Weitersagen
Einfach unbeschreiblich
Manchmal ist ein Leben so voller Erlebnisse und Geschichten, dass man nicht weiß, wo man beginnen soll, wenn man es erzählen möchte. Das Leben von Hedwig Wedi ist so eines. 35 Jahre lang hat die 74-Jährige als SOS-Kinderdorfmutter gearbeitet. Elf Kindern hat sie ein liebevolles Zuhause geschenkt.
Obwohl Hedwig Wedi seit vielen Jahren in Rente ist, wohnt sie noch immer am Rande des SOS-Kinderdorfes Lippe. Dort sitzt sie auf ihrem Balkon, blinzelt in die Sonne und spricht von den Jahrzehnten als SOS-Kinderdorfmutter. Neben Hedwig Wedi sitzt ihr Enkel Sören. Er nascht Schokokekse und hört gespannt zu, was seine Oma erzählt. Der 9-Jährige ist der Sohn von Hedwig Wedis SOS-Tochter Natascha. Die ehemalige SOS-Kinderdorfmutter hat das Mädchen mit acht Jahren adoptiert.
"Endlich hatte mein Leben einen Sinn."
"Eigentlich war ich Werbefotografin", sagt Hedwig Wedi. „Doch irgendwann habe ich mir gedacht: "Das kann's doch nicht gewesen sein'." Sie wollte mehr, suchte nach einem tieferen Sinn in ihrem Leben, nach einer Aufgabe. Hedwig Wedi bewarb sich beim SOS-Kinderdorf e.V. und wurde prompt genommen. Von einem Tag auf den anderen war in ihrem Leben nichts mehr wie zuvor. Anstatt als Werbefotografin um die Welt zu reisen, drückte die junge Frau die Schulbank der SOS-Mütterschule. Auf dem Stundenplan standen damals Fächer wie Psychologie, Haushaltsführung, Kochen und Nähen. "Das war schon eine große Umstellung", erinnert sie sich. "Trotzdem war ich mir von Anfang an sicher, dass der Schritt richtig war."
„Plötzlich war ich für ein Leben verantwortlich.“
Ihr erstes SOS-Kinderdorfkind, Hans-Peter, bekam Hedwig Wedi 1968 anvertraut. "Plötzlich war ich für ein Leben verantwortlich", sagt sie. "Das war ein unbeschreibliches Gefühl." Ihr Ziel sei es immer gewesen, ihren Schützlingen all die Fähigkeiten zu vermitteln, die sie später brauchen würden, um selbst Kinder zu erziehen. Hedwig Wedi: "Ich hatte mir fest vorgenommen, bei den Kindern den Teufelskreis aus erlebter Trauer, Vernachlässigung und Gewalt zu durchbrechen und bin unglaublich stolz, dass mir das bei allen gelungen ist." Natürlich sei das Leben als SOS-Kinderdorfmutter nicht immer leicht gewesen, trotzdem würden die schönen Erinnerungen überwiegen. Hedwig Wedi lächelt, als sie sich an die Abiturfeier ihres SOS-Sohnes Ludwig und bestandene Gesellenprüfungen erinnert. Sie schwärmt von gemeinsamen Ausflügen und erzählt lustige Anekdoten aus dem Alltag einer SOS-Kinderdorfmutter.
„Man hört nie auf, Kinderdorfmutter zu sein“
Vom Balkon aus schaut Hedwig Wedi über die Häuser der SOS-Familien. Wie ist es, plötzlich keine SOS-Kinderdorfmutter mehr zu sein? "Die Frage kann ich nicht beantworten", sagt Hedwig Wedi und schmunzelt, "denn eigentlich hört man nie wirklich auf, eine zu sein." Sie hat zu allen ihren Kindern noch Kontakt. An runden Geburtstagen trifft sich die ganze Familie. Dann wird es eng in der Wohnung von Hedwig Wedi. Zwanzig Enkelkinder hat sie mittlerweile. Das älteste ist zweiundzwanzig. "Eigentlich könnte ich schon SOS-Ur-Oma sein", sagt sie. "Mal schauen, was mir das Leben noch so alles bringt." Enkel Sören hat für seine Zukunft schon ganz genaue Pläne. Er möchte Fußballprofi werden oder Jura studieren – vielleicht auch beides. Seine Oma wird ihm dabei helfen, wo sie nur kann.