Hauptsache bewegen!

Prof. Filip Mess  von der TU München

Prof. Filip Mess  von der TU München

Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Gleichgewicht sind das eine – doch Sport ist nicht nur für den Körper gut, sondern beeinflusst auch Geist und Seele positiv. Bereits kleine sportliche Erfolge sind Balsam für das Selbstbewusstsein und heben den Selbstwert. Immer mehr Studien weltweit belegen mittlerweile den positiven Zusammenhang zwischen Bewegung und geistiger Leistungsfähigkeit. Sportliche Betätigung regt die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns an und unterstützt durch die Ausschüttung verschiedener Botenstoffe wie Noradrenalin und Dopamin die neuronale Vernetzung. Diese sogenannten Neurotransmitter steuern unter anderem die Aufmerksamkeitsschaltkreise im Gehirn und spielen so eine zentrale Rolle beim Lernen. 

Als Teamplayer in einer sportlichen Gemeinschaft lernen die Kinder zudem, spielerisch Verantwortung zu für sich und für andere übernehmen. „Sport kann förderlich bei der Persönlichkeitsentwicklung sein “, erklärt Prof. Filip Mess  von der TU München. 

Prof. Filip Mess (TU München) studierte an der Universität Konstanz Sportwissenschaft, Mathematik und Pädagogik. Seither forscht er auf dem Gebiet der Sport- und Gesundheitsdidaktik, wobei ein Schwerpunkt seiner Arbeit auf sportlichen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen unter sozialwissenschaftlichen Aspekten liegt.

Was für eine Rolle spielt Sport für Kinder- und Jugendliche heutzutage?
Die große Mehrzahl der Jungen und Mädchen zwischen 3 und 17 Jahren hierzulande treibt Sport bzw. spielt regelmäßig im Freien, wie aus der „KiGGS-Studie“ des Robert Koch-Instituts hervorgeht und in der Quote von 78% ist der Kita- und Schulsport nicht mitgezählt. Also kann man schon sagen, dass sportliche Aktivität als Freizeitbeschäftigung einen hohen Stellenwert für Kinder- und Jugendliche hat. 

Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Kinder haben sich früher mehr bewegt

Olympiasieger Julius Brink mit Kindern im SOS-Kinderdorf Bild vergrößern

Wir stärken Kinder - Eine Aktion von SOS-Kinderdorf und sportdeutschland.tv

Da gehen die Meinungen auseinander. Aus der Motorik-Studie, die 2003 startete und in regelmäßigen Abständen die Aktivität, motorische Leistungsfähigkeit und Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland misst, geht hervor, dass die Bewegungsquantität tendenziell nicht abgenommen hat. Was man aber sehen kann ist, dass die Schere der Hochaktiven und Inaktiven immer weiter auseinander geht. Die Bewegungsempfehlung der WHO, die für Kinder und Jugendliche bei 60 Minuten pro Tag in moderater bis hoher Intensität liegt, erreichen nur knapp 28 Prozent der Kinder- und Jugendlichen. Neben der geringen Aktivität bzw. Inaktivität ist das Hauptproblem die Zunahme der sitzenden Tätigkeit, worunter auch der Medienkonsum fällt. Die WHO benennt diese, unabhängig von der Bewegungsdauer, als weiteres Risiko für die Gesundheit. Wenn also Kinder bereits mehrere Stunden täglich vor dem Fernseher, Computer oder Spielkonsole verbringen, legt das oftmals schon den Grundstein für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 oder Übergewicht bzw. Fettleibigkeit. Zudem gibt es eine recht hohe Stabilität zwischen dem Gesundheitsverhalten im Kindes- und Jugendalter und im Erwachsenenalter. Wenn man es also schafft gesundheitsförderliche Lebensstile so früh wie möglich zu etablieren, dann ist das nicht nur aus gesundheitlicher, sondern auch aus ökonomischer Sicht ratsam.

In der Schule stehen max. 3 Stunden Sport in der Woche auf dem Lehrplan, in der 1. Klasse sogar nur zwei. Halten Sie das für ausreichend?

Die Boxkids stärken den Teamgeist. Bild vergrößern

Das Sommerfest 2014 im SOS-Mütterzentrum Salzgitter - ein voller Erfolg!

