01. 08. 2012Quelle: Undine Zeidler für Weser Kurier

Kindern ein Zuhause gegeben

22 Jahre hat Inge Göbbel das SOS-Kinderdorf in Worpswede geleitet – jetzt geht sie in den Ruhestand

Inge Göbbel mit Garten-Schmuckstücken Bild vergrößern

Diese Abschiedsgeschenke bekommen in Inge Göbbels Garten einen Ehrenplatz.

Es ist kurz vor 9 Uhr. Am Parkplatz des SOS-Kinderdorfs bückt sich Inge Göbbel, hebt einen Efeuzweig auf und legt ihn an den Wegrand. Wenige Meter weiter am Dorfplatz grüßt sie fröhlich den Pflasterer: "Ideales Wetter für diese Arbeit heute." Dann geht die 63-Jährige ins Büro. Arbeitsbeginn wie an jedem Tag für die Leiterin des SOS-Kinderdorfs. "Aber gleichzeitig auch ganz anders", sagt Inge Göbbel. Wehmut schwingt noch nicht mit bei diesem Ritual, wohl aber in Besprechungen und Begegnungen. Die langjährige Leiterin weiß, dass ihre Zeit im Kinderdorf zu Ende geht. Innerlich hat sie schon "viele kleine Abschiede" gefeiert. Am 31. Juli endete ihr Dienst offiziell.
Dass sie länger bleiben wollte, war Inge Göbbel schon klar, als sie sich 1988 im SOS-Kinderdorf bewarb. "Inhaltlich ist es eine Arbeit, die auf Langfristigkeit angelegt ist", sagt sie. Wenn Kinder lange im Kinderdorf leben, brauchen sie konstante Bezugspersonen. Inge Göbbel zog, wie es zu ihrer Arbeit gehörte, mit Mann und Kind ins Dorf. "Das macht man nicht nur für ein paar Jahre", sagt sie heute. Bis 2003 wohnten sie da und zogen erst mit Blick auf die Rente um. Zu viele Abschiede auf einmal wollte Inge Göbbel nicht feiern. Das wäre emotional noch schwieriger, sagt die Frau, die weiß: Bei der Abschiedsfeier fließen Tränen. Sie lächelt. "Man muss sich seinen Gefühlen auch stellen."

"Wie wird man das, was man ist?" Das Interesse für gesellschaftliche Strukturen führte Inge Göbbel in der 68er-Zeit zur Soziologie. Als der Studiengang von Münster nach Bielefeld umzog, sie aber ihren Studentenjob nicht aufgeben konnte, weil sie damit ihr Studium finanzierte, wechselte Inge Göbbel zur Pädagogik, mit Soziologie und Volkswirtschaft im Nebenfach. Nach dem Studium arbeitete sie als Bildungsreferentin oder mit Lehraufträgen an der Uni. Immer hatte sie mit Erwachsenen zu tun, für sie "fertige Personen". Irgendwann keimte die Idee, mit Kindern zu arbeiten. Sie ging an eine Schule für entwicklungsgestörte Kinder – und vermisste dort die Erwachsenen. Dann kam das SOS-Kinderdorf.
Wenn Inge Göbbel im Wohnzimmer des ehemaligen Dorfleiterhauses von ihrer Arbeit, vom Dorf und den Kindern erzählt, deutet nichts auf den Abschied hin. Eine Frau voller Begeisterung sagt Sätze wie: "Bei einer Einrichtung wie dem Kinderdorf kann man seine Arbeit nur gut machen, wenn man sich als Person ganz darauf einlässt." Sie spricht von diesem Einlassen, das gleichzeitig viel Distanz verlangt, um das eigene Tun zu reflektieren. Das erwarte sie von allen Mitarbeitern, sagt Inge Göbbel. Ihre Aufgabe als Leiterin sieht sie darin, für die Kinder und für die Erwachsenen einen guten Weg zu finden. Alle sollen sich miteinander wohl fühlen.

In diesen 24 Jahren veränderte sich die Jugendhilfe und mit ihr das Kinderdorf als Einrichtung der regionalen Jugendhilfe. Als Inge Göbbel kam, lebten in Weyerdeelen zwölf Kinderdorf-Familien. Der Kindergarten wurde mit einer Gruppe geführt. "Heute ist es ein Jugendhilfeverbund, der sich aus ganz vielen Angeboten zusammensetzt." Das sind neun Kinderdorffamilien, eine Verselbstständigungsgruppe und zwei Tagesgruppen, betreutes Wohnen, ambulante Familienhilfen, eine Erziehungsberatungsstelle und zwei Kindertagesstätten. Für rund 150 täglich betreute Kinder und über 100 Mitarbeiter zeichnet Inge Göbbel verantwortlich. "Ich bin da so mitgewachsen", sagt sie.
Eine gute Einrichtung übergibt sie nach ihrem Empfinden an Joachim Schuch, ihrem Nachfolger. Wo sie darin Spuren hinterlassen hat? Beim Nachdenken lehnt Inge Göbbel sich an die Stuhllehne zurück und schmunzelt. Sie erzählt vom Hausmeister. Der sagte: "Wir haben jeden Stein in der Hand gehabt." Alle Häuser im Dorf wurden modernisiert, fast alle erweitert. Kinder brauchen heute mehr Platz als von den Erbauern der 60er-Jahre gedacht. Das meint sie aber nicht mit Spuren. Sie sagt über ihre Arbeit als Leiterin: "Ich musste dafür Sorge tragen, dass das Kinderdorf sich so entwickelt, dass es zukunftsfähig bleibt." Auf der anderen Seite sah sie ihre Aufgabe darin, die Balance herzustellen zwischen diesen Anforderungen und der Tatsache, dass das SOS-Kinderdorf für Kinder und Mitarbeiter trotzdem ein Zuhause blieb, "ein angenehmer Wohnort" mit Nähe, Vertrautheit und den Routinen im pädagogischen Alltag.
Inge Göbbel hofft, "dass ich das einigermaßen hingekriegt habe". Konkret ging es auch darum, wie lange der Jugendclub geöffnet sein durfte, wie die Silvesterfeier im Dorf gestaltet wurde, welche Kinder aufgenommen wurden und welche Mitarbeiter es in den Häusern gab. Sie wollte den Kindern vermitteln, dass sie an diesem Platz gewollt sind, dass sie da ein Zuhause für eine bestimmte Zeit finden und einen normalen Kinderalltag leben können. Für jeden Menschen sei es wichtig, "sich zugehörig zu fühlen" – wenn das nicht in der eigenen Familie gehe, dann an einem anderen Ort, an einem, der familiären Alltag und fachliche Angebote vereint. "Das finde ich besonders wertvoll", sagt Inge Göbbel. Das macht für sie das SOS-Kinderdorf aus.

Dieses Dorf jetzt loszulassen, falle ihr leicht, sagt die 63-Jährige. "Es ist schön zu erleben, dass jemand diese Aufgabe attraktiv findet und sich darauf freut." Das tut der 46-jährige Joachim Schuch, diplomierter Pädagoge und angehender Arbeits- und Organisationspsychologe. Seit dem 1. Juli leitet er das SOS-Kinderdorf. Inge Göbbel bereitete die Übergabe vor, für die ihnen ein gemeinsamer Monat blieb. Und ab 1. August? Sie lächelt: Erst mal in den Urlaub, weit weg. Und dann? "Ich bin leidenschaftliche Gärtnerin." Was danach kommt? Sie will sich überraschen lassen. Dem SOS-Kinderdorf bleibt sie verbunden – als Ehrenamtliche im Kinderdorf-Verein.