16. 10. 2017

Ahmads Erfolgsgeschichte

Der ehemalige Flüchtling Ahmad am Rechner der Arbeitsagentur

Der ehemalige Flüchtling Ahmad muss nicht mehr nach einer Arbeit suchen. Er wurde von seinem Ausbildungsbetrieb übernommen.

Im März 2011 fand Ahmad aus Afghanistan, verschüchtert und noch ohne Deutschkenntnisse, zusammen mit vier anderen Jugendlichen in der Wohngruppe Kaiserslauterer Straße Obhut. Sie waren die ersten unbegleiteten minderjährigen Ausländer, die vom SOS-Kinderdorf Saarbrücken unterstützt wurden.

Gut sechs Jahre später, im Sommer 2017, hat Ahmad seinen Gesellenbrief als Sanitär- und Heizungsfachmann samt Elektroschein bestanden. Der junge Mann ist glücklich und erleichtert, nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Der Weg zu diesem Erfolg alles andere als leicht und er brauchte seine Zeit.

Im Eilverfahren Deutsch lernen

Karin Heck, die Bereichsleiterin der Jugendhilfe im SOS-Kinderdorf Saarbrücken, kann sich heute noch gut an Ahmads Anfänge erinnern: „Nach einem fünfmonatigem Deutschkurs habe ich ihn zu seinem Berufsvorbereitungsjahr in einem Berufsbildungszentrum in Saarbrücken begleitet. Nach einer Woche Schulunterricht klingelte mein Telefon: Der Klassenlehrer verlangte die Überprüfung von Ahmads Deutschkenntnissen.“

Nur mit Mühe konnte Karin Heck den Lehrer beschwichtigen, Ahmad weiter in der Klasse zu lassen. Die Berufsschule konnte sich im Gegensatz zu einer Regelschule einfach nicht vorstellen, Schüler mit mangelnden Deutschkenntnissen aufzunehmen. Ahmad fiel es wegen seiner Schüchternheit sehr schwer, sich gegenüber Erwachsenen zu artikulieren. Erst mit der Unterstützung einer Deutschlehrerin bestand Ahmad den schriftlichen Sprachtest und durfte weiter in seiner Klasse bleiben. Zum Glück: Schon bald konnte sich Ahmad sogar als Klassenbester in Mathematik beweisen. Viel Unterstützung fand Ahmad auch bei dem Team-Koordinator der Jugendhilfe, Oliver Singh Der Sozialpädagoge ermutigte und begleitete Ahmad nach seinem Auszug aus der 24-Stunden-Wohngruppe zunächst in der Jugendwohngemeinschaft am Mecklenburg-Ring und danach im Betreuten Wohnen.

Nach zwei Jahren in Deutschland war Ahmad noch voller Selbstzweifel

 Unvergessen sind für Karin Heck zwei weitere Begegnungen mit Ahmad. Der Jugendliche war gerade zwei Jahre in Deutschland und anlässlich einer Jubiläumsfeier der Wohngruppe als ehemaliger Bewohner eingeladen. „Er fragte sich, was er denn schon in Deutschland erreicht hatte“, so die Bereichsleiterin „die Enttäuschung konnte ich deutlich in seinem Gesicht ablesen.“ Er war unzufrieden, dass er noch kein eigenes Geld verdiente und weiterhin auf die Hilfe des Jugendamtes und des SOS-Kinderdorfes angewiesen war. Dabei hatte Ahmad bereits gut Deutsch gelernt, stand vor seinem Hauptschulabschluss und konnte seinen Alltag selbstständig bewältigen.

Ein anderes Mal hatten Ahmad und sein afghanischer Mitbewohner Ali zum Essen eingeladen. Unter den Gästen waren Karin Heck, Oliver Singh und weitere Weggefährten: die Mieterin über der Wohngemeinschaft und stete Fürsprecherin im Mietshaus, ein iranischer Dolmetscher, der von Anfang an die Grundlagen für eine pädagogische Kommunikation gelegt hatte. Die Bereichsleiterin berichtet gerührt: „Nie vergesse ich, mit welcher Perfektion die Jungen die Gastgeberrolle übernahmen und mit welcher Mühe sie ein aufwändiges Menü für uns bereiteten."

Integration geglückt: Sechs Jahre nach seinem Start in Deutschland ist aus Ahmad ein selbstbewusster und selbstständiger junger Mann geworden

Heute, nach sechs Jahren in Deutschland, kann Ahmad ohne die Hilfe der Jugendhilfe leben. Der junge Mann blickt stolz auf seinen Weg zur Integration zurück: Er hat einen Ausbildungsabschluss, er wurde von seinem Ausbildungsbetrieb übernommen, kann jetzt selbstständig von seinem Gehalt leben und zahlt sogar Steuern. „Etwas zurückgeben“, wie Ahmad es empfindet. Er weiß, dass im Handwerk Fachkräftemangel herrscht und sieht darin seine Chance. Er ist überzeugt, dass Menschen, die fleißig und zuverlässig sind und über gute Sozialkompetenz verfügen, dringend gesucht werden.

Andere Flüchtlinge haben auch schon falsche Wege beschritten, meist, wenn ihnen zu wenig Zeit für den Schulabschluss gegeben wurde.

Ahmads Erfolgsgeschichte, das ist für die sieben Kollegen der Jugendgruppe des SOS-Kinderdorfes Saarland ein wichtiges Signal. Ihre pädagogische Arbeit mit unbegleiteten Ausländern (PumA) braucht viel Engagement und Zeit. Sie haben erlebt, das andere junge Flüchtlinge unter dem ständigen Druck des Integrationsprozesses, ohne Familienanbindung und vor allem mit zu wenig Zeit für den Schulabschluss, die Orientierung verloren haben und auf falsche Pfade gerieten.

Zum Glück überwiegen die positiven Integrationsergebnisse, es gibt viel Gutes von Navid, von Naser, Najibullah und vielen anderen zu berichten. Heute sind es etwa 35 junge Flüchtlinge, ein Viertel davon in einer Berufsausbildung, die in unterschiedlichen Settings Erziehungshilfe im Rahmen von PumA erhalten. Die Pädagogen führen die fast ausschließlich männlichen Heranwachsenden in teilbetreuten Jugendwohngemeinschaften und im Betreuten Wohnen an die Selbstständigkeit heran. Die Betreuer vermitteln erfolgreich, dass eine abgeschlossene Ausbildung, die wichtigste Voraussetzung für ein selbständiges Leben in Deutschland ist. Und das sich so die Chance auf ein dauerhaftes Bleiberecht erhöht. Wie bei Ahmad.

Selbst die Wirtschaft hat inzwischen verstanden, dass es Jahre dauert, bis die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt gelingt.

In der politischen Debatte verstummen die Stimmen nicht, die eine Standard-Absenkung der Jugendhilfeleistungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und eine damit einhergehende Kostenreduzierung fordern. Zu teuer seien die Hilfen, zu lange die Verweildauer, zu groß die Zahl der jungen Volljährigen. Auf geplante Förderungskürzungen im SGB VIII (Das SGB VIII regelt das Recht eines jeden jungen Menschen auf „Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“) reagieren Karin Heck und ihre Kolleginnen und Kollegen mit einer sehr kritischen Stellungnahme. „Integration ist ein langwieriger, schwieriger Prozess ist, bei dem allein eingereiste Flüchtlinge unsere besondere Unterstützung verdienen. Junge Menschen wie Ahmad, die ohne Familie auf der Suche nach einer friedlichen Zukunftsperspektive zu uns kommen, verdienen ganzheitliche und fachlich gute Unterstützung.“ Für das Team in Saarbrücken ist es unstrittig, dass sich eine Weiterarbeit an dieser und anderen Erfolgsgeschichten lohnt.

Das SOS-Kinderdorf Saarbrücken leistet vor Ort seinen Beitrag zur gelingenden, gesellschaftlichen Integration. Die Hoffnung, dass dies auch weiterhin ohne Restriktionen erfolgen kann, ist groß.