21. 01. 2014

Beteiligung-und Beschwerdemanagement im SOS-Kinderdorf Sachsen

Kinder in einem Kreis

Eine Frage des Wollens

"Warum sollen wir nicht in den Büschen spielen?", "Können wir im Winter in der Holzwerkstatt arbeiten?" und "Wann machen wir mal wieder einen Grillabend mit Lagerfeuer und Musik?" Diese Fragen beschäftigen aktuell die Kinder und Jugendlichen im Dorfrat des SOS-Kinderdorfs Sachsen. Der Dorfrat ist eines der Medien, mit denen das Kinderdorf die jungen Menschen an der Gestaltung ihres Alltags beteiligt. Einmal im Monat tragen zehn delegierte Mädchen und Jungen Neuigkeiten, Fragen und Wünsche aus den Kinderdorffamilien und Wohngruppen zusammen, beraten sich und geben Vorschläge an die Einrichtungsleitung weiter.

Beteiligungsstrukturen im SOS-Kinderdorf Sachsen

Viele Kinder und Jugendliche möchten mitentscheiden – über neue Spielgeräte, Freizeitangebote und gemeinsame Feste. Der Dorfrat im Kinderdorf Sachsen gibt ihnen die Möglichkeit, sich für ihre Anliegen und Rechte einzusetzen oder sich zu äußern, wenn sie sich zum Beispiel ungerecht behandelt fühlen. Dann geht es schon mal sehr engagiert um Zubettgehzeiten oder die Frage, ab welchem Alter Kinder ein Handy bekommen können.

Zwei Mädchen aus Sachsen Bild vergrößern

Bei den Kindern und Jugendlichen soll die Gewissheit entstehen, dass sie sich – offen oder anonym – mit allen Sorgen und Wünschen an eine selbst gewählte Vertrauensperson wenden können, etwa wenn sie Konflikte untereinander oder mit Bezugspersonen nicht allein lösen können.

Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche erfahren, dass sie etwas bewirken können, wenn sie sich beteiligen. Dafür hat das SOS-Kinderdorf Sachsen ein umfangreiches Beteiligungs- und Beschwerdekonzept erarbeitet, das fortlaufend weiterentwickelt wird. Angefangen hat es Mitte der 1990er-Jahre mit dem Kummerkasten, in den Kinder auch heute noch anonym Botschaften einwerfen können. Um schon frühzeitig die Wünsche der Kinder aufzunehmen, damit es gar nicht erst zum Kummer kommt, wurde der Dorfrat gegründet. Kommunikationsregeln wie Zuhören, ausreden lassen oder Fragen stellen, sollen den Kindern die Sicherheit geben, auch schwierige Themen vortragen zu können. Sehr früh wurden im Kinderdorf gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen Regeln des Zusammenlebens erarbeitet und vereinbart. Hinzu kamen Vollversammlungen, Handlungsleitlinien zur Beteiligung und die Benennung von Kinderschutzbeauftragten. In jedem Haus, im Freizeitbereich und an zentralen Punkten im Dorf informieren Flyer über Ansprechpartner und Beschwerdemöglichkeiten. Einmal im Quartal weist die "Dorfratte", die Zeitschrift des Dorfrates, auf die Kinderrechte hin und fordert zur Beteiligung auf.

Konzepte mit Leben füllen

Einrichtungsleiter Jürgen Förster Bild vergrößern

Doch wie gelingt es, dieses gut ausgearbeitete Konzept zu leben? Was ist die Voraussetzung dafür, dass die Kinder die vorhandenen Möglichkeiten tatsächlich nutzen? Wie erlernen und erproben sie im Alltag Beteiligung? Berthold Grenz, Kinderschutzbeauftragter und Moderator des Dorfrates, hat die Erfahrung gemacht, dass Beziehung ein zentraler Schlüssel ist: "Wenn die Kinder kein Vertrauen haben, wenn sie einen nicht einschätzen können, dann kommen sie nicht. Die Kinder testen aus: Wenn ich dem was sage, wie geht der damit um?"

