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Kreativität (aus)leben
Das Offene Kunstatelier der SOS-Kinder- und Jugendhilfen Weilheim
Laras Bild: ein Eissturm. Kalte, spitze Eisberge versuchen sich zwischen peitschendem Regen und Windböen zu behaupten. Der Betrachter muss kein Fachmann sein, um zu wissen, dass Lara in diesem Bild eine Menge Wut und Aggression verarbeitet hat. In anderen Bildern wieder, die im Offenen Atelier der SOS-Kinder- und Jugendhilfen Weilheim zu sehen sind, werden Ängste sichtbar, Hoffnungen, Träume. Und dann gibt es noch eine große Zahl an Bildern, in denen die Kinder- und Jugendlichen einfach nur ihre Freude an den Farben ausgelebt und mit unterschiedlichen Techniken experimentiert haben. Das ist das Schöne am Offenen Atelier: Hier geht es nur darum, seine Kreativität auszuleben.
Die Jugendlichen entscheiden, wie oder was sie arbeiten - oder auch verarbeiten
Vor knapp drei Jahren war es, als Tanja Kuhn ihre eigenen Bilder aus ihrer Wohnung auf dem Gelände der SOS-Kinder- und Jugendhilfen in das Auto verfrachtete, um sie zu einer Ausstellung zu bringen. Zwei der Jugendlichen fragten, ob sie helfen könnten und wurden neugierig: Ob die Bilder alle selbst gemalt seien, wo sie die Ideen hernehme, wie sie die Bilder male und was jetzt damit passiere. Die beiden Jungs, 14 und 16 Jahre alt, fuhren mit zu der Ausstellung und waren fasziniert. Aus diesem kleinen Zufall und der großen Begeisterung, die Tanja Kuhn für ihr Hobby entfachte, entstand das Offene Kunstatelier. Zwei Mal in der Woche kommen Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 18 Jahren zum Malen, Zeichnen und Gestalten. Regelmäßig bietet Tanja Kuhn den jungen Künstlern Themen an, doch diese können ganz frei entscheiden, was sie arbeiten oder auch verarbeiten möchten.
Allein die Kreativität steht im Mittelpunkt
Die Möglichkeit frei zu entscheiden, wann man kommt, was man tut, ob man in einer Gruppe oder lieber ganz in Ruhe für sich arbeitet, macht das Kunstatelier zu etwas Besonderem. Mittlerweile kommen regelmäßig an die 20 junge Besucher. Kinder und Jugendliche aus der Weilheimer SOS-Einrichtung genauso wie Freunde oder Kinder aus der Nachbarschaft. „Für uns ist das ein ganz wichtiger Faktor“, sagt Tanja Kuhn. Denn während in der Schule das soziale Gefüge von Noten und auch dem Elternhaus beeinflusst wird, stehe hier einzig und allein das kreative Schaffen im Mittelpunkt. „Man kann fast sagen, dass hier Chancengleichheit gewährleistet wird. Hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre.“ Dinge, die die Jungen und Mädchen aus den SOS-Kinder- und Jugendhilfen normalerweise belasten, verlieren sich.
Aggressivität wird durch die Kunst aufgelöst
Tanja Kuhn hat beobachtet, dass die Kinder und Jugendlichen durch die kreative Arbeit ausgeglichener werden. „Schimpfwörter hört man hier nicht. Auch die Aggressivität nimmt ab. Sie wird durch die Kunst sozusagen aufgelöst.“ Dabei hat Tanja Kuhn schon oft Situationen erlebt, in denen sie erwartete, dass es zum Streit kommen müsse, die zu ihrer Überraschung völlig ruhig verliefen. Wenn einer dem anderen einen Strich ins Bild gemalt hat zum Beispiel.
Oder als Benjamins Eltern zu Besuch waren: Mutter und Vater sind bereits seit Jahren zerstritten, für die Kinder war ein Hilfeplan aufgestellt worden. Und während Benjamin in aller Ruhe an einem Gipsbild arbeitete, sprach en die Eltern nach Jahren miteinander. „Das hat gut funktioniert – und das, obwohl jeder der Familie gefrustet hier angekommen war“, sagt Tanja Kuhn.