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Mobbing: Opfer kann jeder werden
Lisa* ist verzweifelt. Seit sie in der neuen Schule ist, läuft für die Elfjährige nichts mehr rund. Zuerst haben die neuen Klassenkameraden sie wegen ihrer selbst gestrickten Pullover gehänselt, dann ihren Dialekt nachgeäfft. Nun, nach zwei Monaten, haben sie ihr die Jacke versteckt, sodass sie trotz Regen im Pulli nach Hause gehen musste. Geholfen hat ihr niemand, als Laura und Melanie unter dem Gelächter der anderen Mädchen ihr „Bitte gebt mir die Jacke wieder“ nachäfften.
Spätestens jetzt, sagt Diplom-Psychologin Margit Erades-Peterhoff, ist das erreicht, was an Schulen aller Arten immer häufiger wird: Mobbing im Klassenzimmer.
Rädelsführer und die schweigende Mehrheit
Mobbing, erläutert die Mitarbeiterin der SOS-Beratungsstelle in Landsberg am Lech, unterscheidet sich von den üblichen Streitereien zum einen dadurch, dass ein Kind oder Jugendlicher von einer ganzen Gruppe über einen längeren Zeitraum hin ausgeschlossen wird. Zum Mobbing gehören außerdem ein oder mehrere Rädelsführer, ein paar Mitläufer sowie eine „schweigende Mehrheit“, die zusieht, aber nichts unternimmt. Und: Mobbing baut sich langsam auf und wird dann oft immer extremer – bis hin zur Straftat, wenn die Opfer zu „Mutproben“ genötigt oder um Geld erpresst werden.
Früh eingreifen
Besonders wichtig ist es deshalb, möglichst frühzeitig einzugreifen, betont Margit Erades-Peterhoff. Nachdem oft Kinder und Jugendliche zu Opfern werden, die (noch) wenig Rückhalt in der Gruppe haben, sollten sich „Neue“ an Klassen und Schulen rasch Gleichaltrige suchen, die ihnen sympathisch sind und sich mit diesen anfreunden. Lehrer können sie dabei unterstützen, indem sie neue Schüler gezielt neben sozial kompetente Mitschüler setzen. Eltern helfen, indem sie Einladungen – möglichst auch mehrerer Freunde – gut heißen und fördern. Auch ein im Elternhaus entwickeltes gesundes Selbstvertrauen hilft, so die Psychologin.Allerdings: Mobbingopfer kann jeder werden, weiß man inzwischen aus unzähligen Studien. Ein klassisches „Profil“ für Opfer gibt es nicht, die Täter wählen ihr Opfer einfach, weil es auf irgendeine Art „anders“ ist. Doch das, so Margit Erades-Peterhoff, ist ja im Grund jeder. Das sollten Opfer, ihre Eltern, aber auch Lehrer nicht vergessen. Denn oft werde den Opfern die Schuld an ihrer Misere gegeben. Dabei weiß man aus vielen Untersuchungen, dass Mobbing auch nicht durch die Bemühungen des Opfers gestoppt werden, sich anders – also vermeintlich sozial erwünscht – zu verhalten. Im Gegenteil. Egal, wie das Opfer reagiert – ob wehrhaft oder passiv: Ist der Prozess einmal angelaufen, kann ihn das Opfer kaum mehr selbst aufhalten.