Als Fachdienstmitarbeiter ist Berthold Grenz gruppenübergreifend tätig und kennt alle Familien sehr gut. Vielen Kindern ist der Pädagoge auch aus den Freizeitangeboten vertraut. So ist ihre Hemmschwelle, sich zu äußern und sich ihm anzuvertrauen, recht niedrig. Damit Kinder ihre Anliegen und Beschwerden ohne Angst vorbringen können, brauchen sie die Gewissheit, dass ihnen daraus keine Nachteile erwachsen.

Wie Beteiligung gelingt

"Wie man das Konzept der Beteiligung am Leben erhält, das ist auch eine Frage des Wollens" ist sich Jürgen Förster, Leiter des SOS-Kinderdorfs Sachsen, sicher: "Mir ist es wichtig, dass das Wohlergehen der Kinder auch von den Erwachsenen engagiert unterstützt wird; dass die Kinder sich nicht nur im Dorfrat mit ihren Ängsten und Wünschen artikulieren können, sondern dass auch auf der Ebene der Erwachsenen eine entsprechende Welt vorhanden ist, in der man sich unbefangen äußern kann." Auf diese Parallele legt der Pädagoge besonderen Wert: neben dem Vertrauen der Kinder immer wieder die Motivation seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen.

Ansicht des SOS-Kinderdorfes Sachsen Bild vergrößern

Wenn Kinder ihre Rechte kennen, einen Rahmen haben, in dem sie ihre Anliegen vortragen können und wenn diese von pädagogischen Fachkräften in einer achtsamen und reflektierten Einrichtungskultur aufgenommen werden, ist damit eine wesentliche Grundlage für den Kinderschutz geschaffen. Kinder und Jugendliche bei allen relevanten Themen einzubinden, ihnen Gehör zu verschaffen und sie an Entscheidungen zu beteiligen, ist – angesichts der ohnehin hohen Anforderungen an die betreuenden Fachkräfte, die Kinderdorfmütter, die Erzieherinnen und Erzieher – im Alltag allerdings nicht immer einfach. "Das Konzept musste erst einmal einen Platz in den Köpfen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden und als durchführbar erlebt werden," erinnert sich Jürgen Förster.

Das SOS-Kinderdorf Sachsen hat einen Weg entwickelt, Beteiligung – und damit Kinderschutz in einem präventiven Sinne – in die schon bestehenden Prozesse mit einfließen zu lassen: das Gruppengespräch, das Hilfeplangespräch, die Aufnahmesituation, den Kontakt mit den Eltern. "Ich muss diese Wege anders nutzen, die Qualität verändern, zumal wir schon bei 100 Prozent Auslastung sind und bislang keine zusätzlichen Ressourcen für dieses Thema zur Verfügung stehen", so der Einrichtungsleiter. "Je feiner wir dieses Beteiligungswerkzeug ausdifferenziert haben, desto bewusster wurde uns die Bedeutung einer entsprechenden Mitarbeiterführung und -beteiligung: Nur wenn die Mitarbeiter das Gefühl haben, dass sie selbst informiert und beteiligt sind, dass sie selbst ernst genommen werden und ihre Rechte wahrnehmen können, dann sind sie bereit, dies auch den Kindern und Jugendlichen zuzugestehen."

Dass dieser Ansatz gelebt wird, weiß Berthold Grenz, Vertrauensperson für die Kinder und zugleich für die pädagogischen Fachkräfte, aus seiner langjährigen Mitarbeit: "Unser Einrichtungsleiter hat einen sehr demokratischen Führungsstil. Mit seiner Art trägt er dazu bei, dass man sich permanent beteiligt fühlt. Diese Offenheit ist bei uns Tradition." Für das Gelingen von Beteiligung im SOS-Kinderdorf Sachsen hält der Fachdienstmitarbeiter auch die Haltung auf der Mitarbeiterebene für ausschlaggebend: "Das Entscheidende ist der Blick auf den Einzelnen, das Bewusstsein, dass die Kinder Persönlichkeiten sind, die das Recht haben, gesehen zu werden und sich gut zu entwickeln. Genau darum sind wir ja für die Kinder da: damit sie auf die Spur kommen."

