Ein Ausflug in die Welt der Farben

Die Kunsttherapeutin zusammen mit zwei betreuten in ihrem Atelier Kunsttherapeutische Erfahrungen in der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden

Maik* ist ein junger Mann mit vielfältigen Sinnesbeeinträchtigungen. Als er zum ersten Mal zur Kunsttherapie in der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden kam, wirkte es, als könne er Farben nicht differenzieren. Kunsttherapeutin Sonja Schade gab ihm trotzdem Pinsel, Papier und Farben und leitete ihn bei seiner Auseinandersetzung mit den Materialien behutsam an. Langsam – Schritt für Schritt.

Heute setzt Maik Farbtöne eigenständig, sicher und nuanciert ein und lässt in seinen Bildern Details entstehen, die jeden Betrachter staunen lassen. Maik selbst lässt sich emotional von der Wirkung der Farben berühren. Für den jungen Mann ist das ein großer Gewinn an Lebensqualität. Für Sonja Schade ein wunderbarer Erfolg jahrelanger kunsttherapeutischer Arbeit.

Kunst bietet Potenzial, um sich selbst zu entfalten

Ein Aquarellbild einer Landschaft mit Bäumen und Hügeln Denn Maiks Sinne haben sich durch die kreative Tätigkeit geschärft. „In der Kunst liegt Potenzial zur Selbstentfaltung und Gesundung. Hier begegnen uns Farben, Formen, Klänge in einer eigenen Sprache, die uns den Zugang zu unserem Inneren und Ursprünglichen erschließen können“, erklärt Sonja Schade. Sie bietet die Therapie an zwei Tagen in der Woche für kleine Gruppen von zwei bis vier Betreuten der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden an. Hier leben erwachsene Menschen mit Beeinträchtigungen im Lernen und Denken, die einer Begleitung beim Wohnen und Arbeiten bedürfen.

Die wöchentliche Kunsttherapie, die von weit über 50 Prozent der Betreuten in Anspruch genommen wird, ist nur eines der vielfältigen Bildungs- und Förderangebote in der Gemeinschaft. Das Malen fördert nicht nur die Feinmotorik, sondern auch das seelische Gleichgewicht und hat somit durchaus auch Auswirkungen aufs Gruppengeschehen. „Die humorvoll gelöste Atmosphäre im Atelier lässt kreative Lösungen und somit auch neue Ideen zu, was sich wiederum aufs soziale Geschehen in der Dorfgemeinschaft auswirkt“, sagt die diplomierte Kunsttherapeutin.

Den Bewusstseinshorizont erweitern

Sonja Schade arbeitet in ihrer Greifswalder Praxis vornehmlich mit Menschen, die schwierige Lebenserfahrungen verarbeiten möchten. Sie suchen in der Malerei einen Ausgleich oder möchten neue Kräfte zur Bewältigung von Krisen oder Krankheiten aktivieren. Aufgefallen ist ihr bei ihrer Arbeit, dass sich Menschen mit Lernbeeinträchtigung unvoreingenommener auf bisher Unbekanntes einlassen. „Wir lernen ja schon früh, alles zu interpretieren und vorschnell Urteile zu fällen. Tiefe Empfindungen und die Bereitschaft, sich zu verbinden, haben es eher schwer, zum Zuge zu kommen.“ Sonja Schade versucht mit Hilfe der Kunsttherapie, verschüttete Wahrnehmungen zu heben und zu aktivieren, um so den Bewusstseinshorizont der Malenden zu erweitern. „Die Voraussetzung hierfür ist eine Unmittelbarkeit des Erlebens und Fühlens. Menschen mit Lernbeeinträchtigung fällt es in der Regel leichter, Sinneseindrücke vorurteilsfrei zu erleben.“ Das ist ein echter Gewinn für alle Beteiligten.

*Name von der Redaktion geändert

Der Kunstkalender

Aus den Bildern wählt Sonja Schade seit nun fünf Jahren 13 Exemplare aus, die thematisch zusammenpassen und jeweils die Monatsstimmungen repräsentieren. Daraus entsteht der „Hohenwiedener Kunstkalender“, der nicht nur im Umkreis der Gemeinschaft immer beliebter wird. Mittlerweile findet er bundesweit Abnehmer, sodass bereits Ende Oktober über 500 Stück an die Frau und an den Mann gebracht werden konnten. Fürs Weihnachtsgeschäft gibt es selbstverständlich noch einen Restbestand. Flankiert wird dieser Kalender von einer ganzjährigen Wanderausstellung, die die Werke der Künstlerinnen und Künstler aus der SOS-Dorfgemeinschaft einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht.