Ganz allein muss niemand sein

Ein Junge sitzt mit gebrochenen Bein im Rollstuhl

Unkomplizierte Hilfe für Timo und seine Familie

Alles ging sehr schnell. In einer Grundschule in Wilhelmshaven läutet die Glocke zum Unterrichtsende. Timo (8) stürmt mit seinen Freunden auf die Straße. Dann geschieht es. „Plötzlich lag ich auf der Straße. Alle schrien durcheinander. Ich habe das Blut gesehen, aber nichts kapiert.“ Wie es zu dem Unfall kam, rekonstruiert später die Polizei: Timo hatte sich über einen Klassenkameraden geärgert und war abrupt auf die Fahrbahn gelaufen. Der Fahrer des Wagens, der ihn erfasste und schwer verletzte, fuhr nur Tempo 40. Er konnte den schmächtigen Achtjährigen zwischen den parkenden Autos nicht sehen und hatte keine Chance auszuweichen.

Als Timo mit offenem Unterschenkelbruch ins Krankenhaus eingeliefert wird, kommt seine Mutter weinend in die Notaufnahme. Ein Nachbar hat sie mit dem Auto gebracht. Sonst ist sie immer mit dem Fahrrad unterwegs, ein Auto kann sie sich nicht leisten. Sie lebt allein mit den Kindern und ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. Wie soll auch ausgerechnet sie einen Job finden, alleinerziehend, mit vier kleinen Kindern? Timo ist ihr Ältester, seine drei Geschwister sind 5 und 2 Jahre, das Baby ist erst acht Monate alt.

Timos Mutter war verzweifelt - und fand bei SOS-Kinderdorf Hilfe

„Timos Mutter war nach dem Unfall in einer dramatischen Lage“, erinnert sich Inse Ohmstede, Erzieherin und Betreuerin einer Grundschulkinder-Gruppe bei SOS-Kinderdorf in Wilhelmshaven. „Wegen der kleinen Geschwisterkinder konnte sie nicht bei ihrem Sohn am Krankenbett bleiben. Sie konnte sich aber auch keine Busfahrkarte für die tägliche Hin- und Rückfahrt ins Krankenhaus leisten. In Wilhelmshaven ist diese Form extremer Armut kein Einzelfall. Es gibt dann meist auch keine Oma, die aushilft, keine Freunde, die einer Mutter finanziell unter die Arme greifen könnten. Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Vor allem die jungen Familien. Jede kämpft für sich allein, von Tag zu Tag.“

Ein Netzwerk an Unterstützung

Hier ist immer jemand da, der sich um die Kinder kümmert Bild vergrößern

Im SOS-Familienzentrum ist immer jemand da, der sich um die Kinder kümmert

Inse Ohmstede und das Team von SOS-Kinderdorf kannten Timos Familie schon vor dem schlimmen Unfall. Glücklicherweise besuchte der Junge eine Nachmittagsbetreuung, die SOS in Wilhelmshaven anbietet und die sich an sozial besonders benachteiligte Familien richtet. Denn Timos Mutter ist sehr jung und mit ihren vier Kindern manchmal überfordert. Als bei Timo noch große Schulprobleme dazukamen, nahm sie die Hilfe, die SOS in ihrem Stadtteil anbietet, dankbar an. „Wir haben von Timos Unfall sofort erfahren und konnten schnell und unbürokratisch helfen“, sagt Ohmstede. Es gab sogar einen Basar mit Selbstgebasteltem, den die anderen Kinder unbedingt für Timo organisieren wollten. Mit dem Erlös fuhr die SOS-Kindergruppe in die Klinik. Es gab ein Geschenk für Timo, Luftballons und auch ein paar Tränen. Aber das waren eher Tränen der Rührung und der Freude.

Ein warmes Mittagessen - in der Mittagsbetreuung selbstverständlich Bild vergrößern

Ein warmes Mittagessen - in der Mittagsbetreuung selbstverständlich

Ende gut, alles gut? So einfach ist es leider nur im Märchen. Timo durfte inzwischen wieder nach Hause. Aber der komplizierte Bruch musste geschient werden, er braucht deshalb einen Rollstuhl. Die medizinische Prognose für sein Bein ist unklar. Seine Mutter kämpft tapfer, bringt ihn jeden Morgen in die Schule und danach zu SOS-Kinderdorf. Dort erwartet ihn ein warmes Mittagessen, Timo bekommt Hilfe bei den Hausaufgaben und spielt danach mit seinen Freunden, die ein großes Herz bewiesen haben. Das Leben geht weiter in Wilhelmshaven. Jeder kämpft für sich. Aber Timo und seine Mutter haben erfahren: Ganz allein muss niemand sein.

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