOS-interne Schule für jugendliche unbegleitete Asylbewerber: Neun von 17 Schülern legten als Externe erfolgreich die Prüfung zum Quali ab und sechs holten sich den Mittelschulabschluss.

Als Kelvin im Oktober 2015 in das SOS-Kinderdorf Dießen kam, beherrschte er nur wenige Sätze: „Guten Morgen“, „Ich heiße Kelvin“ und „Ich komme aus Nigeria“, erzählt der Jugendliche schmunzelnd. Die ersten Wochen verbrachte er ausschließlich in der Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Asylbewerber, danach ging er in die Übergangsklasse der Carl-Orff-Schule. Kelvin beherrschte zwar Englisch, die Amtssprache in seiner Heimat. Doch an Deutsch wollte er sich anfangs nicht heranwagen. „Das war einfach zu kompliziert“, sagt er – wer kann schon verstehen, warum es der Baum, die Schachtel oder das Schwein heißt.

Youtube half beim Büffeln

Irgendwann aber packte ihn der Ehrgeiz: „Du bist jetzt fünf Monate in Deutschland, jetzt musst Du Deutsch lernen“, sagte er zu sich selbst. Er bat seine Betreuer um Bücher – und begann zu büffeln, auch mit Hilfe von YouTube. Bald wechselte er von der Übergangs- in die 9. Klasse. Den Quali konnte er vergangenes Jahr nicht ablegen, dazu war er zu spät in die Klasse gekommen. Doch sein Lehrer und die Betreuer im SOS-Kinderdorf ermutigten ihn dazu, den M-Zweig zu wählen und auf die Mittlere Reife hin zu arbeiten. Kelvin weigerte sich zunächst strikt, doch dann wollte er es doch versuchen. „Der erste und der zweite Monat waren nicht so gut“, grinst der Jugendliche. Doch ab dem dritten Monat ging es schon besser. Er passte gut im Unterricht auf, fragte viel nach und holte sich die restlichen Informationen zu Hause mit dem Translator, wenn er etwas nicht verstanden hatte. Zum Glück war der Schulstoff in seiner Heimat Nigeria ähnlich.

Allerdings musste er alle Prüfungen auf Deutsch schreiben, auch die Aufsätze und natürlich Übersetzungen aus dem Englischen. Umso stolzer waren Lehrer und Betreuer auf ihn, als er am Ende mit einem Notenschnitt von 1,8 den zweitbesten Abschluss der Klasse erzielte. Kelvin umgekehrt ist seiner neuen Heimat sehr dankbar dafür, dass er in Deutschland die Chance bekommen hat, in die Schule zu gehen und dort Freunde zu finden. Besonders wichtig ist ihm SOS-Kinderdorfmutter Katrin Schlummer, die ihn von Anfang an betreut hat und in deren neu gegründeter SOS-Kinderdorffamilie er jetzt zusammen mit fünf Kinderdorfgeschwistern lebt. „Sie ist wie eine Mutter immer für mich da“, sagt der 17-Jährige.

Kelvin freut sich auf seine Ausbildung

Auch die Schüler der SOS-internen Schule erhielten viel Unterstützung – von den Lehrern, den Betreuern und etlichen Ehrenamtlichen, die nachmittags mit den Jugendlichen aus Dießen, Landsberg und Kaufering paukten. Jetzt sind alle froh und erleichtert, dass sich die Mühen gelohnt haben. Einige der Absolventen haben bereits einen Ausbildungsplatz, andere suchen noch – und viele wünschen sich, weil sie inzwischen volljährig sind, eine eigene Wohnung oder ein Zimmer, gerne auch mit Familienanschluss. Auch Kelvin freut sich, dass er bereits einen Ausbildungsplatz hat – als Hotelfachmann im Vier-Sterne-Hotel „Leonardo Royal“ in München. Die künftigen Kollegen dort hat er bei einem zweiwöchigen Praktikum überzeugt. Er freut sich auf die Ausbildung, bei der er mit Menschen aus verschiedenen Ländern in Berührung kommt und „ganz viel lernen“ wird. Später kann Kelvin ganz verschiedene Bereiche wählen, darunter Marketing, Rezeption oder Küche. Und vielleicht setzt er ja irgendwann noch das Abitur darauf und beginnt zu studieren…