11. 01. 2013

Junge Menschen bringen das Peer Research Projekt ins EU Parlament

Ende des vergangenen Jahres lud SOS-Kinderdorf International zur Konferenz in Brüssel, um den Bericht "When Care Ends: Lessons learned from Peer Research"  des "I Matter Peer Research Projektes" vorzustellen.

Die Veranstaltung, bei der die Vizepräsidentin von SOS-Kinderdorf International, Dr. Gitta Trauernicht, die Eröffnungsrede hielt, erwies sich als gute Gelegenheit für Entscheidungsträger, Praktiker und junge Menschen sich über Aspekte des Herauswachsens aus der Fremdbetreuung auszutauschen und miteinander zu diskutieren.

Eine beeindruckende Kulisse: Der Saal im Europa-Parlament Bild vergrößern

Eine beeindruckende Kulisse: Der Saal im Europa-Parlament

Während der dreitägigen Konferenz wurden die Methode und die wichtigsten Ergebnisse des "I Matter Peer Research Projekts" vorgestellt. Anlass des Treffens war neben der Präsentation dieser Ergebnisse auch ein Experten-Austausch zu zentralen Erkenntnissen aus dem Projekt. Zudem hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich über konkrete Maßnahmen der Partizipation junger Menschen zu überzeugen und über den  Mehrwert zu diskutieren, den Partizipationsoptionen im Verselbstständigungsprozess und in folgenden Lebensphasen haben. Die Konferenz diente aber auch dazu, Entscheidungsträger, Praktiker, und Akademiker  zu motivieren, die Entwicklung des "I Matter Peer Research Projects" weiter zu verfolgen und ähnliche Projekte in ihren regionalen Kontexten zu beginnen.

Hintergrund – Der Bericht

"When Care Ends: Lessons learned from Peer Research" ist das Ergebnis eines zweijährigen Projekts, das von SOS-Kinderdorf International geleitet wurde. Für das Projekt wurden 44 Jugendliche mit persönlicher Erfahrung in der Fremdbetreuung ausgebildet, um andere Jugendliche mit entsprechender Erfahrung in Polen, Tschechien, Albanien und Finnland zu interviewen und sie nach ihren Erfahrungen und Bedürfnissen im Verselbstständigungsprozess zu befragen. Mike Stein, Professor an der Universität von York, UK, und Mitherausgeber des Berichts, beschreibt den Bericht als Rahmen und Ausgangspunkt für die wichtigsten Aspekte auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Diese sind laut Stein Ausbildung und Training, Arbeit, Wohnen und Wohlergehen - diese Aspekte sind miteinander verbunden und bedingen sich immer gegenseitig.

Was Teilnehmer über die Ergebnisse des "I Matter Peer Research sagen"

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    “Einige der Empfehlungen sind so offensichtlich; es ist erschreckend dass wir sie dennoch aussprechen müssen. Besonders wenn Kinder älter werden, mit 16, 17 oder 18, lässt die Familie sie nicht einfach allein in die Welt. In diesem Alter müssen wir besonders für sie sorgen. Wir dürfen dem System der Fremdbetreuung nicht erlauben, die Kinder in diesem Moment sich selbst zu überlassen.
    Mairead McGuinness – Mitglied des Europäischen Parlaments
  • "Wir klopfen an ihre Türen um sie als Partner zu gewinnen, nun erwarten wir Veränderungen.”   
    Almandina Guma - Peer Research Koordinatorin, SOS-Kinderdorf Albanien
  • “Ich habe acht Jugendliche im Prozess der Verselbstständigung interviewed. Sie sagen sehr deutlich: ‘wir wollen leben, wir wollen wissen was wir tun können wir wollen gehört werden – wir wollen zeigen, dass wir hier sind’...   Sie sind belastbar.”
    Lucy - Peer Researcher Tschechiche Republik

Wichtige Ergebnisse der Veranstaltung

  • Verstärktes Bewusstsein unter den Mitgliedern der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments über die Notwendigkeit von Regelungen und geeigneten Services für junge Menschen, die das Betreuungssystem verlassen
  • Präsentation von Positivbeispielen im Prozess der Verselbstständigung durch die Partizipation von Jugendlichen aus dem Internationalen Jugendrat und dem Peer Research Projekt
  • Wichtige Repräsentanten von EU Parlament und EU Kommission bestätigten ihren Zuspruch für unsere Arbeit und spornen uns an, weiterhin dafür zu kämpfen, dass Kinder und Jugendliche in Fremdbetreuung ihren Platz auf der Agenda innerhalb der EU und auf nationaler Ebene sicher haben, sowohl politisch als auch finanziell
  • Fortschritte in der Positionierung von SOS-Kinderdorf in der Beeinflussung von Politik und Praxis

