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Lisa lernt, zu genießen
Essen war lange so etwas wie Lisas* Feind. Es war etwas, das sie erst in sich hinein schlang, um es anschließend wieder auszuwürgen. Als Lisa 14 Jahren alt war, ging es ihr so schlecht, dass sie ein Arzt zur Behandlung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie überwies. Die Diagnose: eine starke Essstörung und depressive Züge. Nach der klinischen Behandlung zog Lisa kurz vor ihrem 15. Geburtstag dann in ihr neues Zuhause, eine Jugendwohngemeinschaft der SOS-Jugendhilfen Nürnberg-Fürth-Erlangen. Jugendliche in unterschiedlichen, oft schwierigen Lebenslagen, werden hier gemeinsam betreut.
Die Essstörung hatte Lisa mit ihrem Einzug noch längst nicht besiegt. „Sie war damals sehr verschlossen und zurückgezogen“, erinnert sich Andreas Tonke, Abteilungsleiter des stationären Bereichs der SOS-Jugendhilfen. Nur langsam fasste Lisa Vertrauen zu den SOS-Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und den sieben Jugendlichen, mit denen sie von nun an zusammenlebte. „In den Wohngemeinschaften ist immer jemand für die Jugendlichen da“, erklärt Andreas Tonke. Den Haushalt organisieren alle gemeinsam, jeden Abend trifft sich die Gruppe zum gemeinsamen Essen. Die Jugendlichen kochen abwechselnd mit ihren Betreuern.
"Nebenbei" über Probleme reden
„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen am Anfang oft nebenbei mit uns über ihre Probleme reden, beim Kochen oder bei der Hausarbeit“, sagt Andreas Tonke. „Wenn dieser Punkt erreicht ist, können wir etwas tun.“ Bei Jugendlichen etwa, die sich selbst verletzen, versuchen die SOS-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit ihnen herauszufinden, in welchen Situationen es dazu kommt, wo die Auslöser liegen. Ähnlich bei Essstörungen: Mit Lisa einigten sich die Betreuer darauf, dass die 15-Jährige zu ihnen kommen kann, wenn sie das Bedürfnis hat, sich nach dem Essen zu übergeben. Nach und nach taute Lisa auf, vertraute sich den Betreuern und Betreuerinnen an, schloss Freundschaften mit den anderen Jugendlichen und bekam ihre Essstörung schließlich in den Griff.
Jugendliche richten Wut gegen sich selbst
„Krisen macht jeder Jugendliche durch“, sagt Andreas Tonke. Doch manchen fehle ein stabiles Umfeld, das sie auffängt. Im schlimmsten Fall richten die Jugendlichen ihre Wut, Angst und Trauer dann gegen sich selbst. Sie verletzen sich oder entwickeln Essstörungen, so wie Lisa. In ihrem Fall lag die Ursache im gespannten Verhältnis zu ihrer Mutter. Drei Kinder überforderten die Mutter, viele ihrer wechselhaften Launen musste Lisa aushalten. „Essen zu verweigern, war Lisas Weg, ihre Mutter zu bestrafen“, erklärt Andreas Tonke.
Gespräche mit Mutter und Geschwistern
Erst etwa fünf Monate nach ihrem Einzug in die SOS-Wohngemeinschaft nahm Lisa zum ersten Mal wieder Kontakt zu ihrer Familie auf. Der SOS-Fachdienst, ebenfalls ein Teil der Jugendhilfen, unterstützte sie dabei. Gemeinsam mit den Familientherapeutinnen führte Lisa wieder erste Gespräche mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern. „Diese Gespräche konnten vieles klären“, sagt Andreas Tonke. Trotzdem traf Lisa eine Entscheidung: Sie wollte nicht wieder zu Hause einziehen.
Nach zweieinhalb Jahren in der SOS-Wohngemeinschaft bezieht Lisa jetzt in ihre erste eigene Wohnung, sie lernt fleißig fürs Abitur - sogar der Kontakt zu ihrer Familie verbessert sich. „Lisa hat gelernt, Verantwortung für sich zu übernehmen“, sagt Andreas Tonke. „Wir sind alle ganz sicher: Sie macht jetzt ihren Weg.“
*Name von der Redaktion geändert