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„Die klassische Familie ist zur Ausnahme geworden“

Zwei Mütter mit Babys auf dem Arm Der Vater arbeitet, die Mutter kocht und kümmert sich um die Kinder – was früher Gang und Gäbe war, ist heute ein längst überholtes Familienbild. In vielen Ehen hat sich das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau geändert, häufig arbeiten beide Ehepartner, Kinder gehen früh in die Krippe oder zur Tagesmutter. Man lebt nicht mehr dort, wo man aufgewachsen ist, oft wohnen Verwandte wie Oma und Opa nicht mehr in der Nähe. „Familie hat sich verändert, nicht aber ihre Bedeutung“, sagt Dr. Bernhard Kühnl. Er ist Leiter der Erziehungs- und Familienberatung im SOS-Beratungs- und Familienzentrum München. 500 Familien besuchen pro Jahr das Beratungszentrum. Sie alle suchen Rat und Hilfe, weil sie für das Familienleben dringend Unterstützung brauchen. Bernhard Kühnl betont: „Als Erziehungsberatungsstelle, die für eine Region zuständig ist, beraten wir kostenlos alle Familien, die Probleme haben und in unserer Region wohnen. Der Schwerpunkt unserer Beratung liegt aber bei der Unterstützung sozial benachteiligter Familien.“

Familie bedeutet, Vertrauen zu haben und miteinander zu reden

Porträt von Dr. Bernhard Kühnl Doch warum suchen Familien Hilfe im SOS-Beratungszentrum? „Häufig sind es Erziehungsfragen, zum Beispiel wenn das Kind abends nicht ins Bett gehen möchte“, sagt Bernhard Kühnl. Auch Schulprobleme der Kinder seien Gründe für besorgte Eltern, nach Rat zu fragen. „An erster Stelle stehen aber Scheidungs- und Trennungsgründe“, sagt Kühnl. „ Die klassische Familie ist tendenziell tatsächlich die Ausnahme geworden. Bei den Familien, die wir beraten, leben nur noch 50 Prozent der Kinder bei beiden Elternteilen und 50 Prozent bei einem Elternteil.“ Das familiäre Netzwerk sei insgesamt brüchiger geworden. Kühnl: „Berufstätigkeit erfordert heutzutage Flexibilität. Viele Familien ziehen um, so dass Großeltern oder andere Verwandte nicht mal eben kurz auf die Kinder aufpassen können.“

Dennoch müsse das heutige Familienbild nicht grundsätzlich schlechter sein als das traditionelle. „In Familien jeglicher Art geht es vor allem darum, sich zu vertrauen und miteinander zu reden“, sagt Kühnl. „Das funktioniert in traditionellen Familien genauso gut wie in Patchwork-Familien.“

Und wenn es Probleme gibt, will SOS helfen. „Wir bieten Familien- und Kindertreffs, Erziehungs- und Familienberatung an. Ein besonderer Schwerpunkt ist auch die Beratung von Flüchtlingsfamilien, die in Asylbewerberunterkünften leben“, sagt Bernhard Kühnl. „Wir sehen unsere Beratung in erster Linie als Hilfe zur Selbsthilfe. Wir geben viele alltagspraktische Tipps, versuchen die Familien aber auch psychisch zu unterstützen.“ Typisch seien zum Beispiel alleinerziehende Mütter, die wenig soziale Kontakte hätten und nicht nur Unterstützung, sondern auch Freundschaften suchten. „Wir bieten dann die Möglichkeit an, unsere offenen Cafés zu besuchen. Dort treffen sich Menschen in ähnlichen Lebenslagen.“ In der Beratung stehen laut Bernhard Kühnl aber nicht nur die Eltern im Fokus. „Es geht uns auch darum, die Kinder zu begleiten. Für sozial benachteiligte Kinder bieten wir zum Beispiel Spielstunden an, in denen sie von unseren Mitarbeitern betreut werden und wo sie die Möglichkeit haben, über ihre belastenden Erlebnisse zu reden.“

Trend geht zu Patchworkfamilien und Alleinerziehenden

Drei Mütter mit Kindern im SOS-Familienzentrum Nicht nur die Eltern, auch Vereine, Verwandte und Freunde zählt Kühnl zum erweiterten Kreis der Familie. „Gerade in Scheidungsfamilien spielen diese Bezugspersonen und -einrichtungen eine wichtige Rolle und können ebenfalls die Geborgenheit einer Familie geben oder diese zumindest ergänzen.“

Und wie sieht Familie in Zukunft aus? Kühnl: „Der Trend wird weiterhin zu Patchworkfamilien und Alleinerziehenden gehen. Deshalb wird der Wunsch nach einer besseren Ganztagsbetreuung immer stärker.“ Kühnl betont: „Es muss zukünftig eine umfassende Betreuung auf qualitativ hohem Niveau geben.“

Außerdem steige die Zukunftsangst der Familien wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit. Kühnl: „Hier hoffe ich auf die Politik. Sie muss das Lebensgefühl moderner Familien erkennen und sich auf ihre Sorgen, Ängste und Bedürfnisse einstellen.“