29. 05. 2017Quelle: Andreas Daams / NRZ

Im Interview: Peter Schönrock ist neuer Leiter des SOS-Kinderdorf Niederrhein

Peter-Schoenrock

"Die Klever sind offener geworden"

Am Rand von Materborn, unweit des Reichswaldes, liegt in idyllischer Hanglage das SOS-Kinderdorf. Etwa 100 Kinder und Jugendliche leben hier in hübschen roten Backsteinhäusern mit charakteristischen schwarzen Dächern. Aber das ist nur Teil der zahlreichen Aufgaben, die das SOS-Kinderdorf Niederrhein übernommen hat. „Wir haben insgesamt 300 Mitarbeiter an zehn Standorten“, sagt Peter Schönrock. Damit ist er seit April Leiter des größten Kinderdorfs in ganz Deutschland. Neben den Wohngruppen unterhält das Kinderdorf zwei Kindertagesstätten, in der Kalkarer Straße einen Ort der Begegnung für Familien, Ehrenamtliche und Selbsthilfegruppen, Beratungsangebote und natürlich Zentren für Ausbildung und Berufsvorbereitung.

Eines ist Schönrock besonders wichtig: "Wir wollen Kindern und Jugendlichen eine Stimme geben"

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Gerade denen, die auf Hilfe angewiesen sind. Dass er einmal im sozialen Bereich tätig sein würde, war Schönrock schon früh klar. Der 52-jährige gebürtige Hamburger stammt aus einem sozialen Elternhaus. Der Vater war Diakon, der Bruder Sozialpädagoge. „Das liegt bei uns im Blut“, sagt Schönrock lachend. „Dass ich Menschen unterstützt habe, denen es nicht so gut geht, war schon als Schüler so.“

Somit war ziemlich klar, wohin sein Weg führen würde. Zumindest fachlich. Denn dass es ihn nach dem Studium an der Evangelischen Fachhochschule Bochum 1995 ausgerechnet an den Niederrhein verschlagen würde, war nicht etwa dem Beruf geschuldet, sondern den Kindern. Vier hat Peter Schönrock. „Als ich beim ersten Kind Elternzeit genommen habe, war das ganz neuartig“, erinnert er sich. Glücklicherweise habe es noch einen zweiten Vater gegeben, ansonsten sei er nur von Müttern umgeben gewesen. Überhaupt, der Niederrhein: „Als ich herkam, wurde jemand, der zu viele Ohrringe im Ohr hatte, noch schräg angeguckt.“ Inzwischen ist das anders. Menschen aus vielen Nationalitäten leben in Kleve, nicht zuletzt dank der Hochschule Rhein-Waal, die Einwohner sind offener und toleranter geworden. Und auch das deutsche Jugendhilfesystem sei besser geworden, findet Schönrock. „Wir haben heute differenzierte Möglichkeiten“, sagt er.

Kinderdorfmütter gesucht

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Unser Kinderdorf Niederrhein...... lädt auch heute noch zum spielen ein.

Zum Beispiel würden Kinderdorfmütter (dringend gesucht!) heute durch Erzieher und Sozialpädagogen unterstützt. Im Bereich der Berufsorientierung sei man viel früher aktiv: „Gemeinsam mit anderen Trägern führen wir in den achten Klassen des Kreises Kleve für etwa 3000 Schüler Potentialanalysen und Berufsfelderkundungen durch.“ Studien- und Ausbildungsabbruch-Quoten von momentan bis zu 25 Prozent könnten durch frühzeitige Maßnahmen stark sinken. Und auch beim großen Thema Flüchtlinge brachte das SOS Kinderdorf Niederrhein schnell seine Fähigkeiten ein. Nicht nur durch Einrichtung einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sondern auch durch gemeinsame Familientreffen von Geflüchteten und Einheimischen. „Wir wollen Leute zusammenbringen, so dass erst gar kein Sozialneid aufkommt“, erklärt Schönrock. Folglich ist das SOS-Kinderdorf in den lokalen Netzwerken aktiv, Schönrock selbst ist Vorstandsmitglied im Kreisverband des Paritätischen Gesamtverbands.

Bei aller Arbeit als Chef von 300 Mitarbeitern ist Schönrock die Begegnung mit den Kindern und Jugendlichen wichtig. „Ich muss zwischendurch hören, was anliegt, denn dadurch bekomme ich auch Anregungen, wie wir manche Dinge weiterentwickeln müssen.“ Anregungen bekommt er auch bei gemeinsamen Fortbildungen mit Mitarbeitern der 40 anderen SOS-Kinderdörfer in Deutschland. Insgesamt 123 gibt es im Ausland. Die meisten davon sind auf Spenden angewiesen. Denn so positiv sich das Jugendhilfesystem in Deutschland entwickelt: Anderswo herrscht das Grauen. Die Kinderdorf-Familie weiß das genau: Zwei SOS-Kinderdörfer befinden sich in Syrien.