14. 05. 2018Quelle: Christoph Rublack

„Um ein Kind großzuziehen braucht es ein ganzes Dorf.“

Einrichtungsleiterin Dr. Susanne Dillitzer

Interview mit Einrichtungsleiterin Dr. Susanne Dillitzer zum 60-jährigen Jubiläum des SOS-Kinderdorfs in Dießen

Dr. Susanne Dillitzer ist als Leiterin des SOS-Kinderdorfs Ammersee-Lech rund zwei Jahre im Amt. Die Einrichtung feiert in diesem Jahr 60-Jährige Jubiläum und bereitet sich auf Festivitäten vor: Ein Tag der offenen Tür, eine Jubiläumsfeier mit den Spendern, Freunden und Verantwortlichen, Aktionen mit den Mitarbeitern, Kindern und Jugendlichen sowie ein Fachtag sind geplant. Dies ist Grund genug für Dr. Susanne Dillitzer, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, den Ist-Zustand zu betrachten und Pläne für die Zukunft preiszugeben sowie Wünsche zu äußern.

Ein persönlicher Blick in die noch junge Vergangenheit, Frau Dillitzer: Was waren Ihre bisherigen Highlights im SOS-Kinderdorf?

Meine Highlights sind die jährliche Kindervollversammlung und der monatliche Kinder- und Jugend-Rat. Diese sind für mich zum einen sehr schön, weil ich die Kinder im Alltag nicht so oft sehe und da sehe ich sie alle auf einmal. Zur Erklärung: Die Kinder und Jugendlichen des SOS-Kinderdorfs in Dießen treffen sich einmal im Jahr zur Kindervollversammlung und besprechen da ihre Themen und Anliegen. Dabei leiten und moderieren sie diese selber. Sie reflektieren, was im vergangenen Jahr gut gelaufen ist und was sie sich für die Zukunft im Dorf wünschen. Sie haben Anregungen und Ideen. Ich finde ganz großartig zu sehen, wie die Kinder da miteinander umgehen, wie erwachsen sie schon handeln, wie sie ihre Themen vorbringen und selber moderieren. Das gefällt mir sehr gut!

Einmal im Monat trifft sich der Kinder- und Jugendrat. Die Kinder – je ein Kind jeweils als Vertreter einer Kinderdorffamilie – kommen regelmäßig zusammen, um gemeinsam Arbeitskreise, Events, Feiern und Alltagsangelegenheiten zu besprechen. Dies ist eine sehr schöne Form der Beteiligung der Kinder und Jugendlichen hier im Dorf.

Sie sind die erste Frau im SOS-Kinderdorf Dießen in diesem Amt. Was sind Ihre Aufgaben?

Ich sehe meine Arbeit darin, für die Mitarbeiter und Kollegen einen Rahmen und gut Bedingungen zu schaffen, damit sie im Alltag die gute pädagogische Arbeit leisten können, die sie leisten. Dazu gehören ganz viele verschiedene Dinge, vom Etat eines Fuhrparks bis hin zur Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat. Ich sitze viel in Gremien und Teams zusammen und wir besprechen, was die Einrichtung braucht damit eine gute und professionelle Arbeit möglich ist.

Was sagen Sie zu der Arbeit der Mütter und Väter hier im SOS-Kinderdorf?

Ich bin immer aufs Neue tief beeindruckt, wie die Kinderdorfmütter und der Kinderdorfvater ihren Beruf ausüben, der ja fast schon eine Berufung ist. Sie arbeiten mit so viel Herzblut, Engagement und Liebe, aber auch mit großer Professionalität und Fachlichkeit. Diese besondere Art der familienanalogen beziehungs- und bindungsorientierten Arbeit bietet den Kindern und Jugendlichen große Vorteile. Das können wir hier täglich beobachten.

Was sehen Sie als größte Herausforderung für die kommenden Jahre?