Helfer-Gruppen initiieren
Auch wenn es ihnen oft schwer fällt – zum einen denken vor allem Jugendliche, sie müssten alleine klar kommen zum anderen haben sie Angst, weil ihnen die Täter noch mehr Ärger androhen wenn sie es jemanden erzählen – sollten Mobbingopfer rasch Hilfe bei Erwachsenen suchen. So hat sich auch Lisa nach dem Vorfall mit der Jacke ihren Eltern anvertraut. Die wiederum suchten das Gespräch mit der Klassenlehrerin, der die Vorgänge noch gar nicht aufgefallen waren. Danach handelte sie allerdings schnell: Bei einem „Morgenkreis“ in der Klasse sprach sie das Thema an, schilderte Lisas Verzweiflung und rüttelte damit die „schweigende Mehrheit“ wach. Etliche Mitschüler erklärten, so ermutigt, in der Runde, dass ihnen das Verhalten der anderen schon seit längerem nicht mehr gefallen habe und stellten sich hinter Lisa. Geht Mobbing über einen längeren Zeitraum, entwickelt die „schweigende Mehrheit“ allerdings – auch unter dem Druck der Rädelsführer und Mitläufer – oft eine Antipathie gegen das Opfer, berichtet die Sozialpädagogin und Mediatorin Dagmar Cordes. Dann gibt es verschiedene Methoden, die Lehrer einsetzen können, um das Mobbing zu beenden – zum Beispiel das „No blame“-Verfahren, das in England entwickelt wurde. Dabei benennt das Opfer die Haupträdelsführer sowie einige Gleichaltrige, zu denen es Vertrauen hat, erläutert Schulsozialarbeiter Christian Müller-Tolk. Gemeinsam bilden sie eine so genannte „Helfer-Gruppe“, die sich ganz gezielt während unbeliebter Schulstunden trifft. Alle in der Runde werden als Helfer begrüßt, dann wird das Problem geschildert, Betroffenheit und Wertschätzung mit dem Opfer hergestellt und anschließend konkrete Hilfen für das Opfer erarbeitet. Jeder Helfer wird schriftlich verpflichtet, sein Teil beizutragen; auf eine Bestrafung wird bewusst verzichtet. Nach zwei Wochen werden ausführliche Nachgespräche mit Opfer und Tätern geführt. Hat das Mobbing bereits Ausmaße erreicht, bei denen zum Beispiel gezielt Gerüchte über das Opfer verbreitet werden, empfiehlt Cordes eine Intervention in sechs konfrontativen und mediativen Schritten.
Den "Tätern ist ihr tun oft nicht bewusst"
Dabei wird ein Konflikthilfeteam aus sechs Schülern und sechs Lehrern zusammengestellt, das mit Opfer und Angehörigen Gespräche führt. Anschließend wird das Umfeld einbezogen – am besten, indem das Opfer zusammen mit dem Team in die Klasse geht, selbst seine Situation schildert und damit wieder die Empathie der schweigenden Mehrheit gewinnt. Danach sollte eine Täter-Opfer-Mediation folgen und schließlich eine Rehabilitation des Opfers, indem sich der Täter vor der Klasse entschuldigt. Manchmal, berichtet Margit Erades-Peterhoff aus der Beratungspraxis, ist das Mobbing aber auch so weit fortgeschritten, dass Kinder und Jugendliche die Klasse oder gar Schule wechseln müssen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Sie kennt sogar Fälle, in denen Mobbing beinahe bis zum Suizid geführt hat. Dann werden in gewisser Weise auch die Täter zum Opfer, denn „damit kann es auch ihnen nicht mehr gut gehen“, sagt sie. Den Tätern ist auch oft nicht bewusst, welch bleibenden Schaden sie anrichten, wenn sie etwa gefälschte Fotos oder haltlose Gerüchte ins Internet stellen. Denn die lassen sich meist nicht mehr löschen und werden so weit verbreitet, dass sich die Opfer manchmal buchstäblich nicht mehr aus dem Haus trauen, berichtet die Psychologin. Für sie ein weiterer Grund, möglichst frühzeitig einzuschreiten.
Ein offenes Ohr für die Kinder
Eltern sollten deshalb stets ein offenes Ohr für ihre Kinder haben, auch wenn Berichte über Gezicke und Streitigkeiten manchmal nerven. Wichtig seien auch Gespräche über in der Familie über Mobbing, bei denen erklärt wird, wie leicht Opfer, aber auch Täter und Mitläufer entstehen. Eltern sollten darüber hinaus ansprechen, wie wichtig es ist, das Schweigen der Mehrheit zu durchbrechen und dem Lehrer gegenüber Dinge anzusprechen, die Unbehagen bereiten. Kann oder will der nicht helfen, ist der Vertrauenslehrer oder Schulpsychologe/-sozialarbeiter der richtige Ansprechpartner, so Margit Erades-Peterhoff. Oder Eltern und/oder Kinder wählen den Weg zu einer Erziehungsberatungsstelle. Dort wird in Gesprächen mit den Betroffenen zunächst geklärt, was hinter den Vorfällen steckt und dann nach Möglichkeit gemeinsam überlegt, wie Abhilfe geschaffen werden kann. Falls nötig, begleiten die Mitarbeiter der Beratungsstelle Kinder und Eltern auch bei Gesprächen mit der Schule und besprechen mit den Lehrkräften geeignete Maßnahmen. Wird rechtzeitig Hilfe gesucht, kann Mobbing wie bei Lisa oft schnell unterbunden werden. Die Elfjährige ist mittlerweile in ihrer neuen Klasse gut integriert und geht wieder gerne in die Schule.
* Name geändert