14. 06. 2016

Der lange Weg nach Westen

Der lange Weg nach Westen

Familie Shahin

Für Familie Shahin aus Syrien hat im SOS-Kinderdorf Saar ein neues Leben begonnen

Fast zärtlich wischt Haitham Shahin mit dem Finger über den Touchscreen seines Smartphones. Vor ihm liegt seine Vergangenheit. Immer wenn ein neues Bild vorbeiwischt, strahlt sein Gesicht: Aleppo mit seinen wunderschönen orientalischen Gebäuden taucht auf, Aleppo an Silvester festlich beleuchtet, die alte Zitadelle der syrischen Metropole, die majestätisch über der Stadt thront. Das ist Syrien, so wie Haitham es geliebt und gekannt hat.  

„Ach, Aleppo war einfach wunderschön...bis die Bewaffneten kamen“, erinnert sich der 53-Jährige. Dann tippt er mit dem Finger einen kleinen Video-Film an. Die kurze Sequenz zeigt, wie er sich einen Weg freikämpft, durch Trümmer und Schutt. Man sieht sein Haus, seinen Garten in einem Außenbezirk von Aleppo.
Als dort die erste Bombe einschlug, regnete es Betonbrocken. Sofort dachte er an seine Kinder Rami (15), Majed (16), Abdulgalil (18). Haitham fand sie im Keller. „Weinend lagen sie auf dem Boden, das Glas der zersplitternden Scheiben hatte sie am Kopf verletzt.“

Nach Jahren des Bürgerkriegs ist die Heimat der Shahins nahezu komplett zerstört. Bild vergrößern

Nach Jahren des Bürgerkriegs ist die Heimat der Shahins nahezu komplett zerstört.

Die Shahins versuchten lange Zeit dem Bürgerkrieg in Syrien zu trotzen. Seit 2011 schießen Dschihadisten, Rebellen und Assads Soldaten aufeinander. 250 000 Menschen starben, über 4 Millionen verließen das Land. Gegenüber dem Haus der Shahins bezogen die radikalen Islamisten der Al-Nusra-Front Stellung. Auch die Freie Syrische Armee kämpfte in der Stadt.

Wie eine langsam verlöschende Flamme, so schwand auch das Durchhaltevermögen der Shahins. Als die Aufständischen ihr Haus beschlagnahmten, gab es kein Bleiben mehr. Das Wort „kein“ bestimmte fortan ihr Leben. „Kein Strom, kein Wasser, keine Sicherheit, keine Arbeit, keine Schulen – es gab überhaupt nichts mehr.“  Haithams Ehefrau Amal, 45, erinnert sich vor allem an den Hunger: „Wir haben nur noch einmal am Tag gegessen.“
Um eine Zukunft zu haben, musste die Familie ihr altes Leben loslassen. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass die Großeltern einst aus Palästina geflohen waren. Jetzt würden die fünf erneut alles hinter sich lassen  und nach Europa gehen – nach Deutschland.

Von Syrien ins Saarland

Haitham hebt den Finger vom Display seines Smartphones. Er ist ein Mann, der für sein Leben gern lacht, doch wenn er an die Not in Syrien denkt, trübt sich sein Blick. Er schaut aus dem Fenster. Aleppo ist fern, draußen liegt Deutschland, eine Welt, in der zum Teil ganz andere Werte gelebt werden als in der arabisch-muslimischen: Demokratie, Glaubens- und Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung für Frau und Mann.

Islamistische Gotteskrieger verteufeln diese Form des Lebens. Haitham sieht das anders. Er ist ein moderater sunnitischer Muslim und positiv überrascht von den Deutschen. Mit seiner Familie lebt er seit September 2015 im SOS-Kinderdorf Saar im Haus Dr. Recht. Der Januar-Nebel hüllt das beschauliche Dorf ein, das nur wenige Kilometer von Merzig entfernt im Wald liegt. In zehn Häusern finden hier Jugendliche und Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, ein neues Zuhause. Die Kinder leben entweder in Wohngruppen oder in Familien mit einer SOS-Kinderdorfmutter. Darunter befinden sich derzeit auch 10 syrische und afghanische Flüchtlinge, die ebenfalls in bestehende Kinderdorffamilien und Wohngruppen integriert wurden, erklärt der Leiter des Dorfs Joachim Selzer.
Die Aufnahme ganzer Flüchtlingsfamilien wie die Shahins stellt auch für ihn Neuland dar. Der erfahrene Sozialpädagoge weiß aber, dass es für die Kinder einfacher ist, in Deutschland Fuß zu fassen, wenn die Eltern dabei sind.