Die größte Herausforderung sehe ich darin, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Im Vergleich zu anderen SOS-Kinderdörfern haben wir zumindest bei den Kinderdorfmüttern und -vätern immer noch eine relativ gute Bewerbungslage. Wir können hier für die nächsten drei Jahre vorausplanen. Vielleicht liegt das auch mit an diesem schönen Ort hier.

Doch insgesamt läuft es auf einen Fachkräftemangel im sozialen Bereich hinaus. Wie werden wir also Mitarbeiter zukünftig finden und binden können? Und wie werden wir dann mit den vorhandenen Mitarbeitern unsere Arbeit noch verrichten können? Können wir unser Angebot auch in Zukunft in der Form bereithalten und wie müssen wir unsere Rahmenbedingungen dafür gestalten? Das ist eine der wirklich großen Herausforderungen! Das andere ist, zu schauen, was insgesamt in der Kinder- und Jugendhilfelandschaft passiert und was sich verändert. Wir hatten jetzt die große Herausforderung der Flüchtlingshilfe, für die wir relativ zügig ein Angebot zur Verfügung gestellt haben. Jetzt sind uns nur noch wenige Flüchtlinge geblieben. Einige Unterkünfte mussten wir schon schließen. Also stellt sich die Frage, wie wir unsere Einrichtung so umbauen, dass sie weiterhin noch konkurrenzfähig ist und weiterhin bedarfsgerechtes Angebot, auch für unsere Kostenträger, bereithält.

Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen?

Wir sind im Moment dabei, die baulichen Voraussetzungen für die Kinderdorffamilien zu schaffen. Einige der Häuser werden nach heutigem Standard modernisiert. Zudem werden in den nächsten sechs bis acht Jahren fünf neue Häuser gebaut. Die Wiese hinter dem Kinderdorf wurde bereits dazugekauft und die Baugenehmigung erteilt. So schaffen wir gute räumliche Rahmenbedingungen für die Kinder und Jugendlichen. Beispielsweise erhält jedes Kind mit diesem Konzept ein eigenes Zimmer. 

Außerdem werden die Häuser so geplant, dass sich auch Paare, zum Beispiel als Kinderdorfeltern oder wo einer der Partner die Eltern-Aufgabe übernimmt, zunehmend willkommen fühlen. Somit möchten wir uns möglichst für die nächsten 60 Jahre gut aufstellen und den Stand von zehn Kinderdorffamilien halten. Das ist eine gute Größe für unser Dorf.
Außerdem begleiten wir weiterhin sehr intensiv die gute Ausbildung von Kinderdorfmüttern und -vätern. Wir sind stetig dabei, unsere Pädagogik im Alltag und unsere Konzepte fortlaufend zu prüfen, zu verbessern und den Gegebenheiten anzupassen.

Nun steht zunächst einmal das 60jährige Jubiläum an. Was ist geplant?

Zum Auftakt unseres Jubiläums planen wir eine Woche vor den öffentlichen Festivitäten einen internen 60-km-rund-um-den-Ammersee-Lauf mit den Kindern, Jugendlichen und Mitarbeitern des SOS-Kinderdorfs. Dies organisieren hauptschlich die zwei Laufgruppen, die wir aktuell im Dorf haben. Natürlich muss keiner die 60 Kilometer laufen. Wir werden Busse einsetzen und uns abwechseln. Anschließend werden wir eine Skulptur am Dorfeingang enthüllen, an der alle im Dorf gerade mitbauen und sich jedes Kind verewigen kann.
Am Freitag den 8. Juni veranstalten wir in Landsberg einen Fachtag zum Thema Handlungsbefähigung und selbstbestimmtes Leben. Da präsentiert sich das SOS-Kinderdorf mit seiner Fachlichkeit. Zum Thema, wie wir Kinder und Jugendliche befähigen können, ein erfolgreiches selbstbestimmtes Leben zu führen, forscht SOS intern und kann dies somit auch wissenschaftlich untermauern. Ich finde es ganz wichtig, das SOS gemeinsam mit Fachleuten, Kooperationspartner, Netzwerkpartner über fachliche Themen in die Diskussion kommt.

