03. 01. 2015Quelle: Evi Wagner /LEO Magazin

Das ist kein Beruf, das ist eine Berufung

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Silke Höllerer ist SOS-Kinderdorfmutter aus Leidenschaft

Gemeinsames Mittagessen, danach mit den Kindern Hausaufgaben machen, zusammen spielen, abends Gute-Nacht-Geschichten vorlesen – der Alltag von Silke Höllerer unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht viel vom Alltag jeder anderen Mutter.

Eine rundum glückliche Familie aus dem SOS-Kinderdorf Oberpfalz Bild vergrößern

Eine rundum glückliche Familie aus dem SOS-Kinderdorf Oberpfalz

Doch hinter ihrem Beruf steckt eine anspruchsvolle Aufgabe: Kindern, die belastende Erfahrungen mitbringen, ein sicheres Zuhause, Geborgenheit, Aufmerksamkeit und professionelle Unterstützung zu geben. Die 41-Jährige ist SOS-Kinderdorfmutter im Kinderdorf Oberpfalz. Eine Lebensentscheidung, die sie noch nie bereut hat.„Wie viele Kästchen musst Du machen?“ Silke Höllerer beugt sich über das Matheheft ihres Pflegesohnes Finn, der 8-jährige besucht die zweite Klasse Grundschule Immenreuth. „Was war’s? 44? Richtig, das stimmt.“ Das gemeinsame Hausaufgabenmachen gehört zum normalen Tagesablauf – genauso wie später das Spielen und Basteln und der Nachmittagskaffee mit der ganzen Familie.

Arbeiten und Leben funktioniert Hand in Hand

In keinem anderen Beruf ist wohl Arbeiten und Leben so verbunden wie in dem der SOS-Kinderdorfmutter. Zusammen mit derzeit vier Pflegekindern – das älteste ist bereits ausgezogen – lebt Silke Höllerer in einem der gemütlichen Häuser des SOS-Kinderdorfs Immenreuth. Vor rund zehn Jahren hat sie sich entschieden, diesen Beruf zu ihrem Leben zu machen. „Vorher habe ich als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet“, erzählt die 41-Jährige. "In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass ich auch fremde Kinder liebhaben kann. Ich merkte, ich will in eine tiefere Beziehung zu den Kindern gehen.“ Drei Jahre ließ sich die Vohenstraußerin Zeit für die endgültige Entscheidung, als SOS-Kinderdorfmutter ins Kinderdorf zu gehen. Längst kann sie es sich nicht mehr anders vorstellen. „Das ist mein Leben, mein Lebensmittelpunkt, wir sind einfach eine Familie.“ Der Arbeitstag von Silke Höllerer beginnt bereits um 5.45 Uhr morgens, da heißt es aufstehen. Die 17-jährige Lisa muss früh zum Zug, sie besucht inzwischen eine Berufsfachschule, um eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin zu machen. Dann werden die Kleinen geweckt, der 12-jährige Nico verlässt um 7.00 Uhr das Haus, um den Bus zu erreichen, der ihn zur Mittelschule Kemnath fährt. Anschließend bringt Silke Höllerer den 8-jährigen Finn und den 9-jährigen Luca zur Grundschule und gönnt sich einen Morgenspaziergang mit ihrem Hund, bevor der Arbeitstag
weitergeht.

Teamwork im SOS-Kinderdorf

„Vormittags habe ich Zeit, um Hausarbeiten zu erledigen oder die Kasse zu führen“, erzählt sie. „Dann finden zum Beispiel auch Teambesprechungen statt.“ Unterstützung im Familienalltag erhält die SOS-Kinderdorfmutter von einer Erzieherin und einer Haushaltshilfe, sie arbeitet ebenfalls eng mit Sozialpädagogen und Psychologen zusammen, regelmäßig gibt es Besprechungen. Denn im Gegensatz zu „normalen“ Müttern betreuen die Kinderdorfmütter meist schwertraumatisierte Kinder. Die Kleinen haben oftmals ein langes Martyrium hinter sich, wenn sie in die Familie kommen. „Es sind ja keine Waisen, die hier leben“, sagt Silke Höllerer. „Unsere Kinder haben leibliche Eltern – ob sie Kontakt haben, das steht auf einem anderen Blatt. Sie haben oft die Hölle hinter sich.“ Die Kinder, die hier im SOS-Kinderdorf leben, brauchen professionelle, therapeutische und pädagogische Unterstützung – und natürlich ganz viel Liebe und Geborgenheit.