Teilnehmer

Die Veranstaltung brachte über 130 Teilnehmer aus über 20 Ländern und verschiedensten sozialen Kontexten zueinander, unter ihnen: Junge Menschen mit Fremdbetreuungserfahrungen,  Akademiker, lokale Entscheidungsträger und Repräsentanten aus dem Bereich Fremdbetreuung, der Privatwirtschaft, in Brüssel ansässiger Institutionen und internationaler  Organisationen.  Etwa 35 junge Menschen nahmen an den diversen Meetings im Rahmen der Konferenz  teil.

Eröffnungsrede von SOS-Kinderdorfs Vizepräsidentin Dr. Gitta Trauernicht

Dr. Gitta Trauernicht ist Vizepräsidentin von SOS-Kinderdorf International und Vorstandsmitglied von SOS-Kinderdorf in Deutschl Bild vergrößern

Dr. Gitta Trauernicht ist Vizepräsidentin von SOS-Kinderdorf International und Vorstandsmitglied von SOS-Kinderdorf in Deutschland

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einer Rede der Vizepräsidentin von SOS–Kinderdorf International, Dr. Gitta Trauernicht. Im Folgenden haben wir wichtige Aussagen der Rede zusammengefasst:

“Der Übergangsprozess zwischen Fremdbetreuung und unabhängigem Leben muss systematischer gestaltet werden. Die ist eine Herausforderung an unsere eigene Organisation ebenso wie an alle Organisationen, die Angebote für Kindern außerhalb der eigenen Familie machen. Wir müssen einen entsprechenden Diskurs und Weiterbildungsprozess bei unseren eigenen Mitarbeitern organisieren. ...

Ich glaube aber auch, dass wir als Lobbyorganisation eine wichtige Aufgabe haben, denn die unterschiedlichen Voraussetzungen für Kindern in den verschiedenen nationalen Kontexten brauchen eine Diskussion darüber, inwieweit eine Gesetzgebung existiert, die dieser Lebenssituation entspricht. Wir brauchen Rechte für Kinder, wir brauchen Gesetzte für Kinder. In einigen Ländern existieren bereits gesetzliche Regelungen, aber dies ist längst nicht in allen der Fall. Daher diskutieren wir mit den nationalen Parlamenten und Regierungen über die Notwenigkeit entsprechende Gesetze für den Prozess der Verselbstständigung von Kindern und Jugendlichen zu haben...

In diesem Prozess kann uns die EU sehr helfen und es wäre daher sehr wünschenswert wenn die EU auch das Thema ‚leaving care‘ in ihre Empfehlungen aufnimmt. Es sollte im Interesse der EU sein, innerhalb der EU Regelungen keine Regelungen zu haben, die es ermöglicht Kinder und Jugendliche, die nicht reif dafür sind, aus dem Pflegesystem zu entlassen....

Als SOS Kinderdorf International werden wir zudem dazu beitragen können, dass es eine gute Praxis gibt. Die Tage in Brüssel haben zum einen auf die besondere Bedeutung junger Menschen im Prozess der Verselbstständigung hingewiesen, zum anderen versprechen regionale und nationale Netzwerke, die SOS Kinderdorf International mit anderen Organisationen entwickelt hat, eine hohe Qualität im Prozess der Verselbstständigung. Diese positiven Beispiele wollen wir in die Welt hinaus tragen. Hier kann uns die EU helfen, diesen Prozess zu unterstützen. Nach dieser Studie gibt es für uns viel zu tun. Die Umsetzung der Ergebnisse erfordert die Kooperation mit Partnern aber auch die Unterstützung durch die EU und nationale Parlamente sowie eine breite Öffentlichkeit. Das Thema der Verselbstständigung war bislang kein Thema. Es ist ein Thema der Diskriminierung junger Menschen die nicht zu Hause leben, ein Thema der Ausgrenzung und wir haben alle das gemeinsame Ziel der Inklusion – das Recht jedes Einzelnen auf Inklusion. Dies ist eine politische Herausforderung auf vielen Ebenen aber auch eine pädagogische für uns selbst.“