Am Samstag den 9. Juli findet dann der eigentliche Festakt statt. Am Vormittag werden wir mit lokalen Politikern und den Mitarbeitern des SOS-Kinderdorfes gemeinsam begehen, das vor 60 Jahren das erste Kind eingezogen ist. Am Nachmittag wird es einen Tag der offenen Tür geben, wo wir mit der Bevölkerung gemeinsam feiern möchten, dass es uns gibt und das wir gute Arbeit hier im Landkreis leisten.

Wie ist das SOS-Kinderdorf denn im Vergleich zu früher in den Ort Dießen eingebunden?

Früher, quasi vor 60 Jahren, waren die Kinderheime geschlossen Institutionen. Da sind die Kinder im Kinderheim beschult worden und haben im Prinzip wenig Kontakt zur Außenwelt gehabt. Es war eine von Herman Gmeiners Idee, die SOS-Kinderdörfer ganz nah an einem Dorf oder in einem Dorf oder einer Kleinstadt entstehen zu lassen, damit die Kinder, wie alle anderen Kinder auch, in die örtlichen Schulen gehen. Es ist uns heute ganz wichtig, dass unsere Kinder und Jugendlichen in die örtlichen Vereine gehen, zum Schwimmen, zum Tanzen, und die ganz normalen Dinge tun, wie das bei Familien üblich ist. Sie dürfen von Ihren Schulkameraden Besuch bekommen, auch mal Übernachtungsbesuch haben und können selber auch mal außerhalb übernachten. Die Kinder sind ganz wunderbar nach Dießen integriert, auch zum Beispiel im Trachtenverein, bei der Feuerwehr oder in ähnlichen Vereinen oder bei Aktivitäten.

Was hat sich seit der Grundsteinlegung bis heute im SOS-Kinderdorf verändert, was ist gleich geblieben?

Gleich geblieben ist die Idee, dass das Leben wie in einer Familie für Kinder sehr förderliche Elemente beinhaltet und wir dieses Konzept so umsetzen. Menschen im Kinderdorf stehen in einer zentralen Verantwortung und teilen ihr Leben mit den Kindern, auch das ist geblieben. Verändert hat sich, dass es nun nicht mehr ausschließlich Kinderdorfmütter gibt, sondern dass auch Ehepaare, Väter oder sogar Familien das Leben mit den Kindern im SOS-Kinderdorf teilen. Es hat sich verändert, dass wir stärker an unseren Netzwerken – innen wie außen – bauen, beispielsweise durch zusätzliche Fachkräfte, Psychologen, Pädagogen, Schulen und Therapeuten. Damit bekommen die Kinder die Unterstützung, die sie benötigen. Man könnte sagen, das Herz ist geblieben, der Verstand gewachsen. Heute legen wir mehr Wert auf die Zusammenarbeit mit den Herkunftsfamilien. Die Eltern sind unsere Partner, das wünschen wir uns zunehmend. Früher hat man die Kinder eher aus ihren Familien herausgenommen und nicht mehr an Rückführung gedacht. Heute sind wir viel mehr darauf bedacht, uns mit dem Herkunftssystem der Kinder und Jugendlichen auseinanderzusetzen, die Zusammenarbeit mit den Eltern zu stärken und immer wieder zu überprüfen, ob eine Rückführung möglich ist. Insgesamt kann man sagen, heute orientieren wir uns an der Außenwelt und begreifen uns als ein System, das eingebettet ist in viele andere Systeme.

Wie werden die Kinder und Jugendlichen ausgewählt, die ins SOS-Kinderdorf kommen?

Wir haben eine stetige Nachfrage. In Zusammenarbeit mit den Fachkräften und den SOS-Kinderdorf-Familien gibt es Vortreffen mit den in Frage kommenden Kindern, um sich gegenseitig kennenzulernen. Es gibt Probewohnmöglichkeit und es wird darauf geachtet, dass es sowohl für das Kind bzw. den Jugendlichen passt, als auch für die Kinderdorffamilie. Denn oftmals handelt es sich ja doch um einen langfristigen Aufenthalt und da muss die gegenseitige Chemie schon stimmen.

