"Wir kümmern uns um Armut vor der eigenen Haustür"

Dr. Vincent Richardt

Wer ein SOS-Familienzentrum besucht, wird überrascht sein, wie viele unterschiedliche Angebote es dort für Kinder und ihre Eltern gibt. Dr. Vincent Richardt, Leiter des Ressorts Pädagogik bei SOS-Kinderdorf, erklärt die Grundidee des Konzepts und warum es gerade in Großstädten so wichtig ist.

Herr Dr. Richardt, können Sie kurz schildern, was der Unterschied zwischen einem „normalen“ Kinderdorf und offenen Angeboten ist?

Der SOS-Gründer Hermann Gmeiner konzentrierte sich auf den Aufbau von Gemeinschaften, die immer noch den Kern unserer Arbeit ausmachen. Die offenen Angebote unserer Familienzentren ergänzen das Konzept um ein wichtiges Element: Mit Cafés oder Krabbelgruppen öffnen wir die Türen für alle in der Gesellschaft, die uns brauchen. Vor allem für Familien in Großstädten. Wer daran teilhaben will, kann in der Regel einfach vorbeikommen.

Wie lange gibt es die offenen Angebote schon und welcher Grundgedanke steckt dahinter?

Die Idee kam Ende der 1970er-Jahre ins Rollen und verbreitete sich schnell. Heute sind offene SOS-Angebote für jedermann in vielen Städten zu finden, ob in Salzgitter, Düsseldorf, Hamburg oder Bremen. Sie sind Gold wert, denn sie wachsen über Jahrzehnte in die jeweiligen Stadtteile hinein und werden zum Treffpunkt für Menschen, die sich gegenseitig entlasten und helfen können. Die Angebote wirken aber auch vorbeugend.

Was meinen Sie damit?

Wenn Familien, Mütter, Väter mit ihren Kindern im offenen Café sitzen und eine Frage haben, gibt es nebenan sofort Hilfe, ganz unkompliziert: „Geht doch einfach eine Tür weiter. Da ist ein Pädagoge, der euch gut beraten kann!“ Wir sind an den Nöten der Menschen näher dran und können früh darauf reagieren. Wenn das Jugendamt uns beauftragt, eine Familie in Erziehungsfragen zu beraten, ist meist schon viel schiefgegangen. Manchmal kommt es sogar so weit, dass Kinder aus ihren Familien genommen werden müssen. Unsere offenen Angebote bieten eine Möglichkeit, schon früher etwas zu bewegen.

Sehen Sie in Städten einen besonders großen Bedarf für Unterstützung?

Viele Familien in Ballungsräumen haben leider immer weniger finanzielle Ressourcen, um an dem Leben teilzuhaben, das um sie herum stattfindet. Bei der Arbeit von SOS-Kinderdorf geht es auch darum, für Chancengerechtigkeit zu sorgen und benachteiligte Kinder zu fördern. Wir kümmern uns um die Armut vor der eigenen Haustür. Gerade hier können wir manchmal schon mit wenig Geld viel bewegen. Wir sind froh, dass wir dabei auf die Unterstützung durch Spenden oder die Mitarbeit von Ehrenamtlichen bauen können. Unsere offenen Angebote werden nur zum Teil vom Staat bezuschusst.

Gibt es ein offenes Angebot, das Ihnen besonders gefällt?

Davon gibt es viele! In Düsseldorf haben wir zum Beispiel ein Tonstudio eingerichtet. Dort können Jugendliche ihre Texte in Rap-Musik verwandeln. Und wissen Sie was: Sie sind mit Feuereifer bei der Sache und mit ihren Songs regional sogar schon recht bekannt.

Wird bald in allen Familienzentren gerappt?

Nein, das Schöne an offenen Angeboten ist, dass sich die Familienzentren an den besonderen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen in den jeweiligen Stadtteilen orientieren. Wenn wir im Ressort Pädagogik jetzt sagen würden: Das klingt super, das schlagen wir bundesweit für alle Familienzentren vor, dann hätten wir am Ende lauter ungenutzte Tonstudios. Meistens haben die Leute vor Ort die besten Ideen. Was ist das für ein Kiez? Was wird hier gebraucht? Und das setzen wir dann dort um.

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