Vertrauen schaffen

Wie aber gewinnt man das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen, gerade wenn diese psychisch belastet sind und schon einige Beziehungsabbrüche hinter sich haben? "Man muss erlebbar sein, man muss präsent sein, authentisch sein, denn wenn Erwachsene nur eine Rolle spielen, spüren Kinder ganz schnell, was dahintersteckt", so Jürgen Förster, der selbst seit neunzehn Jahren im Kinderdorf lebt: "Man wird miteinander groß, man sieht sich jeden Tag. Mal wechselt man nur wenige Worte, mal auch mehr, wenn es ein Problem gibt. Man lässt sich aufeinander ein und verlässt sich aufeinander. Das ist eine Form von ganz langsam wachsendem Vertrauen."

Manchmal brauchen die Kinder und Jugendlichen einen Ort, wo sie mit ihrem Kummer aufgefangen werden – wenn zum Beispiel ein Konflikt eskaliert ist. Dann hört sich Berthold Grenz das Problem aus ihrer Sicht einfühlsam an. "Wenn eine Situation sehr emotionsgeladen ist, hilft es, einen Schritt zurückzutreten und diese Emotionen erst mal rauszunehmen, Ruhe reinzubringen." Später wird die Situation aus der Perspektive der Erzieher betrachtet und gemeinsam nach einer Lösung gesucht.

Wenn ein Kind sich nicht anvertrauen kann oder will, kann es sich bei Berthold Grenz oder jemand anderem ein "Sorgenfresserchen“ ausleihen: eine Puppe mit einem großen Mund und einem Reißverschluss. Das Kind kann seine Sorge oder Not auf einem Zettel in den Mund der Puppe legen und den Reißverschluss zuziehen. "Manche schreiben etwas auf, stecken es rein, und dann sag ich: "Guck mal in ein, zwei Tagen rein, ob das noch deine Sorge ist". Oft hat es sich dann schon erledigt. Wenn sie mir die Puppe zurückgeben und ich finde einen Zettel, heißt das für mich, ich darf ihn lesen. Das ist eine ganz tolle Sache, weil die Kinder mir ihren Kummer nicht "face-to-face" sagen müssen, wenn sie davor Bedenken haben. Über so einen Umweg geht das wunderbar."

Beteiligung – von Information bis Mitbestimmung

Beteiligung wird im SOS-Kinderdorf Sachsen auf verschiedenen Ebenen umgesetzt: von der reinen Information über das Angebot einer Beschwerdestelle und die Mitsprache in Beteiligungsgremien bis hin zur Mitbestimmung. Die Kinder und Jugendlichen werden von Anfang an, etwa in Hilfeplangesprächen, mit ihren Wünschen und Vorstellungen gehört und altersgemäß in Entscheidungen einbezogen.

Dass das Konzept im SOS-Kinderdorf Sachsen lebt, merkt Berthold Grenz daran, dass die Kinder ihre Rechte gewahrt wissen und Schwierigkeiten in der Regel frühzeitig angesprochen werden. Seit der Entwicklung des Beschwerdemanagements gibt es eine größere Achtsamkeit: "Man ist wach im Hinblick auf das Thema Beteiligung und Kinderrechte. Es wird hingeschaut – nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Kindern und Jugendlichen, weil sie wissen, sie dürfen das."

SOS-Kinderdorf Sachsen gewinnt  Kinderrechtspreis

Freude über den Kinderrechtspreis Bild vergrößern

SOS-Kinderdorf-Mitarbeiter Berthold Grenz nimmt die Urkunde entgegen

Mit seinem Kinder- und Jugenddorfrat hat das SOS-Kinderdorf Sachsen die Jury überzeugt und 2013 den Sächsischen Kinderrechtspreis erhalten.  Mit dieser Auszeichnung würdigt die Grünen-Landtagsfraktion die seit achtzehn Jahren gelebte Beteiligung im Kinderdorf Sachsen.
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Dieser Beitrag ist Teil des Schwerpunktthemas „Kinderschutz“ auf dem SOS-Fachportal: Mehr erfahren