23. 01. 2012Quelle: Nordbayerischer Kurier / Udo Fürst

Eine (fast) ganz normale Familie

Eine SOS-Kinderdorfmutter mit zwei Kindern

Eine SOS-Kinderdorfmutter mit zwei Kindern

Drei Schwestern haben im SOS-Kinderdorf Oberpfalz eine neue Heimat gefunden

„Nicht da ist man daheim, wo man geboren wurde, sondern wo man geliebt wird.“ Blickt man in die strahlenden Augen von Daniela (7), Jessica (10) und Celina (11), erkennt man gleich, wie gültig der über 100 Jahre alte Ausspruch des Dichters Christian Morgenstern noch heute ist. Die drei Schwestern machen einen glücklichen Eindruck. Sie fühlen sich wohl im SOS-Kinderdorf Oberpfalz. Dort haben sie eine neue Heimat, eine neue Familie gefunden.

Das mit dem Wohlfühlen und Glücklichsein war nicht immer so. Die Mädchen kommen aus „zerrütteten Familienverhältnissen", wie es offiziell heißt. So wie die meisten der anderen 40 Kinder auch, die in den zehn Familien leben. Diese Familien sind das Herzstück des SOS-Kinderdorfes in Immenreuth, wo insgesamt knapp 100 Mädchen und Buben im Alter von einem bis 19 Jahren betreut werden. Seit der Gründung 1963 haben mehr als 500 Kinder hier ein neues Zuhause gefunden. „Sie kommen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Erlebnissen und Lebensgeschichten zu uns“, erzählt Kinderdorfleiter Alfred Schuster. Neben den Kinderdorffamilien gibt es drei Wohngruppen und zwei Heilpädagogische Tagesgruppen; ferner bietet die Einrichtung ambulante flexible Hilfen, Jugendsozialarbeit an den Schulen sowie Kunst- und Kulturveranstaltungen an.

Wärme und Vertrauen

Eine Mutter stützt ihr Kind, das auf einer Mauer entlang läuft Bild vergrößern

Daniela, Jessica und Celina leben seit fünf Jahren im Kinderdorf. Hier haben sie eine neue „Mutter“ bekommen. Angelika Oestreicher heißt sie, kommt aus Unterfranken und ist eine von zehn SOS-Kinderdorfmüttern. Dass sie für die Mädchen zu einer echten Mutter geworden ist, sieht man daran, dass sie Mami genannt wird. Ihre Aufgaben sind vielfältig, wie in einer ganz normalen Familie auch. Ruhig redet sie mit der lebhaften Daniela, die viel Zuneigung braucht und für die der Besuch des Reporters etwas nicht Alltägliches ist. Auch Jessica und Celina begegnen ihrer kleinen Schwester, die sich in Mitterteich in einer Inklusionsklasse (hier werden nicht behinderte und behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet) sehr wohl fühlt, mit großer Geduld. "Sehr schön, sehr anstrengend", beschreibt die Mutter ihre Aufgabe im Kinderdorf, in dem sie seit sechzehneinhalb Jahren arbeitet und seit 2006 die zweite Generation betreut. Hatte sie nie den Wunsch, eigene Kinder zu haben? „Warum? Es gibt genug Kinder auf der Welt, die eine Mutter brauchen“, sagt Angelika Oestreicher. Sie sei glücklich, wenn "ihre" Kinder dies auch seien und später einen guten Weg gingen. Unabhängig davon genieße sie ihren Urlaub und die freien Tage. "Die brauche ich auch."

Leckerer Festtagsbraten

Endgültig zur richtigen Familie wird das „Mäderlhaus“ zur Weihnachtszeit. Dann kommen nämlich „Oma und Opa“, die Eltern von Angelika Oestreicher. Und auch die "alten Kinder", fünf Jungs, die das Kinderdorf schon verlassen haben, sowie Jaqueline (17), die noch in der Familie lebt und derzeit eine Ausbildung zur Kinderpflegerin absolviert. "Da wird lecker gegessen, meine Mutter kocht einen richtigen Festtagsbraten" , freut sich Angelika. Und plötzlich hat auch sie dieses Strahlen in den Augen...