07. 05. 2014

Geborgenheit weitergeben

SOS-Kinderdorfmutter Ulrike Hagemann

Ein schöner Erinnerungsschnappschuss: Muttertag war bei SOS-Kinderdorffamilie Hagemann immer Ausflugstag

„Liebevolle Strukturen sind das Wichtigste, was man den Kindern schenken kann“. SOS-Kinderdorfmutter Ulrike Hagemann spricht aus Erfahrung. Seit 26 Jahren arbeitet sie bei SOS-Kinderdorf. In wenigen Wochen heißt es für sie: Koffer packen. Denn Ulrike Hagemann geht in den wohlverdienten Ruhestand. Zum diesjährigen Muttertag verrät die SOS-Kinderdorfmutter, welche Erfahrungen sie am meisten bewegt haben.


Frau Hagemann, Ihr letzter Muttertag im SOS-Kinderdorf steht kurz bevor. Feiern Sie diesen Tag besonders?

Wir haben den Muttertag immer eher als einen Gemeinschaftstag gesehen, daher haben wir meistens wunderschöne Ausflüge unternommen. Ich vertrete die Meinung, dass man jeden Tag zu seiner Mutter nett sein sollte und nicht nur einmal im Jahr. Aber natürlich habe ich mich immer sehr über die kleinen Basteleien der Jüngeren gefreut, auch wenn diese Zeit schon etwas her ist. Mittlerweile sind bis auf zwei Teenager alle meine Schützlinge ausgezogen und stehen auf eigenen Beinen. An meinem „letzten“ Muttertag wird wie in den vergangenen Jahren die Erstkommunion der Kinder meiner Kirchengemeinde, die ich auf diesen Tag vorbereite, im Vordergrund stehen.

Wie sind Sie SOS-Kinderdorfmutter geworden?

SOS-Kinderdorffamilie von Ulrike Hagemann Bild vergrößern

Ulrike Hagemann geht in Ruhestand: mit einem lachenden und einem weinenden Auge

Meine Ausbildung zur Kinderdorfmutter begann ich nach elf Jahren Tätigkeit im Buchhandel. In meiner Kindheit habe ich viel Geborgenheit erfahren – das wollte ich gerne an Kinder, die dies nicht so selbstverständlich erleben durften, weitergeben. Hermann Gmeiner und die SOS-Kinderdörfer waren mir durch Erzählungen meiner Großeltern seit meinen Kindertagen ein Begriff. Als ich sah, dass es ein Kinderdorf fast in Hamburg, der schönsten Stadt der Welt, gibt, stand mein Entschluss fest: Harksheide sollte meine neue Heimat werden!

Eine Berufung, die Sie dann zielstrebig in Angriff genommen haben…
Ja! Ein Jahr lang lernte ich den Alltag in verschiedenen Kinderdorffamilien kennen, unterstützte die Kinderdorfmütter und vertrat sie an ihren freien Tagen. In dieser Zeit verfestigte sich bei mir der Wunsch, Kinderdorfmutter zu werden und genau in diesem Dorf zu bleiben, in dem ich mich einfach rundum wohl fühlte. Im zweiten Jahr besuchte ich die vereinseigene Mütterschule Mörlbach in der Nähe des Starnberger Sees – eine mittlerweile historische Ausbildung, denn Mörlbach gibt es schon lange nicht mehr. Im März 1990 war es dann endlich soweit – „mein“ Haus 15 war fertig eingerichtet, vier Geschwister im Alter von neun, fünf, drei und eineinhalb Jahren zogen ein und stellten als erstes alles auf den Kopf, was ich mir so nett für unseren Anfang ausgedacht hatte! Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich durchs Haus stürmte, um alle Schrankschlüssel in Sicherheit zu bringen.

Die Kinder, die in ein SOS-Kinderdorf kommen, haben meist Schlimmes erlebt und müssen langsam wieder Vertrauen fassen. Erinnern Sie sich noch an die ersten Wochen als SOS-Kinderdorfmutter?

In den ersten Wochen und Monaten mussten wir erst mal Strukturen ins Chaos bringen, angefangen von festen Essenszeiten bis hin zu der Tatsache, dass die Nacht zum Schlafen da ist. Und ganz wichtig: Streiten bedeutet nicht, dass man sich nicht mehr lieb hat. So nach und nach wuchsen wir zusammen und lebten in Vielem einen ganz normalen Alltag wie andere Familien auch. In der Woche bestimmten u.a. Schule, Kindergarten, Haushalt, Nachmittagstermine und das leidige Aufräumen den Tagesablauf. An den Wochenenden genossen wir es, Ausflüge an die Alster oder an die Nordsee zu machen und viel draußen zu sein. Zur Selbstverständlichkeit wurde ebenso der sonntägliche Kirchgang und ist es noch heute. Meinen mittlerweile verstorbenen Eltern lagen ihre Kinderdorf-Enkel genauso am Herzen wie die Kinder meiner vier Geschwister, sie machten da keinerlei Unterschied.

