29. 11. 2016Quelle: Augsburger Allgemeine

Frühe Hilfe zahlt sich aus

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Immer mehr Familien haben so große Probleme, dass sie fachlichen Rat benötigen. Wie Familie Schmidt.

Bilder sagen mehr als Worte. Und so ging Anya Schmidt mit ihrem damaligen Sozialpädagogen von SOS-Kinderdorf Augsburg ans Wertachufer, sammelte für jedes ihrer Probleme einen Kieselstein und packte sie in ihren Rucksack. „Da habe ich gemerkt, was ich mir alles auflade.“ Eine Aktion mit Aha-Effekt: Anya Schmidt krempelte ihr Leben um.

Heute sitzt die 49-Jährige in ihrer Wohnung in Pfersee und kann zufrieden zurückblicken. „Ohne die fachliche Hilfe von außen hätten wir die Krise nicht so gut überstanden.“ Sie sei froh, dass sie damals den Mut hatte, zum Jugendamt zu gehen und um Hilfe zu bitten. „Der Gang zum Jugendamt fällt Familien oft nicht leicht. Sich Hilfe zu holen, ist eine Leistung und meist der wichtigste Schritt zur Lösung“, sagt Dietmar Kraft, der bei SOS den Bereich der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe leitet. Das Jugendamt bewilligte der Familie sozialpädagogische Familienhilfe und beauftragte SOS-Kinderdorf Augsburg damit; eine Hilfe, die nötig war. Vier Kinder, wovon zwei mit Magersucht zu kämpfen hatten. Vater Michael, der als Lkw-Fahrer ständig unterwegs war und wenn er mal nach Hause kam, musste er mit einer Umzugsfirma Geld für die knappe Haushaltskasse dazuverdienen. Mutter Anya, die sich neben ihrer Familie auch noch um die pflegebedürftige Mutter kümmerte und übergangsweise ihre zwei Brüder in ihrer eh schon zu kleinen Mietwohnung aufnahm. Nein sagen konnte sie damals „noch“ nicht. So rieb sie sich immer mehr auf, das ging zulasten ihrer Gesundheit.

Zweimal pro Woche kamen Pädagogen von SOS-Kinderdorf zur Familie Schmidt. „Wir wollen Familien dabei unterstützen, ihre Situation wieder selbst zu gestalten. Wir erarbeiten Lösungen mit und nicht für die Familien“, erläutert Dietmar Kraft die Vorgehensweise, die viel Einfühlungsvermögen und Geduld erfordert. Die Hilfe zur Selbsthilfe schlug an, weil die Familie für die Anregungen offen war und ihre missliche Situation unbedingt überwinden wollte.

Und heute? Die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus. Am Sonntag nimmt sich die Familie Zeit für sich – sei es zum Frühstücken, zum Schwimmen oder zum Minigolfen. Auch am gemeinsamen Spaziergang – damals ein erster Ansatz, um für ein bisschen Zweisamkeit zu sorgen –, hält das Ehepaar bis heute fest. Anya Schmidt hat zudem gelernt, auch einmal Nein zu sagen.

Es sind oft kleine Veränderungen, die viel bewirken und Schlimmeres verhindern können. „Lieber früh ambulante Hilfen bewilligen, als später die Kinder aus den Familien herausnehmen zu müssen“, skizziert Manfred Klopf, der stellvertretende Leiter des Jugendamtes, die grundsätzliche Devise.

Rund 900 Familien werden im Jahr ambulant betreut. „Sie kommen aus allen Schichten: vom Uniprofessor bis zum Hartz-IV-Empfänger“, sagt Manfred Klopf. Und es werden ständig mehr. Das liegt am Wachstum der Stadt, aber auch an den immer schwierigeren Lebensumständen. „Psychische Erkrankungen, Beziehungskonflikte, fehlende Perspektiven oder auch das steigende Armutsrisiko sind Faktoren, die Familien aus der Bahn werfen können“, beobachtet Dietmar Kraft von SOS-Kinderdorf. Umso erfreulicher, wenn ihnen geholfen werden kann. So wie Familie Schmidt. (AZ)