12. 12. 2017Quelle: Caroline Arens

Zehn Jahre Systemisches Coaching für Eltern beim SOS-Kinderdorf Hamburg

Elterncoaching

Seit 2007 ist das Systemische Coaching für Eltern ein fester Bestandteil der Ambulanten Hilfen des SOS-Kinderdorf Hamburg. Das Coaching beruht auf den Ideen der elterlichen Präsenz und des gewaltlosen Widerstandes,  die der israelische Psychologe Haim Omer unter dem Begriff „Neue Autorität“ in ein schlüssiges Konzept integriert hat.

Portrait von Frank Untiedt und Sebastian Conradt Bild vergrößern

Das Systemische Coaching soll Eltern einen kraftvollen Weg aus ihrer Hilflosigkeit bzw. Ohnmacht aufzeigen, die viele in Alltagssituationen mit ihren Kindern empfinden. Es soll die  Präsenz der Eltern in der Familie stärken, damit sie ihre Aufgaben als Eltern erfüllen und wichtig im Leben ihrer Kinder sein können. Die Adressaten für das Coaching sind Familien aus allen gesellschaftlichen Schichten, unabhängig von Bildung und Herkunft.

Das Team der Ambulanten Hilfen in Eimsbüttel begann das Coaching zunächst mit drei Kollegen. Schon damals coachten eine weibliche Kollegin und ein männlicher Kollege im Tandem. Frank Untiedt, Mitarbeiter der Ambulanten Hilfen Eimsbüttel erinnert sich gerne an die Anfänge: „Ich besuchte damals eine Fachtagung für systemische Therapeuten, bei der in einem Vortrag das erste Buch von Haim Omer („Autorität ohne Gewalt“) näher vorgestellt wurde. Inhaltlich ging es bei dem Vortrag um das bislang stark tabuisierte Phänomen der „Elternmisshandlung“, d.h. um familiäre Gewalthandlungen, die von Kindern und Jugendlichen gegenüber ihren Eltern stattfinden. Ich kam mit vielen neuen Impulsen für unsere praktische Arbeit zurück. Wir merkten schnell, dass einige unserer betreuten Familien sehr von dem Konzept profitieren können.“ So entwickelten die Mitarbeiter ihr eigenes Konzept angepasst an den Rahmen der Ambulanten Hilfen.

Eltern Begleitbuch Bild vergrößern

Anlässlich des 10 jährigen Jubiläums des SCfE erstellten Frank Untiedt und Sebastian Conradt das Begleitbuch zum Coaching. So können die Eltern auch zu Hause noch die wichtigsten Themen nachlesen. 

Dabei wurde allen schnell deutlich, dass es ein hilfreicher Ansatz ist, die Eltern als Adressaten der Hilfe zu sehen und mit ihnen gemeinsam zu schauen, wie sie ihren Job als Eltern gut machen können. „Es ist eine Hilfe zur Erziehung im wahrsten Sinne des Wortes!“, betont Untiedt. Der Ansatz passte gut zu den Problemen der Familien. Viele Eltern fühlten sich dem Verhalten ihrer Kindern gegenüber hilflos und ohnmächtig und lebten gesellschaftlich relativ isoliert beziehungsweise verspürten eine große Scham, ihre Erziehungsschwierigkeiten mit ihrem sozialen Umfeld zu teilen.

„Im Fokus unserer Arbeit stehen auch heute Eltern, die sich hilf- und ratlos fühlen“, weiß Sebastian Conradt, Mitarbeiter der Ambulanten Hilfen Wandsbek. „Diese Eltern verspüren oft große Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Kindern, die ihnen auf der Nase herumtanzen oder sich entziehen und nicht mehr erreichbar sind. Das Band zu den Eltern wird dann manchmal sehr dünn und droht zu reißen.“ Die Kinder zeigen häufig übergriffiges bis gewalttätiges Verhalten ihren Eltern oder Geschwistern gegenüber, entziehen sich u.a. auch durch hohen Medienkonsum, schwänzen die Schule oder weisen delinquentes Verhalten auf.

Eltern mit den Coaches Bild vergrößern

Genau hier setzt das Systemische Coaching für Eltern an. „Wir wollen die Handlungsfähigkeit der Eltern stärken, damit sie  gute Entscheidungen treffen und sich Unterstützung durch die eigene Familie, Freunde, Nachbarn etc. organisieren können“, stellt Untiedt heraus. Die Eltern lernen im Coaching, wie sie statt der Verhaltenskontrolle des Kindes wieder mehr elterliche Präsenz im Leben ihres Kindes erreichen können. Der Ansatz der Hilfe liegt beim eigenen Verhalten und soll den Eltern helfen, Selbstkontrolle zu erlangen und Machtkämpfe und Eskalationen zu vermeiden. Dabei ist es wichtig, dass die Eltern nicht allein bleiben und sie die Schwierigkeiten nicht tabuisieren. Der Aufbau eines Unterstützernetzwerkes ist daher ein fester Bestandteil des systemischen Coachings. Manche Eltern lernen dabei zum ersten Mal, andere Menschen um Hilfe zu bitten und erleben, wie entlastend diese Erfahrung sein kann, wenn sie ihre Sorgen mit anderen teilen können und Unterstützung bekommen. Die Form der Unterstützung kann sehr unterschiedlich ausfallen z.B. in Form von Betreuung der Geschwisterkinder, Gespräche mit den Eltern oder indem die Unterstützer Kontakt zu dem Kind aufnehmen, welches sich in Schwierigkeiten befindet.