"Mein Lebensgefährte gehört mit dazu"

Die bekommen sie hier Tag für Tag von ihrer neuen Mama. „Ich habe die Jungs schon ganz klein bekommen“, erzählt diese. „Luca war erst sechs Monate alt, Nico drei Jahre. Finn kam dann später dazu, da war er eineinhalb. Ich habe das große Glück, dass ich zu allen meinen Kindern eine Beziehung aufbauen konnte. So geht es leider nicht allen Kinderdorfmüttern – denn manche der Kinder wurden so schwer misshandelt, dass sie keinem Erwachsenen mehr trauen.“ Die 41-Jährige war sich der  Verantwortung, die sie mit diesem Beruf auf sich nahm, stets bewusst. Obwohl sie zwar einen Arbeitsvertrag hat, der jederzeit kündbar wäre, kommt das natürlich nicht in Frage. „Man muss sich klar sein, dass man eine lebenslange Beziehung zu diesen Kindern aufbauen und auch halten möchte. Mein Ziel ist es, auch mal Oma zu werden.“ Silke Höllerer lacht, während sie Tassen und Teller auf den Tisch stellt
und Stollen und Lebkuchen vorbereitet. Sie wirkt rundum glücklich, wie sie da so zwischen Küche und Wohnzimmer herumwuselt, zwischendurch Fragen der Kinder beantwortet, Jacken aufhängt und Spielzeug auf die Seite räumt. „Gibst Du der Lisa mal eine Tasse?“ „Danke.“ „Kann ich mal die Milch haben?“ Wie die fröhliche Familie so am Kaffeetisch sitzt, unterscheidet sie sich wohl nicht viel von jeder anderen. Heute ist auch Andreas da, der langjährige Lebenspartner von Silke Höllerer. Die beiden führen eine Fernbeziehung, an seinen freien Tagen lebt der Einzelhandelskaufmann mit im Haus im SOS-Kinderdorf. „Wenn er da ist, dann leben wir auch gerne mal das Traditionelle“, erzählt die 41-Jährige. „Er spielt draußen mit den Jungs Fußball oder rackert mit ihnen im Wald, während ich hier in der Küche stehe. Das passt einfach!“ Die Vaterrolle übernimmt ihr Partner, mit dem sie bereits seit 17 Jahren zusammen ist, jedoch bewusst nicht.

"Ich habe noch keinen Tag bereut"

Er ist eher der erwachsene Freund, den die Kinder sofort ins Herz geschlossen haben. Denn es gibt noch regelmäßig Kontakt zum leiblichen Vater. „Früher waren für eine SOS-Kinderdorfmutter ein Mann und eigene Kinder tabu“, erzählt Silke Höllerer und schüttelt den Kopf. „Doch inzwischen hat sich da einiges getan. Denn die Kinder brauchen ja auch männliche Vorbilder. Mittlerweile ist es eher die Ausnahme, dass eine von uns keinen Partner hat.“ Nicht nur ihr Partner akzeptiert ihre Berufswahl und trägt diese mit – auch ihre eigene Familie steht voll und ganz hinter ihr. „Das ist ein großes Glück“, sagt sie. Bereut hat Silke Höllerer ihre Entscheidung, SOS-Kinderdorfmutter zu werden, übrigens noch nie. „Auch wenn es in den vergangenen Jahren schwere und traurige Tage gab – ich möchte nicht einen davon missen!