Einfach Kind sein dürfen

Dirk Baumann, Jahrgang 1968, ist im SOS-Kinderdorf Schleswig-Holstein aufgewachsen. Vor drei Jahren kehrte er zurück: Als Kinderdorf-Leiter

Wenn Dirk Baumann durch „sein“ SOS-Kinderdorf in Lütjenburg geht, bleibt das nicht lange unbemerkt. „Hallo, Herr Baumann“, ruft eine junge Stimme vom Spielplatz herüber. „Moin Moin“, grüßt Baumann zurück und wirft einen Blick in die kleine Holzhütte. Dort sitzt ein Dreijähriger in Matschhose und bäckt friedlich Sandkuchen. Auch sonst ist es heute ungewöhnlich ruhig . Es nieselt, der Wind bläst: Ostsee-Schmuddelwetter. Zur Hohwachter Bucht ist es nur einen Katzensprung. Wenn man genau hinschnuppert, kann man das Meer riechen.

Der Kinderdorf-Leiter wurde in der „Sprottenkiste“ groß

Hand in Hand: Dirk Baumann und SOS-Kinderdorfgründer Hermann Gmeiner Bild vergrößern

Hand in Hand: Dirk Baumann und SOS-Kinderdorfgründer Hermann Gmeiner

Der 48-jährige Baumann ist kein Kinderdorf-Leiter wie jeder andere. Im SOS-Kinderdorf Schleswig-Holstein kennt er jeden Stein und jeden Grashalm. Denn in Haus sechs ist er zusammen mit seinem leiblichen Bruder und vier SOS-Geschwistern aufgewachsen. Baumann gehörte zu den ersten Bewohnern in Lütjenburg. 1970 ging es los. „Sprottenkiste“ hatte seine Kinderdorf-Mutter Gertrud Haus sechs damals getauft und ein hübsches selbstgetöpfertes Wandbild mit kleinen Fischen neben die Haustür gehängt. Es hängt heute noch dort.

„Für mich war das Leben im SOS-Kinderdorf so normal, wie es für andere ist, in einer Familie aufzuwachsen“, erinnert sich Baumann. Er wurde in Berlin geboren, kam dort schon als Baby in ein Säuglingsheim, dann an die Ostsee. Hier hat er den Zungenschlag der Gegend angenommen und wirkt auch sonst nordisch-bodenständig.

Ein Zuhause und eine Karriere gegen das Gefühl, nicht gewollt zu sein

„Ich bin in Lütjenburg in den Kindergottesdienst gegangen, zur Konfirmation, in den Tanzunterricht, in die Disco, was man halt so gemacht hat. Wir Kinder aus dem SOS-Kinderdorf waren immer zusammen, haben zusammen Ärger gemacht und zusammen Ärger bekommen“, lacht er. Ob ihn die Tatsache, dass er nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwachsen konnte, nicht sehr belastet hat? „Sagen wir es so: Ich kenne das unendlich traurige Gefühl, nicht gewollt zu sein. Ich habe aber gelernt, nach vorn zu schauen. Meine Kinderdorf-Familie hat mir das Zuhause gegeben, das dafür notwendig war.“

Natürlich darf in der Nähe der Ostsee ein typischer Starndkorb nicht fehlen Bild vergrößern

Natürlich darf in der Nähe der Ostsee ein typischer Starndkorb nicht fehlen

In den 8oer Jahren macht Baumann eine Lehre als Einzelhandelskaufmann, dann Zivildienst. Der Zufall führt ihn in eine Einrichtung für behinderte Menschen. Dort wird ihm klar, dass er sozial arbeiten möchte. Er absolviert eine zweite Ausbildung zum Heilerziehungspfleger, nach einigen Jahren entscheidet er sich für ein Studium der Sozialpädagogik. In Celle baut er eine Werkstatt für 160 Menschen mit Behinderung auf und leitet den Sozialdienst. Schließlich drückt er nochmals die Schulbank und macht mit über 40 seinen Master in Sozial-Management. „Nu reicht’s aber mit dem Fortbilden“, habe er sich damals gesagt.

Begegnungen mit Hermann Gmeiner und ein Brief nach Oslo

Als das SOS-Kinderdorf in Lütjenburg 2013 einen neuen Leiter sucht, schließt sich ein Kreis. „Ein bisschen habe ich immer auf die Stellenanzeigen von SOS-Kinderdorf geschielt, und dann war die Gelegenheit da.“ Baumann zieht mit seiner Frau in sein altes SOS-Kinderdorf. Natürlich nicht in die „Sprottenkiste“, sondern in das Wohnhaus, das für den Kinderdorf-Leiter vorgesehen ist. In dieser Rolle ist er derzeit für zehn Kinderdorf-Familien mit 53 Kindern verantwortlich.

In seinem Büro hängt ein Schwarzweiß-Foto. Es zeigt ihn als Zweijährigen mit feschem Hütchen an der Hand von SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner. Der war 1970 zur Einweihung nach Lütjenburg gekommen. „Das hat nicht jeder“, strahlt Baumann: „Ein Foto, das ihn als Kleinkind am späteren Arbeitsplatz zeigt.“ Von Gmeiner, den er ein paar Mal bei dessen Besuchen an der Ostsee trifft, ist der Junge beeindruckt. Mit 14 schreibt er an das Friedensnobelpreis-Komitee in Oslo und schlägt ihn als Preisträger vor. Er schmunzelt: „Leider erhielt ich von den Norwegern nie eine Antwort.“

Was ihm heute als Pädagoge wichtig ist? „Dass Kinder einfach Kind sein dürfen“, kommt die prompte Antwort. „Liebe und Geborgenheit als Basis, verlässliche Beziehungen, freies Aufwachsen ohne ständiges Schielen auf Leistung und Erfolg“, das will er den Kindern im SOS-Kinderdorf ermöglichen. „Die Kinder sollen ihren eigenen Kopf haben dürfen. Wenn sie spüren: Ich bin auch als Querkopf ok, denn ich bin wirklich gewollt, dann ist das eine feine Sache.“

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