„Ich bin da und bleibe da“ - so hat Haim Omer die Aufgabe der Eltern formuliert. Als Eltern bedeutet dies, seinem Kind verlässlich zur Seite zu stehen, auch wenn es gerade schwierig wird. Diese körperliche und mentale Präsenz bietet dem Kind die Sicherheit, die es von seinen Eltern benötigt.

Einen Mangel an Präsenz zeigen Eltern häufig aufgrund von eigenen Stressoren wie z.B. existentielle Sorgen, Überlastung durch die Arbeit, psychische Krankheiten etc. Dann droht die Beziehung zu dem Kind zu leiden. Im systemischen Coaching geht es um eine wachsame Sorge die es ermöglicht, als Eltern im Leben des Kindes präsent zu sein und die Verantwortung als Eltern für das eigene Kind zu übernehmen. „Wir stellen im Coaching das Zusammenleben von Eltern und Kindern in ihren Familien in den Fokus der Aufmerksamkeit und wollen darüber die Lebensbedingungen für Kinder verbessern“, betont Conradt. Die Mitarbeiter fordern daher in der Arbeit immer wieder ganz gezielt die Eltern auf, auch die Sichtweise ihrer Kinder einzunehmen und aus deren Perspektive auf das Familienleben zu schauen. Dabei überlegen sie gemeinsam, was das Kind von den Eltern braucht und wie sie ihm hilfreich zur Seite stehen können. Eltern sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Kinder besser zu verstehen und so in Streitsituationen angemessen zu reagieren, sodass Machtkämpfe und Eskalationen vermieden werden können.

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Grundvoraussetzung für die Arbeit als Systemischer Coach sind ein pädagogisches Studium, die Weiterbildung zum Coach für Neue Autorität und Berufserfahrung in der Arbeit mit Familien. Sebastian Conradt beschreibt dies folgendermaßen: „Bei den betreuten Familien haben wir es mit einer hohen Dynamik, häufigen Eskalationen, großen Belastungen und Hilflosigkeit zu tun und wir als Berater müssen einen konstruktiven Umgang damit finden. Dafür braucht es ein gutes Standing mit einer hohen Belastbarkeit auf Seiten der Coaches, sowie Respekt vor den Einzelschicksalen, um die Arbeit gut machen zu können. Aber auch eine gute Portion Humor hilft.“

Mittlerweile arbeiten neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ambulanten Hilfen Wandsbek, Eidelstedt und Eimsbüttel im Systemischen Coaching für Eltern. In den letzten zehn Jahren wurde das Systemische Coaching nicht nur personell aufgestockt, sondern hat sich auch inhaltlich erweitert. Seit 2010 arbeiten die Coaches in Kooperation mit Andrea Wenzlawski im Pferdecoaching zusammen. Dazu fahren einige Eltern auf den Hof von Andrea Wenzlawski und arbeiten mit den Pferden an ihrer Präsenz. Die Interaktionen zwischen dem Pferd und den Eltern lassen sich auf den Alltag mit den Kindern übersetzen. So bietet diese Arbeit einen geschützten Rahmen, um mit den geduldigen Pferden das eigene Verhalten zu reflektieren und zu verändern.

Seit 2011 haben die Coaches eine begleitende Elterngruppe im SOS-Kinderdorf Hamburg etabliert. Auch verknüpfen die Mitarbeiter das Systemische Coaching für Eltern mehr und mehr mit den weiteren Hilfeformen des SOS-Kinderdorf Hamburg, um eine an den Bedarf der jeweiligen Familie angepasste Hilfe leisten zu können. So bieten die Kollegen auch Elterncoaching mit Marte Meo-Anteilen an oder bieten parallel spezielle Angebote für die Kinder an. „Wir haben in den letzten zehn Jahren sehr viel Know how erworben, ein großes Netzwerk aufgebaut und die Idee des systemischen Coachings für Eltern durch Fachveranstaltungen verbreitet“ resümiert Frank Untiedt. Für die Zukunft wünschen sich die Kollegen des SOS-Kinderdorf Hamburg weiterhin viele Familien mit dem systemischen Coaching für Eltern zu erreichen, um die Lebens- und Entwicklungsbedingungen für Kinder zu verbessern.

Das Systemische Coaching für Eltern wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des SOS-Kinderdorf Hamburg in den Bezirken Wandsbek, Eimsbüttel, Altona, Hamburg-Nord und Dulsberg angeboten. Bei Fragen zu dem Angebot wenden Sie sich gerne an das jeweilige Team der Ambulanten Hilfen.