Das hört sich nach einer tollen Familie an – selbst über die Grenzen des SOS-Kinderdorfs hinaus

Muttertagskuchen Bild vergrößern

Schmeckt doppelt lecker: ein mit Liebe gebackener Kuchen der Kinder

Besuche bei Oma und Opa waren trotz der langen Fahrt ins Ruhrgebiet immer wieder ein Highlight. Auch meine Geschwister wurden zu wichtigen Personen und jedes Baby, das dort ankam, wurde mit Spannung als Cousin oder Cousine erwartet. Opa Hagemann wurde nicht nur von meinen Jungs zu Silvester sehnlichst im Kinderdorf erwartet. Die anderen genossen es ebenso, wenn er mit ihnen „richtige Raketen“ knallen ließ und sich nicht wie die ängstlichen Kinderdorfmütter nur auf Kinderknaller beschränkte. Aber natürlich ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen bei uns und natürlich ist auch nicht alles „normale Familie“.

Welches sind die wichtigsten Erfahrungen, die Sie Ihren Kindern mitgeben konnten?

Die Kinder bringen viele Verletzungen, Ängste und Unsicherheiten mit. Auch haben sie oft noch gar keine oder nur wenig Struktur und Verlässlichkeit in ihrem Leben gehabt. Ihnen Sicherheit zu geben, das Gefühl zu vermitteln „Du bist Du, und Du bist so wie Du bist okay“, eine verlässliche Alltagsstruktur zu leben, sind oft erst einmal wichtigere Ziele als die deutsche Rechtschreibung und das kleine Einmaleins. Ebenso ist es für sie wichtig zu begreifen, dass ich sie nicht alleine lasse, dass ich tatsächlich wiederkomme, wenn ich meinen freien Tag habe und mein Kollege mich vertritt. Lange brauchten einige der Kinder ein Tuch oder einen Pullover als eine Art Pfand von mir, wenn ich verreiste.

Die meisten Kinder, die heute im SOS-Kinderdorf leben, haben noch leibliche Eltern und diesen Kontakt aufrecht zu erhalten, ist ein wichtiger Grundsatz. Wie haben die Kinder diesen Spagat geschafft?

„Andere Kinder haben zwei Väter – ihr habt eben zwei Mütter“, mit diesem Satz konnte die leibliche Mutter nach langem Hin- und Hergerissen-Sein ihrer Tochter erlauben, sich in ihrer Kinderdorffamilie endlich daheim zu fühlen. Beide Mamas durften ihren Platz haben. Vor diesem Satz habe ich heute noch Hochachtung. Er hat auch mir bei meiner Haltung den leiblichen Eltern gegenüber sehr geholfen. Nicht immer ist die Arbeit mit den Herkunftsfamilien einfach. Umso dankbarer bin ich, dass uns das in unserer Familie größtenteils gut gelingt.

Und wenn die Kinder flügge werden?

Wenn die Kinder groß sind und „aus dem Haus gehen“, wird die Arbeit nicht weniger, denn neue Kinder folgen. Dann ändert sich die Hackordnung, Kleine werden plötzlich zu Großen. Bis das neue Miteinander klappt, vergeht einige Zeit. Manche Rituale bleiben, manche ändern sich. Die „Ehemaligen“ gibt es natürlich weiterhin, sie rufen an und kommen zu Besuch – das ist dann wieder wie „normale Familie“!

Wer selbst Kinder hat, hat eine Vorstellung wie stressig Ihr Beruf mitunter sein muss – wie haben Sie sich Oasen der Ruhe geschaffen?

Mein Leben als Kinderdorfmutter ist nicht mit anderen Berufen zu vergleichen. Rund um die Uhr bin ich da, meine Arbeit und mein Privatleben sind eng miteinander verbunden und oftmals schwer oder gar nicht zu trennen. Es gibt Zeiten, in denen das Leben im Kinderdorf einfach nur wunderschön ist, und es gibt Zeiten, in denen ich ganz arg an meine Grenzen geraten bin. Ganz wichtig sind mir meine „Tankstellen“ und Oasen außerhalb des Dorfs. Kleine Auszeiten, mein wöchentlicher freier Tag und mein Urlaub. Die Nordsee, mein Lieblingsplatz auf der Welt, ist erfreulicherweise nicht so weit weg. Den steten Wechsel der Gezeiten zu beobachten, hat bei mir schon so manches Problem klarer werden lassen und der Wind so manchen Ärger weggepustet.

In ein paar Wochen ist es soweit – Ihre offizielle Zeit als SOS-Kinderdorfmutter endet. Welche Pläne haben Sie und wie gehen ihre Kinder damit um?

„Mama“ bleibe ich weiterhin…das ist für die Kinder ganz wichtig. Die Großen hoffen und freuen sich darauf, dass ich sie dann vielleicht mal entspannt besuchen kann. Für die beiden, die noch bei mir wohnen, ist diese Übergangszeit gerade mit vielen ambivalenten Gefühlen verbunden. Alle Kinder freuen sich, dass ich in Norderstedt bleibe und nicht an die Nordsee ziehe, was sie „befürchtet“ hatten. Hier ist mein privater Freundeskreis, den ich nicht aufgeben möchte, und der Kontakt zu den Kindern soll ja auch weiterhin möglichst unkompliziert sein. Ich freue mich darauf, dass ich dann (hoffentlich) morgens ausschlafen kann, kein Wirtschaftsbuch mehr machen muss und mehr Zeit zum Lesen und Freunde treffen habe. Untätig werde ich jedoch nicht sein, denn ich werde natürlich weiterhin meine ehrenamtlichen Aufgaben in meiner Kirchengemeinde wahrnehmen, mit mehr Zeit und Muße als bisher.

Mütter sind einfach großartig!

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