Haitham und seine Familie sind in einer Welt gelandet, die sie vorsichtig ertasten. Wenn der Vater durch den Ort läuft, wundert er sich: „Da ist diese unglaubliche Ruhe.“ Und das meint er nicht negativ. Denn ihr Leben im SOS-Kinderdorf ist wieder vom Wörtchen „kein“ bestimmt – diesmal aber im positivsten Sinne: Keine Luftangriffe, kein Artilleriebeschuss, keine Angst, kein Chaos, kein Hunger, keine Toten.

Integration und Gemeinschaft

Die Shahins leben in einer sicheren Gegenwart und das genießen sie. Vor Weihnachten hängten sie einen Dankesbrief an die Pinnwand im Verwaltungsgebäude: „Hier im Dorf sind alle sehr freundlich. Wir sind sehr froh, hier zu leben, und hoffen hier lang bleiben zu können.“
Ob die Shahins auch Teil der deutschen Gesellschaft werden können, liegt vor allem daran, wie schnell sie einen Zugang zur fremden Umwelt finden. Integration heißt das Zauberwort. Auf der Webseite des Bundesinnenministeriums steht dazu: „Bei der Integration geht es darum, dass wir zusammen leben und nicht nebeneinander her. Gelungene Integration bedeutet, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen.“

Aus ganzem Herzen beteuert Familie Shahin: „Ja, wir wollen uns integrieren. Ihr Deutschen müsst uns aber dabei helfen.“ Schon jetzt hat die Familie einen unschätzbaren Vorteil gegenüber anderen Flüchtlingen. „Integration kann in dem Mikrokosmos des SOS-Kinderdorfs natürlich viel besser gelingen als beispielsweise in einer Turnhalle der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge. Das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Deutschen und Flüchtlingen passt gut“, findet Dorf­leiter Selzer und zieht ein erstes positives Fazit: „Es ist toll, wie schnell die Jugendlichen und Erwachsenen hier andocken.“

Am Ball können die anderen Bewohner des Kinderdorfs vieles von Abdulgalil lernen Bild vergrößern

Am Ball können die anderen Bewohner des Kinderdorfs vieles von Abdulgalil lernen.

Abdulgalil ist der älteste Sohn der Shahins. Er hat bereits an der Universität in Aleppo studiert. Jetzt nützt er jede Chance für neue Kontakte. Seine Augen strahlen eine Neugierde aus, die sonst wohl nur bei kleinen Kindern zu finden ist. Gutmütig ist Abdulgalil obendrein, und als Andi, ein Jugendlicher aus einem Nachbarhaus, den Neuankömmling anfangs nachäffte, reagierte der sehr gelassen. „Immer als ich an ihm vorbeiging, habe ich ihn gegrüßt.“
Irgendwann stand Andi dann vor der Tür des Syrers. Beide besuchen sich inzwischen gegenseitig. „Als mein Bruder Rami eine Party gemacht hat,  brachte  Andi sogar die ganze Dekoration mit.“

Wenn die beiden zum Fußballplatz im SOS-Kinderdorf schlendern, ist Andi besonders erfreut. Der schlaksige Abdulgalil lässt dann den Ball tanzen wie ein Profi. Er hat bereits in der Junioren-Nationalmannschaft Syriens auf internationaler Ebene gespielt. Beim Fußballspiel ist Abdulgalil  aufgefallen, dass in Deutschland andere Regeln gelten: In Syrien spiele mitunter jeder gegen jeden, hierzulande sei das Zusammenspiel viel besser. „Als ich hierhergekommen bin, habe ich gesehen, wie die Kinder das von klein auf lernen, welche Disziplin sie schon haben.“

Amal und Nachbarin Sabine treffen sich regelmäßig und unternehmen gemeinsame Ausflüge Bild vergrößern

Amal und Nachbarin Sabine treffen sich regelmäßig und unternehmen gemeinsame Ausflüge.