Eigentlich ist die Zeit für den Sportunterricht zu knapp bemessen. Aber es kommt auch immer darauf an, wie aktiv Kinder und Jugendliche über den Schulsport hinaus ihre Freizeit gestalten. Nichtsdestotrotz würde ich die Forderung nach täglich einer Stunde Schulsport sofort unterschreiben, weil in der Schule alle Kinder erreicht werden. Gerade Kindern aus sozial benachteiligten Familien, die nicht die Möglichkeiten haben im Sportverein aktiv zu sein, würde die tägliche Sportstunde helfen, um die tägliche Bewegungsempfehlung zu erreichen.

Das bedeutet die finanziellen Mittel haben direkten Einfluss auf das Sportverhalten?
Was die Teilhabe am Vereinssport betrifft, ja. Dort trifft man Kinder- und Jugendliche aus mittleren bis sozial hohen Schichten an, deren Eltern über ein hohes Einkommen und Bildungsniveau verfügen, wohin gegen Kinder aus niedrigen sozialen Schichten oder mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert sind. Das gilt allerdings nur für die Aktivität im Sportverein, bei Freizeitaktivitäten außerhalb des Vereins- oder Alltagsaktivitäten ist hingegen kaum ein Unterschied festzustellen. Da würde es sich lohnen, nochmal über die Angebotsstruktur oder über finanzielle Hilfe im Vereinssport nachzudenken.

Sport hat ja nicht nur einen gesundheitlichen Aspekt, was trägt Bewegung darüber hinaus für die Entwicklung von Kindern bei?
Da gibt es viele positive Aspekte. Sport kann förderlich bei der Persönlichkeitsentwicklung sein. Gerade im Austausch mit anderen, lernen Kinder viel über ihre eigenen Fähigkeiten, Emotionen und ihren Körper. Wissenschaftler sprechen hier vom Selbstkonzept. Nicht zu vergessen ist die soziale Komponente des Sports, wie Integration. Gerade Sportarten, die eine Interaktion und gemeinsame Kommunikation, Regeleinhaltung und -abstimmung untereinander erfordern, haben eine eingliedernde Funktion. Es gibt aber auch gegenteilige Tendenzen, wie beispielsweise in eigenethischen Sportvereinen. Das hängt also stark von der Art und Weise ab, wie der Sport inszeniert wird.

Wie kann man Kinder für Sport begeistern?
Dazu muss man die Motive der Kinder kennen, die sie mit Sport und Bewegung verbinden um sie dann anzuregen und in Motivation überzuleiten. Bei vielen Kindern und Jugendlichen stehen Leistung und Wettkampf im Vordergrund. Das Sich-mit-anderen-Messen – ob als Mannschaft oder individuell – ist hier das zentrale Motiv, andere betreiben Sport, weil sie die soziale Komponente, das Gemeinschaftsgefühl schätzen, wieder andere wollen einfach nur ihren Körper erfahren und etwas mit ihm ausdrücken, wie etwa in tänzerisch-künstlerischen Aktivitäten. Zu guter Letzt gibt es auch diejenigen, die das Wagnis und das Risiko suchen. Und genau diese unterschiedlichen Motive und Präferenzen machen es auch so schwer, beim Sportunterricht alle abzuholen. Aber es gibt eine Tendenz dahingehend, den Sport anders zu inszenieren und mehr an die Lebenswelt der Kinder- und Jugendlichen anzupassen. Mittlerweile werden im Sportunterricht häufiger „normfreie Sportarten“ wie beispielsweise „Le Parkour“, statt des klassischen Turnens praktiziert.

Gibt es besonders empfehlenswerte Sportarten für Kinder, die aus schwierigen oder belasteten Familienverhältnissen kommen?
Eine klare Empfehlung ist schwierig, aber tendenziell kann Teamsport eher helfen negative Erfahrungen zu verarbeiten und vielleicht auch Entwicklungsverzögerungen aufzuholen, da hier ein sozialer Rahmen gegeben ist, in dem Unterstützung erfahren und Vertrauen aufgebaut werden kann. Aber mein Credo ist: Hauptsache bewegen, das fördert in der Regel die geistige und die körperliche Entwicklung, stärkt das Selbstbewusstsein und vor allem auch die Gesundheit.