"Ich bin wer, ich kann etwas"

Collage Die Kunstwerkstatt im SOS-Kinderdorf Ammersee stärkt Selbstvertrauen

Stolz führt Robert die Besucher durch die Ausstellung. Der 14-Jährige präsentiert seine und die Werke seiner jungen Künstlerkollegen und erklärt das eine oder andere Bild, das mit viel Phantasie und in langwieriger Arbeit entstanden ist. Der sonst eher zurückhaltende Junge ist ganz in seinem Element. Der Kunstwerkstatt im SOS-Kinderdorf in Dießen hat Robert es zu verdanken, dass er heute mehr Selbstbewusstsein hat.

Veronika in ihrem Element Erfolgserlebnisse für die Kinder sind Roger Kretschmann, dem Leiter der Kunstwerkstatt, besonders wichtig: „Die Kinder sollen am Ende ein sehenswertes Ergebnis in den Händen halten und sehen: ‚Ich bin wer, ich kann etwas!’“ betont er. Der Kunst- und Musikpädagoge arbeitet deshalb oft mit druckgrafischen Techniken – und hat bislang interessante Ergebnisse erzielt. „Gerade in der Druckgraphik ist es oft spannend für die Kinder, da sie das entstehende Bild gar nicht gänzlich vorausahnen können. Vielmehr wird methodisch in übersichtlichen einzelnen Teilschritten so gearbeitet, dass die Kinder die Arbeitsschritte überblicken können und so ein positives Vorwärtskommen initiiert wird. Das fertige Bild ist dann oft für sie eine wirkliche Überraschung.

Auf Kritik verzichten

“Nach den Projektausschreibungen der Kunstwerkstatt arbeiten die jeweils sechs bis zehn Kinder zwischen neun und 15 Jahren meist über den Zeitraum eines ganzen Schuljahres. Dazu treffen sie sich einmal wöchentlich für zwei Stunden in der Kunstwerkstatt. Am Anfang der Arbeit stehen jeweils Phantasie anregende Themen – etwa „Paradiesvogel“, „Gespensterburg“ oder „Aliens im Weltall.“ Mit diesen Vorschlägen können sich Kinder identifizieren und kreativ in ihrer Formsprache agieren. Auf eine zu gegenständliche Nachahmung wird bewusst verzichtet.

Paradiesvogel Nach der Themenvergabe lässt Roger Kretschmann die jungen Künstler zunächst einige Vorzeichnungen machen. Kommen die Kinder gar nicht klar, hilft er behutsam, einen Anfang zu finden und lässt sie dann selbst die Freude am Ausdruck entdecken. Der Kunstpädagoge verzichtet ganz bewusst auf jegliche Kritik, sondern gibt lediglich Impulse und baut auf dem auf, was von den Kindern kommt. „Die Wertschätzung für die Kinder als Menschen und Künstler steht im Mittelpunkt. Die jungen Künstler merken, dass sie wahr- und ernst genommen werden und entwickeln entsprechend mehr Selbstbewusstsein und Motivation. Indem sie über längere Zeit am Projekt arbeiten und dabei Höhen und Tiefen durchleben, wird außerdem ihr Durchhaltevermögen und ihre Ausdauer gestärkt“, erklärt Kretschmann seine Zurückhaltung. Ganz nebenbei leitet der Pädagoge sie behutsam darin an, künstlerische Kriterien zu erfassen, eine sinnvolle Bildgestaltung und grafisches Verständnis zu entwickeln. Besonders spannend für ihn ist, dass im Laufe der Zeit fast jedes Kind seine eigene Formsprache entwickelt.

Skulpturen für das SOS-Kinderdorf

Anteilig finanziert wird die Kunstwerkstatt über Spenden – so hat der Kunstverein Ottobrunn das Projekt bereits zweimal unterstützt. Außerdem ermöglichte der Heimatverein Dießen und Umgebung schon mehrfach eine Ausstellung der Werke im Dießener Taubenturm, damit sie auch der Öffentlichkeit zugänglich sind.
Im nächsten Jahr hat die Kunstwerkstatt im wahrsten Sinne des Wortes Großes vor: Um das Dorf zu verschönern, werden die Kinder massive Mosaikskulpturen aufbauen , die auf Dauer stehen bleiben sollen . Dieses Projekt wird im Wesentlichen im Freien stattfinden und wieder eine gute Möglichkeit der sozialen Begegnung sein: Hort- und SOS-Kinderdorfkinder werden gemeinsam arbeiten und sich dabei kennen und schätzen lernen.