14. 03. 2017

Das Leben in Syrien sechs Jahre nach Kriegsbeginn

Ein Junge und drei Mädchen der Nothilfe-Kindertagesstätte Aleppo

Kinder der Nothilfe-Kindertagesstätte Aleppo.

Im März 2011 brach der Bürgerkrieg in Syrien aus. Hunderttausende wurden seither vertrieben. Ganze Regionen und Städte sind zerstört, viele Menschen kämpfen seither ums tägliche Überleben. SOS-Kinderdorf ist seit 1980 als nationale Organisation in Syrien tätig und betreibt in Aleppo und in Damaskus Kinderbetreuungsprojekte und Familienprogramme.

Alia Al-Dalli, Regionalleiterin für den Mittleren Osten und Nordafrika, gibt im Interview einen Einblick zur aktuellen Lage und die SOS-Nothilfeprogramme in Syrien.

Internationale Versuche laufen, um einen Friedensvertrag in Syrien auszuhandeln. Haben Sie Befürchtungen, dass Syrien von der internationalen Bildfläche verschwindet, wenn der Krieg beendet wird?

Der Krieg hat bei einer unglaublich hohen Zahl von Kindern zu Traumata, Vertreibung und dem Verlust von Familienmitgliedern geführt. Diese Verletzungen werden nicht über Nacht heilen. Unzählige Schulen und Krankenhäuser sind zerstört. Es reicht nicht, nur die Infrastruktur wieder aufzubauen – wir müssen auch die Kapazitäten und das Wissen wieder herstellen sowie die Belastbarkeit der Familien und Kinder. Die Welt kann diese Tragödie nicht einfach übergehen. Egal ob wir nah dran sind oder weit weg, all dies hat Einfluss auf unsere Menschlichkeit und unsere Fähigkeiten Zivilisten, Opfer des Bürgerkrieges, und Kinder, deren Zukunft in Gefahr ist, zu unterstützen.

Gibt es sechs Jahre nach Ausbruch des Bürgerkrieges noch Hoffnung auf Frieden?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir sehen die Kinder und Familien, denen wir in Syrien helfen und all die, die sich in anderen Ländern in Sicherheit gebracht haben. Sie sehnen sich nach ihrem alten Leben– sie brauchen Frieden und Stabilität, und die Kinder eine Kindheit in der sie die Sicherheit und Wärme eines Zuhauses und einer Familie erleben. Wir werden die Hoffnung nie aufgeben, dass es einen Waffenstillstand geben wird, der zu einer Versöhnung und dem Versprechen aller Parteien führt, Syrien gemeinsam wieder aufzubauen. Syriens Kinder und zukünftige Generationen verdienen nichts weniger als das.

Was könnte die internationale Gemeinschaft noch unternehmen, um Syrien zu helfen?

Die internationale Gemeinschaft und Organisationen wie SOS-Kinderdorf haben die ganze Zeit über versucht zu helfen. Die eigentliche Frage ist die, was muss als nächstes in Syrien passieren? Humanitäre Helfer müssen sicheres Geleit in Gegenden erhalten, in denen es einen dringenden Bedarf an humanitären und medizinischen Hilfen gibt. Insbesondere in Gegenden, die während der Konflikte belagert waren. Die internationale Gemeinschaft kann auch mit der syrischen Bevölkerung beim Wiederaufbau von Schulen und medizinischen Zentren zusammenarbeiten und Personal schulen. Aber wir benötigen ein sicheres Geleit, und das syrische Volk die Sicherheit und die Zusage, dass Schulen, Gesundheitszentren und Schutzunterkünfte nie wieder Ziel von Angriffen werden.

 

Was benötigt Syrien am nötigsten?

Der Krieg hat alle Aspekte des Lebens in Syrien beeinträchtigt. Nach unserer Einschätzung müsste als erstes, Familien, die ihr Zuhause und alles Hab und Gut verloren haben, geholfen werden. Sie brauchen eine Chance, sich ein friedvolles und produktives Leben aufzubauen und wieder Träume haben zu können. Langfristige Herausforderungen bestehen darin, Kindern zu helfen, die ein Trauma erlitten haben, vertrieben wurden, nicht zur Schule gehen konnten und Freunde und Familienmitglieder verloren haben. Kindheitstraumata zu therapieren erfordert eine Behandlung durch Experten, Frieden und Sicherheit und vor allem – Liebe.

Wie sieht die Lage des SOS-Kinderdorfes in Aleppo aktuell aus?

Syrische Flüchtlingsfamilien an einer Trinkwasseranlage Bild vergrößern

SOS-Kinderdorf unterstützt Flüchtlingsfamilien mit Trinkwasser

Das SOS-Kinderdorf in Aleppo wurde 1998 eröffnet. 2012 mussten die Familien aufgrund der heftigen Kämpfe  in das SOS-Kinderdorf Damaskus evakuiert werden. Das SOS-Kinderdorf Aleppo liegt in einer Gegend, in der nach wie vor gekämpft wird. Bevor wir nicht sicher sein können, dass die Kinder und Familien in Sicherheit wären und Zugang zu Schulen, Gesundheitszentren und anderen Leistungen hätten, können wir es nicht wieder in Betrieb nehmen.

SOS-Kinderdorf Syrien unternimmt alles in seiner Macht stehende, um möglichst vielen Kindern zu helfen. Kann noch mehr getan werden?

Syrischer Junge sitzt in einer Schulbank Bild vergrößern

SOS-Kinderdorf ermöglicht Kindern, wieder zu Schule zu gehen.

Eine einzige Organisation kann unmöglich alle humanitären Bedürfnisse der syrischen Bevölkerung abdecken. Aus diesem Grund arbeiten wir eng mit der internationalen Gemeinschaft und anderen Nothilfeorganisationen zusammen. So z.B. mit UNICEF, um in Tartus hunderten Kindern und Jugendlichen den Schulbesuch zu ermöglichen.  Des Weiteren haben wir mit lokalen Partnern kooperiert, um Lebensmittel und Zusatznahrung bereitzustellen. Die Bedürfnisse der syrischen Kinder und Familien in Kriegszeiten zu erfüllen, sind für eine einzelne Organisation schlichtweg nicht machbar.

Wenn Sie einen Wunsch für Syrien frei hätten, welcher wäre das?

 Frieden. Ein friedliches Land, in dem Kinder in Sicherheit und mit ihren Lieben aufwachsen und zur Schule gehen können. Und einfach nur Kinder sein können.

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Syrisches Mädchen hinter zerbrochener Glastür

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