26. 12. 2015

„Jedes Kind ist einzigartig"

Kinderdorfmutter Muhonde aus Simbabwe

SOS-Kinderdorfmutter Mary Joyce Muhonde aus Simbabwe besuchte anlässlich unseres Jubiläumsjahres Deutschland

Es gibt keinen großen Unterschied zwischen einer SOS-Kinderdorfmutter in Deutschland und einer in Simbabwe. Außer, dass wir keine Wasch- und Spülmaschinen haben“, sagt Mary Joyce Muhonde lachend. Die Idee, nach der die SOS-Kinderdorfmütter in Deutschland und weltweit leben, verbindet sie und ihre Familien über Entfernungen von mehr als 10.000 Kilometern. Natürlich gibt es in ihrem Heimatland im südlichen Afrika einige regionale Besonderheiten, wie sich im Gespräch mit der 72-Jährigen zeigt. Während in Deutschland etwa vier bis sechs Kinder in einer Familie leben, zog Muhonde im ersten SOS-Kinderdorf Simbabwes zehn bis zwölf Kinder zugleich groß.

Kinderdorfmutter Muhonde an Hermann Gmeiners Grab in Österreich Bild vergrößern

Am Grab Hermann Gmeiners im österreichischen Imst gedachte sie des Gründers des SOS-Kinderdorfs.

16 Jahre ihres Lebens hat die ehemalige Kinderdorfmutter ausschließlich Kindern gewidmet – verlassenen, vernachlässigten und missbrauchten Jungen und Mädchen. „Wie in Deutschland haben natürlich auch in Simbabwe viele Kinder Schlimmes erlebt, bevor sie im SOS-Kinderdorf ein neues Zuhause fanden“, berichtet Muhonde. Als Familienoberhaupt muss eine SOS-Kinderdorfmutter sie auffangen, trösten und beschützen. „Jedes Kind ist einzigartig. Ich habe einen engen Austausch zu meinen Schützlingen gepflegt“, sagt Muhonde.
Auch der Umgang mit Geld sei eine zentrale Aufgabe: Eine Kinderdorfmutter muss mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gut haushalten. Wie in jeder Familie aber lassen sich nicht alle Ausgaben planen: „Manchmal gibt es ein HIV-positives Kind, das mehr Aufmerksamkeit benötigt. Es muss etwa darauf geachtet werden, dass die Medikamente nach Vorschrift eingenommen werden. Auch Krankenhausaufenthalte sind häufig nötig.“

Wecker auf fünf Uhr

Auf jedes einzelne Kindes eingehen, allen eine gute Mutter sein und Strukturen vermitteln kostet viel Zeit. Schon um fünf Uhr, so Muhonde, klingelte deshalb jeden Morgen ihr Wecker.
Während Muhonde das Frühstück für die ganze Familie vorbereitete, machten die Kinder ihre Betten. Schrittweise leitete die Mutter sie an, im Haushalt Aufgaben zu übernehmen. Dazu gehörten Arbeiten wie spülen, aufräumen, Kleidung waschen und bügeln. „Wichtig ist, dass die Kinder zur Selbstständigkeit  erzogen und später in der Gesellschaft akzeptiert werden“, sagt sie.

Lehrerin fürs Leben

Bevor sie SOS-Kinderdorfmutter wurde, arbeitete Mary Joyce Muhonde als Lehrerin. In ihrer Klasse gab es zwei Waisenkinder, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Ein neues Zuhause fanden sie bei ihrer Großmutter. Nicht selten kamen sie aber ohne Frühstück in die Schule. Und auch in Simbabwe fallen die Temperaturen in den dortigen Wintermonaten Juni bis  August unter fünf Grad Celsius – selbst an solchen Tagen trugen die Kleinen keine warmen Schuhe. Muhonde konnte das nicht lange mit ansehen: Sie gab den Kindern Geld, „damit sie sich etwas zu essen kaufen konnten“. Doch sie wollte noch mehr tun.
„Als ich 1989 einen Zeitungsartikel las, in dem SOS-Kinderdorfmütter gesucht wurden, bewarb ich mich sofort.“ Im Februar desselben Jahres kündigte sie ihre Stelle als Lehrerin. Schon am 14. April zog sie in eines der 15 Familienhäuser in Bindura und startete in ihr neues Leben als SOS-Kinderdorfmutter. „Das war mehr als ein Beruf, das war eine Berufung.“
Gerade einmal 19 Tage alt war das jüngste Kind, das in ihre Obhut kam – zwischen 16 und 18 Jahren waren die ältesten Kinder, die sie betreute. Manchen von ihnen stand Muhonde auch nach deren Ausbildung mit mütterlichem Rat weiter zur Seite.
„Es war nicht für alle einfach, in Simbabwe einen Job zu finden“, erinnert sie sich. Bis heute hat Muhonde, die 2005 in Rente ging, Kontakt zu vielen der Kinder, die oft nur sie als Mutter kennen. Stolz berichtet sie, was aus ihnen geworden ist – erzählt von Christian Ngozo, der sein IT-Diplom in Harare abschloss und in Südafrika Arbeit fand, heute Frau und Tochter hat. Oder von Diana Pahuwa, die ihr Diplom in Landwirtschaft an einem renommierten privaten College erhielt und inzwischen ebenfalls selbst Mutter ist.

Zu Besuch in Deutschland

Kinderdorfmütter Mary Joyce Muhonde und Christine Czermak mit den SOS-Kinderdorf-Botschaftern Götz Otto und Maxi Arland Bild vergrößern

Während der Jubiläumsveranstaltung in Dresden unterhielten sich die Kinderdorfmütter Mary Joyce Muhonde und Christine Czermak mit den SOS-Kinderdorf-Botschaftern Götz Otto und Maxi Arland.

Als Vertreterin der SOS-Kinderdorfmütter in aller Welt wurde Muhonde in diesem Jahr eingeladen, bei Jubiläumsveranstaltungen in der ganzen Bundesrepublik von ihrer Arbeit zu erzählen. „Ich danke allen Paten für die tolle Unterstützung, dafür, dass sie in der Welt Patenschaften für Kinder übernehmen, insbesondere in Simbabwe.“

Zum Abschluss ihres Besuchs konnte die 72-Jährige sich auch noch einen Herzenswunsch erfüllen: Sie reiste ins österreichische Imst und besuchte das Grab von Hermann Gmeiner – nachdem sie über zwanzig Jahre lang als Kinderdorfmutter seine Ideen in die Tat umgesetzt hatte. Ein bewegender Augenblick, an den sich Muhonde gerne erinnert. „Ich bin nun in Rente, aber ich werde nie müde sein, eine SOS-Kinderdorfmutter genannt zu werden.“