Diese Liebe zur Ordnung bewundert er. „Deutschland ist sehr fortschrittlich. Das kommt nicht von ungefähr. Hier gibt es klare Regeln. In Syrien trinkt man an der Arbeitsstelle auch mal Kaffee oder trifft sich mit anderen Kollegen. Für die Deutschen gilt: Arbeit ist Arbeit, Pause ist Pause.“
Auch Mutter Amal konnte im Dorf „andocken“. Direkt im Nachbarhaus lebt Sabine. Nach einem etwas holprigen Start haben Amal und Sabine sich schätzen gelernt, besuchen sich inzwischen regelmäßig. „Sabine ist wirklich lieb“, sagt Amal.
Die Deutsche hat sie schon auf eine Spritztour nach Luxemburg eingeladen. Auf dem Rückweg fand die Entdeckungsreise beinahe ein unrühmliches Ende an der Grenze: eine Polizeikontrolle. Amal besaß noch gar nicht die Erlaubnis, das Saarland zu verlassen. Zum Glück konnte sie zurückkehren.
SOS-Kinderdorfleiter Selzer lobt trotzdem die etwas leichtsinnige Aktion. Ihm ist es wichtig, dass die Flüchtlinge „Schritt für Schritt“ in die neue Welt eintreten. Schnell ist Selzer aufgefallen, dass es bis zum offiziellen Sprachkurs für Flüchtlinge zu lange dauert. Er fand ehrenamtliche Lehrerinnen, die im SOS-Kinderdorf zweimal die Woche unterrichten.

Mehrmals pro Woche lernt die Familie gemeinsam Deutsch Bild vergrößern

Mehrmals pro Woche lernt die Familie gemeinsam Deutsch.

Samstagvormittag. Im Klassenraum sitzt auch die Familie Shahin. „Das Wetter in Deutschland sehr kalt“, radebrecht Haitham und lacht fröhlich. Die Lehrerin versucht zu erklären, dass in jeden deutschen Satz ein Verb gehört. Gar nicht so leicht, da im Arabischen das Wort „sein“ in der Gegenwartsform gar nicht existiert.
Abdulgalil ist wieder einer der Besten. Er weiß, dass ihn jedes Wort, das er aufschnappt, seinem Ziel näher bringt. Er will die Universität in Saarbrücken besuchen, dort Informatik studieren. Ihm ist längst klar, dass er nur über die Sprache einen Zugang zu den Deutschen finden kann. Vater Haitham stimmt zu: „Ohne Sprache kann ich ja gar nicht die Unterschiede zur syrischen Gesellschaft feststellen.“ 

Für anfallende Behördengänge wird das Deutsch der Flüchtlinge trotzdem noch lange nicht ausreichen. SOS-Kinderdorfleiter Selzer hat daher aus Spendengeldern Khadije Fakih als Dolmetscherin und Betreuerin eingestellt. Sie helfe beim ganz „normalen Wahnsinn“, bei allen Behördengängen und -schreiben.
Manchmal muss Fakih auch unangenehme Fragen zum Thema Islam übersetzen. Denn nach den Gewaltakten in Paris und den Übergriffen in Köln stehen muslimische Flüchtlinge häufig unter Generalverdacht.
Haitham und seine Frau schämen sich, wenn radikale Muslime gewalttätig werden, nennen das „falsch“. Auch die Frage, warum sich in Syrien Sunniten, Schiiten und Alewiten gegenseitig bekriegen, ist ihnen sichtlich unangenehm. Vor dem Krieg sei man doch gut miteinander klargekommen, wundert sich Haitham. Dass die Religionsgruppen wohl eher nebeneinandergelebt haben als  miteinander, wie beispielsweise Katholiken und Protestanten in Deutschland, ist ihm nicht bewusst.

