Im Interview: Psychologe Wassim Jaroush

Psychologe Wassim Jaroush

Psychologe Wassim Jaroush

Wassim Jaroush hilft den traumatisierten Kindern Syriens

Wassim Jaroush ist ein syrischer Psychologe. Er arbeitet als Therapeut für SOS-Kinderdorf Syrien und hilft Kindern und Jugendlichen in den beiden SOS-Übergangsheimen in Damaskus sowie in den Kinderdörfern Quodsaia und Saboura.

Der Krieg bedeutet unvorstellbares Leid für syrische Kinder. Mit welchen Problemen sind Sie als Psychologe konfrontiert?
Der andauernde Konflikt führt zu vielen Formen der Traumatisierung. Nicht nur zu solchen, die direkt mit Kampfhandlungen zu tun haben. Auch Vertreibung, sexuelle Gewalt und körperlicher und seelischer Missbrauch gehören zu den Ursachen. In den SOS-Kinderdörfern sind viele Kinder durch den Tod der Eltern traumatisiert, den sie manchmal mitansehen mussten. Viele haben jeden Kontakt zur Familie verloren, manche haben eine Weile vollkommen auf sich gestellt auf der Straße gelebt. Manche kommen mit Phobien zu uns.

Was macht das mit den Kindern?

Gerade zur Weihnachtszeit werden viele Traumata wieder aufgewühlt. Bild vergrößern

Auf den Weihnachtsmann freuen sich alle Kinder bei SOS-Kinderdorf Syrien – ganz gleich, welcher Religion sie angehören.

Kinder reagieren sehr individuell. Sie sind unterschiedlich stark darin, mit Ängsten umzugehen. Natürlich kommt es auch darauf an, wieviel Unterstützung sie von außen erhalten. Manche reagieren auf Gewalt, indem sie selbst gewalttätig werden. Andere mit Rückzug und emotionaler Abstumpfung. Schlafstörungen und Bettnässen sind sehr häufig, auch bei älteren Kindern. Manche Kinder zeigen positive Bewältigungsstrategien. Sie treiben Sport, malen, schließen neue Freundschaften. Diese guten Strategien sind unser Weg.

Was arbeitet SOS-Kinderdorf konkret mit traumatisierten Kindern?
Wir behandeln die frühen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung so schnell wie möglich, um die langfristigen Gefahren für ihre psychische Gesundheit möglichst gering zu halten. Mittel- und langfristig gibt es zwei Felder, in denen wir Hand in Hand arbeiten. Zum einen erhalten die Kinder therapeutische Hilfe, individuell und in Gruppen, meist in Form von Verhaltenstherapie und Spieltherapie und immer unter Anleitung von Psychiatern und Psychotherapeuten und anderem Fachpersonal. Zum anderen stärken wir sie durch ein Umfeld, in dem sie wieder Stabilität und Liebe erfahren können. Mit ihrer Kinderdorfmutter und ihren Geschwistern, mit Schule, gemeinsamen Mahlzeiten, regelmäßigen Bettzeiten, einfach mit einem verlässlichem Alltag, in dem sie ohne Angst mit Gleichaltrigen spielen und ihre kindlichen Erfahrungen machen können. Um dieses neue Familiengefühl zu stärken, heißt hier jeder Helfer, jede Fachkraft auch „Onkel“ oder „Tante“.

Kommt es vor, dass Sie einen Fall als hoffnungslos erleben?
Ich glaube nicht an hoffnungslose Fälle, aber manchmal dauert es etwas länger. Manchmal sind unseren Bemühungen Grenzen gesetzt. Manche Kinder haben so große psychische und soziale Probleme, dass die Rückkehr zu einem ganz normalen Leben unmöglich erscheint. Dann sind wir eben kreativ und erfinden einen Lifestyle, der in diesem Moment passt. Veränderung und Improvisation sind gefragt. Fachwissen allein reicht nicht aus, um auf das vorbereitet zu sein, was wir gerade erleben.

Warum ist Spielen so wichtig?
Kinder brauchen andere Kinder, um sich sozial, emotional und mental gut zu entwickeln. Traumatisierte Kinder können im Spiel mit Kameraden neu lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Vor allem die, die Erwachsenen nicht mehr vertrauen. Wenn die Kinder neu zu uns kommen, sind sie gegenüber Erwachsenen immer sehr zurückhaltend. Sie finden Trost darin, dass sie mit anderen Kindern sind. Für mich als Beobachter ist auch die Art des Spiels ein guter Indikator. Wenn sie Verstecken statt Krieg spielen und bei Problemen reden statt zu prügeln, sind das gute Anzeichen. Wenn sie sich jeden Tag neue Spiele ausdenken und sich im Spiel ganz vergessen können, ist Heilung nah.

Nach fast sieben Jahren Krieg ist die Rede von einer „verlorenen Generation“. Wie beurteilen Sie die Folgen für die syrische Gesellschaft?
Es ist eine traurige Tatsache, dass eine riesige Zahl syrischer Kinder keine normale Kindheit erleben durfte und Schrecklichem ausgesetzt war. Wie das die Gesellschaft auf Dauer beeinflussen wird, ist nicht ganz klar. Der eigentliche Effekt wird zwei oder drei Jahre nach Kriegsende sichtbar werden, wenn die Folgen der posttraumatischen Belastungsstörungen ihren Höhepunkt erreichen. Der kriegsbedingte Mangel an Bildung und Ausbildung wird das Problem leider verschärfen. Manche werden als Erwachsene Probleme mit Beziehungen und in ihrem Berufsleben haben, manche werden Selbstmord begehen. Aber es besteht Hoffnung, denn das Bewusstsein für das Problem wächst, es gibt inzwischen auch mehr Forschung. Eine langfristige Begleitung, wie sie SOS-Kinderdorf ermöglicht, ist in ihrer Bedeutung jedenfalls kaum zu überschätzen.