30. 07. 2012

Wie war’s, als du hier gelebt hast?

Peter Reimann war das erste SOS-Kinderdorfkind

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Das erste SOS-Kinderdorfkind Peter Reimann

Aufregung in Haus Nr. 5 im Dießener SOS-Kinderdorf: Peter Reimann, ehemals erstes deutsche SOS-Kinderdorfkind, ist zu Besuch. 1958 kam er mit zweieinhalb Jahren hier in eine Kinderdorffamilie.  Die Kinderdorfkinder, die heute in Haus 5 leben sind neugierig. Wie schaut er aus, der Mann der damals mit zehn Kinderdorfgeschwistern im gleichen Haus aufwuchs wie sie? Sie setzen sich zu ihm aufs Sofa und wollen wissen, was früher anders war?

Pumuckl und Lederhosen

Reimann erzählt: "Die erste Zeit hatten wir keinen Fernseher, nur ein kleines Radio. Am Sonntag durften wir die Kindersendung "Meister Eder und sein Pumuckl" anhören. Wir hatten zwei Lederhosen, eine lange und eine kurze. Das musste genügen." Die Kinder staunen und Reimann erzählt weiter: "Unsere Kinderdorfmutti hatte ein kleines Moped. Nach der Schule gingen wir zum Einkaufen, der eine zum Metzger, der andere zum Bäcker. Sie fuhr anschließend überall herum und bezahlte die Rechnungen."

Treffen der Generationen Bild vergrößern

Treffen der Generationen

Elisabeth Binsteiner, erinnert er sich, war eine sparsame Frau. Lieber durchstöberte sie dreimal die Schränke, bevor Sie den Kindern was Neues zum Anziehen kaufte. Die ausgebildete Kindergärtnerin war eine zierliche Person, konnte sich aber gut durchsetzten. "Musste sie ja auch bei elf Kindern. Und sie konnte gut organisieren: Du putzt heute die Schuhe, du das Wohnzimmer und du machst Abendessen. Jeder kam mal dran. Und jeder lernte, einen Knopf anzunähen, zu waschen und zu kochen."

Ohne SOS hätten wir das nicht geschafft

Mit 16 zog Reimann ins angeschlossene SOS-Jugendhaus, machte eine Lehre als Fliesenleger und dann seinen Meister. Schließlich gründete er eine eigene Firma. Heute hat der 56-Jährige selbst drei Kinder. Der Älteste ist gelernter Koch und will jetzt ins Hotelmanagement einsteigen. Die Tochter studiert Holzbautechnik und der Jüngste lernt Fliesenleger, wie sein Vater. Auch aus allen zehn Kinderdorfgeschwistern ist etwas geworden. Die drei Mädels haben sogar das Abitur ge-macht. „Diese Möglichkeiten hätten wir ohne SOS nicht gehabt: Ein Instrument lernen, in den Sportverein gehen und aufs Gymnasium..."

Kontakt - bis ins hohe Alter

Die "Geschwister" besuchen sich heute noch gegenseitig. Besonders eng ist Reimanns Kontakt zu Walter. Er kam damals als Jüngster in die SOS-Kinderdorffamilie. „Ich war 16 und er zwei Jahre alt. Ich wurde sein Pate und fast so etwas wie sein Ersatzpapa." Seine Kinderdorfmutter verfolgte stets mit großer Aufmerksamkeit die Entwicklung ihrer elf Kinderdorfkinder und inzwischen 14 Enkel. Reimann besuchte sie bis zu ihrem Tod mit 84 Jahren regelmäßig. Bis heute setzt er sich für den SOS-Kinderdorf e.V. ein und erzählt gerne von seiner glücklichen Kindheit.