Direkt zum Inhalt





„Von Beziehung zu Bindung“

Sabine Huber war ein SOS-Kinderdorfkind. Lange Zeit vermied sie es, anderen davon zu erzählen. Heute setzt sich die junge Frau ganz bewusst mit ihrer Vergangenheit auseinander.

Sabine Huber als 8-Jährige Sabine Huber mit Hund Pio





„Es war das Beste, das mir passieren konnte“

Als Sabine Huber ins SOS-Kinderdorf Saar kam, war sie 5 Jahre alt. Ihre Schwestern waren 3, 6, 7, 8 und 10 Jahre. Die Mädchen hatten die Hölle durchgemacht. Der Vater misshandelte sie, die Mutter ließ es geschehen. Zwar war die Familie dem Jugendamt bekannt und die Kinder wurden zeitweise in Heimen untergebracht, doch die Eltern stellten immer neue Anträge, um die Kinder wieder zu sich zu holen. Bis die Lage vollends eskalierte, die Eltern zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden und die Mädchen ins SOS-Kinderdorf kamen.

„Damit meine älteren Schwestern auch mal wieder Kind sein konnten, wurden meine jüngere Schwester und ich in einer anderen Familie untergebracht“, erinnert sich Sabine Huber. „Meine Kinderdorfmutter hatte es nicht leicht mit mir, ich war hyperaktiv und frech. – Aber, sie hat immer an mich geglaubt.“ Die 1. Klasse musste Sabine wiederholen und als nach der Grundschule der Wechsel in die 5. Klasse anstand, empfahlen die Lehrer die Sonderschule. Aber „ihre Mama“ setzte sich dafür ein, dass das Mädchen die Gesamtschule besuchen konnte.

Sabine Huber mit Schultüte Als ihre Kinderdorfmutter, eine gebürtige Berlinerin, ins neu eröffnete SOS-Kinderdorf Brandenburg umziehen wollte, war es für Sabine und ihre Schwester keine Frage, dass sie mitkamen. Damals war Sabine 13, kein einfaches Alter für den Umzug in eine komplett neue Umgebung, aber sie packte es gut. In der Schule ging sie nun auf die gymnasiale Stufe und war richtig gut. „Für mich war klar, dass ich Abi machen wollte und irgendwann später einmal studieren werde.“ Mit 18 zog Sabine in eine der beiden Jugendwohnungen auf dem SOS-Kinderdorfgelände und konnte, finanziell unterstützt von einem Ausbildungs-Bafög, ihr Abitur machen. Rückblickend sagt sie: „Das SOS-Kinderdorf und vor allem meine Kinderdorfmutter waren das Beste, das mir passieren konnte.“

„Ich wollte mein Leben nicht vorbeiziehen lassen“

Nach dem Abitur zog Sabine Huber nach Berlin. Zuerst machte sie ein Freiwilliges soziales Jahr in einem Waldorfkindergarten, danach eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester, die sie erfolgreich abschloss. Zwei Jahre arbeitete sie dann im Kinder-Hospizbereich. Die Arbeit dort kostete Sabine viel Kraft und irgendwann war ihr klar, dass die Zeit für ihren großen Traum, das Studium der Sozialpädagogik, gekommen war: „Es war das, was ich immer gewünscht hatte.“

Allerdings galt es erst einmal bürokratische Hürden zu überwinden, denn ihr stand kein Bafög mehr zu, da sie es bereits für ihr Abitur in Anspruch genommen hatte. Sabine Huber musste dafür kämpfen und sie hat es geschafft.

„Von Beziehung zu Bindung“

heißt das Thema ihrer Bachelor-Arbeit, an der Sabine Huber gerade sitzt. Ein Stück weit ist es die Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit. Ihre älteren Schwestern sind nach dem Auszug aus dem SOS-Kinderdorf wieder zu ihrer Mutter zurück. Zu ihnen hat Sabine schon allein aus Selbstschutz kaum noch Kontakt. Zu ihrer jüngsten Schwester hat sie ein ganz tolles Verhältnis. Allerdings ist deren Leben durch gesundheitliche Probleme gezeichnet.

Sabine Huber mit Schwester „Warum habe ich es, aus so schwierigen Verhältnissen kommend, geschafft etwas aus meinem Leben zu machen?“, ist die Frage, die Sabine Huber schon seit langem beschäftigt. „Resilienz“ heißt der Fachausdruck für die Fähigkeit von Menschen, belastende Situationen erfolgreich zu meistern und sogar gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Sabine Huber kam wahrscheinlich zugute, dass sie beim Einzug ins Kinderdorf, noch nicht zu alt war, um trotz all dem Negativen, dass sie erlebt hatte, neue Bindungen eingehen zu können. Das Wichtigste auf diesem Weg sind Kontinuität, Stabilität, Verlässlichkeit und Geborgenheit – all das fand Sabine Huber in ihrer Kinderdorfmutter. Zu ihr entwickelte das Kind eine echte Bindung, die es fürs Leben stärkte „Im SOS-Kinderdorf und bei meiner Kinderdorfmutter war ich endlich angekommen“, meint Sabine Huber dazu.

Der Kreis zu SOS-Kinderdorf schließt sich

Im Rahmen ihres Studiums absolvierte Sabine Huber ein halbjähriges Praxissemester und lernte dabei das SOS-Familienzentrum in Berlin-Hellersdorf kennen. „Ich wusste gleich, ‚das ist es’, diese Arbeit mit Familien im offenen und präventiven Bereich.“ Doch zunächst einmal musste sie sich ein Herz fassen und erzählen, dass sie selbst als SOS-Kinderdorfkind aufgewachsen ist – etwas, dass sie bisher tunlichst vermieden hatte, um sich vor Mitleid und Stigmatisierung zu schützen. Der Einrichtungsleiter vom SOS-Familienzentrum sah die Mitarbeit einer „Ehemaligen“ jedoch sofort als Bereicherung an und seit zwei Jahren arbeitet Sabine Huber zweimal wöchentlich im offenen Bereich mit.

Master oder Einstieg bei SOS-Kinderdorf?

Das ist die Entscheidung, der sich Sabine Huber in den nächsten Wochen stellen muss. Sabine Huber mit ihrer Nichte und ihrer SOS-Kinderdorfmutter Unterstützt wird sie dabei von ihrer SOS-Kinderdorfmutter, zu der sie auch heute noch intensiven Kontakt hat und die sie einmal wöchentlich besucht. Sie war es, die Sabine empfahl, sich bei der SOS-Kinderdorfverwaltung in München nach der Möglichkeit einer finanziellen Unterstützung ihres Studiums zu erkundigen. Tatsächlich gibt es verschiedene SOS-Kinderdorf-Stiftungen, die speziell die Schul- und Berufsausbildung fördern. Eine dieser Stiftungen ermöglichte Sabine Huber ihren Bafög-Kredit zu tilgen, so dass sie nun schuldenfrei ins Berufsleben starten kann. Ihr Wunsch ist es, in der Familienberatung zu arbeiten. „Ich habe es als Kind selbst erlebt, wie wichtig es ist, dass es Menschen gibt, die einen so annehmen, wie furchtbar man gerade auch ist – das möchte ich wieder zurückgeben.“

Andererseits wäre es auch eine Herausforderung, noch das Master-Studium anzuhängen. Wie sich Sabine Huber auch entscheiden wird, sie kann stolz darauf sein, wie sie ihr Leben in die Hand genommen hat!