07. 10. 2013

Ein Spiegel der Emotionen

Reittherapie03

Eltern lernen beim heilpädagogischen Reiten sich selbst wahrnehmen

Frau Mayer ist wütend, und das spürt Dökkvi (auf deutsch: Derheilpädagogischen Reiten  Dunkle), das Islandpferd von Reitpädagogin Anika Feige, auch ganz deutlich. Er zeigt ihr das, indem er in rasendem Gallopp auf dem Reitplatz seine Runden dreht. “Haben Sie eine Idee warum Dökkvi so schnell rennt?“ fragt Anika Feige die Klientin. „Vielleicht merkt er dass ich sauer bin, weil es nicht so klappt wie ich will“.

Eine Herdenchefin werden

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Diese Antwort zeigt, dass Frau Mayer schon viel dazugelernt hat und weiß, dass das Pferd ihre Emotionen spiegelt. Sobald sie eine andere Körperhaltung und -sprache ausstrahlt reagiert das Pferd unmittelbar, wird ruhiger und wendet sich ihr zu. Eine selbstbewusste, ruhige Person kann man schließlich als Herdenchef(in)  anerkennen. Frau Mayer strahlt und streichelt Dökkvi. Er folgt ihr nun wie ein Hund ohne Strick. „Ein tolles Gefühl“ sagt Frau Mayer und auch die anderen Teilnehmerinnen der Elterngruppe Heilpädagogisches Reiten schauen staunend zu.

Insgesamt fünf Termine fanden bei den SOS- Kinder- und Jugendhilfen Göppingen mit vier Elternteilen aus Betreuungen der Hilfen zur Erziehung statt. Durch das Medium Pferd konnten in gezielt geplanten Einheiten viele Fortschritte erzielt werden. Bei einem Vorbereitungstermin lernten die TeilnehmerInnen den Hof und seine Bewohner kennen und konnten sich selbst Ziele setzen. Auch Ängste hatten ihren Platz und konnten so auch schon teilweise bearbeitet werden; und natürlich konnte man auch Wünsche formulieren.
Bei den folgenden drei Terminen gab es unterschiedliche Schwerpunkte: Zunächst ging es um das gegenseitige Kennenlernen und den Vertrauensaufbau untereinander, aber auch zum Pferd. Daraufhin konnten im Freilauf mit dem Pferd Themen wie Körpersprache, Haltung und Selbst- und Fremdwahrnehmung aufgegriffen und eingeübt werden.

Authentizität zählt - beim Mensch wie beim Tier

Bei der Reflexion konnten sich die Teilnehmerinnen gegenseitig Rückmeldung geben und einen Transfer in den Alltag herstellen. „Das kennst du doch von deinem Sohn, wenn du nicht meinst was du sagst, hört er auch nicht auf dich“, war ein Beispiel für solch eine Anmerkung. Schließlich sollte auch der Spaß nicht zu kurz kommen und die TeilnehmerInnen konnten beim letzten Termin im Wald gemeinsam mit dem Pferd ihre Wünsche ausprobieren. Auch hier wurde man ganz nebenbei  mit eigenen Grenzen oder dem Durchsetzen von eigenen Vorstellungen konfrontiert.
Schließlich gab es beim letzten Termin einen Abgleich der gesetzten Ziele und dem Erreichten. Gestützt von zahlreichen Fotos konnten die TeilnehmerInnen sich gegenseitig Entwicklungen aufzeigen, aber auch selbst nochmals reflektieren. Dieser Termin fand mit den jeweiligen BezugsbetreuerInnen statt, um einen Transfer des Gelernten in den Alltag zu gewährleisten. „Dökkvi wusste manchmal schneller als ich selbst, wie es mir geht, das hat er ganz toll gemacht“, schreibt eine Teilnehmerin auf dem Dokumentationsbogen.
Insgesamt eine gute Methode, um durch die Motivation, die vom Pferd ausgeht, ganz nebenbei an sonst eher unliebsamen und schwer besprechbaren Themen zu arbeiten. Das Pferd dankt es einem und reagiert unmittelbar und das sei die größte Belohnung, sagen die TeilnehmerInnen. In einem sind sich alle einig: „Die Elterngruppe sollte weitergehen!“.