Auch die Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfs haben Fragen, wollen mehr über die Mentalität und die Welt der Flüchtlinge erfahren. „Noch in diesem Jahr wird es Fortbildungen zum Thema interkulturelle Kompetenz geben“, kündigt Selzer an. Er selbst hat sich schon bei einem Fehltritt ertappt. Mehrfach hat er die Einladung eines arabischen Flüchtlings zum Teetrinken abgelehnt. Erst später las er, dass dies in der arabischen Kultur durchaus als negative Geste gewertet werden kann.
Noch wartet auf die Shahins die größte Integrationshürde: Arbeit finden. Sie wollen nicht von der Hilfe des Staates leben. Nach muslimischem Verständnis ist der Mann für die Ernährung zuständig. In Syrien war Haitham Angestellter im Rathaus. Er weiß, dass das hier nicht geht, hofft nun auf einen Job als Koch. Joachim Selzer kann ihm auch hier helfen. Er stellt ein Praktikum in der Küche des Mehrgenerationenhauses von SOS-Kinderdorf in Aussicht.
Als moderne muslimische Familie steht für die Shahins außer Frage, dass auch Frau Amal arbeiten wird. Am liebsten als Übersetzerin. Drei Jahre hat die Familie jetzt Zeit, um sich ein neues Leben aufzubauen. So lange gilt zunächst die Aufenthaltsgenehmigung für anerkannte Flüchtlinge. Eine Rückkehr nach Syrien, wo nach wie vor der Bürgerkrieg tobt, kommt vorerst nicht in Frage. Das herzliche Willkommen im SOS-Kinderdorf Saar hat die Shahins aber davon überzeugt, dass Deutschland auch lebens- und liebenswert ist. Richtig fassen können sie ihr Glück noch immer nicht. Haitham: „Wir haben uns nicht ausmalen können, dass wir so menschlich und gut aufgenommen werden.“

Übers Meer und durch die Wälder

Einen Monat waren die Shahins auf der Flucht, bis sie Deutschland erreichten. 

Familie Shahin musste alles, was sie noch besaß, für die Flucht verkaufen: alles, was Geld einbrachte, das Auto, ja sogar den Brautschmuck der Mutter. Als der Bruder des Vaters ihnen dann noch Geld lieh, waren sie bereit für das Wagnis. 10.000 US-Dollar würde die Flucht nach Deutschland am Ende kosten.
Am 29.6.2015 brachen die Shahins, die einst in Aleppo gelebt hatten, ins Ungewisse auf. Schlepper brachten sie über die türkische Grenze. „Man musste über einen Hügel rennen. Wenn man schnell gelaufen ist, konnte einen die Polizei nicht schnappen“, erinnert sich Abdulgalil, der älteste Sohn der Familie, an die erste Zitterpartie.

In diesem Raum wurde Familie Shahin festgehalten Bild vergrößern

In diesem Raum wurde Familie Shahin festgehalten.

Seit 2011 schießen Dschihadisten, Rebellen und Assads Soldaten aufeinander. 250 000 Menschen starben, verließen das Land. Bild vergrößern

Seit 2011 schießen Dschihadisten, Rebellen und Assads Soldaten aufeinander. 250 000 Menschen starben, verließen das Land.

Aber das war erst der Anfang: Von Bodrum aus brachten sie Schlepper in einem winzigen Boot auf die griechische Insel Kos. 2:30 Stunden dauerte die Fahrt, die Vater Haitham nie vergessen wird: „Wir hatten so Angst auf dem Meer.“ Das Boot war mit 48 Passagieren hoffnungslos überladen. Für die Schlepper ein fürstliches Geschäft. Jeder Flüchtling musste 1.000 US-Dollar für die Überfahrt berappen.
Von Athen aus nahmen die Shahins die Balkanroute über Mazedonien, Serbien bis Ungarn. Jede Grenze mussten sie zu Fuß bewältigen, mal marschierten sie sechs, mal bis zu acht Stunden am Stück.

„Wir haben auf den Straßen oder in den Wäldern geschlafen, kleine Wege gewählt“, erzählt Haitham. An der ungarischen Grenze der Tiefpunkt. Die Shahins landen im Gefängnis. „Die Zelle war so klein und doch 50 Menschen drin. Es gab keine Luft zum Atmen“, beschreibt Vater Haitham. 

Aber sie haben Glück. Nach der Entlassung finden sie einen Ungarn, der sie für 450 US-Dollar pro Person mit seinem Kleinlaster nach Deutschland fährt. Nachdem sie alles für die Reise ausgegeben haben, erreichen sie schließlich am 25. Juli Passau. Obwohl mittellos, können sie ihr Glück dennoch kaum fassen. Abdulgalil: „Erst als wir die fremde Sprache hörten und   die Deutschen sahen, haben wir wirklich geglaubt, dass
wir angekommen sind.“