Was gefällt Ihnen bei SOS ganz besonders gut? Was ist das Besondere für Sie?

Meine Eltern sind Spender für die SOS-Kinderdörfer gewesen, deshalb war es als Kind schon in meinem Bewusstsein, dass es diese Einrichtungen gibt. Nach dem Psychologie-Studium und nach meiner ersten Beschäftigung in einer Klinik habe ich eine Stelle bei SOS gefunden. SOS genießt in der Fachwelt, unter uns Psychologen und Pädagogen, einen guten Ruf als Arbeitgeber. Ich bin dem gefolgt und fand dies auch bestätigt. SOS besticht ganz besonders dadurch, dass es innovativ ist und fundierte pädagogische Arbeit leistet. Aber wir beschränken uns nicht nur auf die rein pädagogische Arbeit und bieten den Kindern nicht nur einen guten Platz zum Aufwachsen, sondern es wird auch untersucht, ob die Arbeit die wir machen und die pädagogischen Konzepte tatsächlich sinnvoll sind. So haben wir ein kleines pädagogisches Institut, das zu verschiedenen Themen forscht, zum Beispiel eine Langzeitstudie zum Thema Heimunterbringung. Demokratiearbeit, also den „Kindern eine Stimme geben“, ist aktuell ebenfalls ein großes Thema bei SOS. Das Gesamtkonzept gefällt mir wirklich sehr gut.

Wie sind die Landsberger Einrichtungen mit dem SOS-Kinderdorf in Dießen verknüpft?

Auf verschiedene Art und Weise. Ganz praktisch haben wir in Landsberg eine interdisziplinäre Frühförderstelle mit sehr gutem Personal, die Kinder mit Förderbedarf von der Geburt bis zum Schuleintritt unterstützen. Da ist es unser Anliegen, dass kleine Kinder, die im SOS-Kinderdorf aufgenommen werden, hier zunächst einmal diagnostiziert und später möglicherweise weiter unterstützt werden. Zudem sind wir dabei, in Landsberg Wohngruppen aufzubauen, in denen auch Jugendliche des SOS-Kinderdorfs in Dießen, die in Landsberg beispielsweise eine Ausbildungsstelle finden, untergebracht werden können. Weitere Vernetzungen sind geplant, um das Angebot für das SOS-Kinderdorf zu erhöhen.

Wie wird den Kindern und Jugendlichen im SOS-Kinderdorf von Seiten der Verantwortlichen begegnet?

Die meisten Kinder, die bei uns ankommen haben schon relativ viel erlebt, leider nicht immer auf sehr positive Art und Weise. Was wir versuchen, ist die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen. „Wo stehst du jetzt, was sind deine Ziele, wo möchtest du dich hin entwickeln, wie kannst du das erreichen und wie können wir dich dabei unterstützen?“, sind einige Leitfragen. Wir arbeiten mit ihnen ihre Vergangenheit auf, versuchen aber auch ganz viele Perspektiven für die Zukunft zu schaffen. Und wir schaffen den Rahmen, indem wir ihnen hier im Dorf Sicherheit und Geborgenheit, eine vertrauensvolle, umsorgende Umgebung, quasi eine familienähnliche Situation bieten. Ich finde, das geschieht hier auf hervorragende Weise. Wir sind ein Dorf, in dem es viel Platz gibt, mit seinen Wiesen und Feldern drumherum, wo sich die Kinder austoben können, mit anderen Kindern spielen können. Alle schauen aufeinander, unterstützen sich gegenseitig und gehen sehr fürsorglich miteinander um. Das tun nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder untereinander. Die Kinder und Jugendlichen werden hier aufgefangen und haben im Dorf einen sicheren Hafen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: „Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Ich finde, das passt ganz gut auf uns.