Careleaver Fachtag 2017: Was kommt nach der Jugendhilfe?

Besucher des Fachtags Careleaver

Die mehr als hundert Besucher des Fachtags im Kreistagssaal Verden nahmen sehr großen Anteil an der Veranstaltung.

Auf dem Fachtag des SOS-Kinderdorfs Bremen „Careleaver – das Leben nach der Jugendhilfe“, der am 2. November 2017 im Verdener Kreistagssaal stattfand, plädierten die Beteiligungen für eine bessere Begleitung des Übergangs in die Selbständigkeit.

Reges Interesse des Fachpublikums

Über hundert Vertreterinnen und Vertreter der Verdener und Bremer Fachöffentlichkeit lauschten gespannt den abwechslungsreichen Vorträgen. Neben Experten aus Jugendhilfe und Wissenschaft kamen auch junge Careleaver selbst zu Wort und gaben Einblick in ihre ganz persönlichen Erfahrungen.

Wann sind Jugendliche erwachsen?

"Erwachsenwerden hat mit dem 18. Geburtstag in der Regel wenig zu tun“, konstatiert Careleaver-Experte Prof. Dr. Dirk Nüsken gleich zu Beginn des Fachtags und wirft gleich darauf die Frage auf, warum von jungen Careleavern bereits oft mit 18 absolute Selbstständigkeit erwartet wird, während junge Deutsche durchschnittlich erst im Alter von 24 Jahren aus dem Elternhaus ausziehen. Und auch wenn der Anspruch auf „Hilfen für junge Volljährige“ seit den 90er Jahren im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert ist, würden diese noch zu selten beantragt und gewährt. „Oft ist der tatsächliche Hilfebedarf der jungen Menschen weniger ausschlaggebend dafür, ob ein Careleaver weiter begleitet und betreut wird, als die Jugendhilfepraxis vor Ort“, beklagt Nüsken und macht die regionalen Unterschiede am Beispiel der Städte Herdecke und Gummersbach deutlich: Während es in der einen Gemeinde de facto keine Hilfen zur Erziehung für 18-21-Jährige gibt, werden in der anderen prozentual gesehen fast genauso viele junge Volljährige wie Minderjährige begleitet. „Man könnte sagen, es ist Glückssache“, bringt Nüsken auf den Punkt.

Auszug mit Rückkehroption

Von „Glück“ in diesem Sinne kann auch Daniela, eine Careleaverin aus der SOS-Jugendwohngemeinschaft in Verden berichten. Für sie kam der Schritt in die eigene Wohnung kurz vor ihrem 19. Geburtstag. Als sie mit der neugewonnenen Selbstständigkeit überfordert ist, bekommt Daniela die Möglichkeit, zurück in eine betreute SOS-Wohngemeinschaft zu ziehen. "Vor meinem Auszug aus der Jugendwohngemeinschaft war immer jemand da, alles war organisiert und geregelt“, erinnert sich Daniela, "in der eigenen Wohnung musste ich mich dann plötzlich neben meiner Ausbildung um meine Finanzen, die Wohnung, den Haushalt und alles andere kümmern.“ Dazu kam die Einsamkeit, die für die junge Frau nach dem Leben in einer großen Gemeinschaft völlig ungewohnt war. „Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, noch einmal zurück in die Jugendhilfe zu gehen und erst einmal meine Ausbildung abzuschließen, bevor ich wieder einen neuen Versuch in die Selbstständigkeit gewagt habe“, sagt Daniela heute. In der Wohngemeinschaft findet sie wieder die Gesellschaft und Unterstützung im Alltag, die sie brauchte, um heute zu einer selbstständigen und selbstbewussten Frau zu wachsen.

Jugendhilfe verlängern - andere Länder machen es vor

Die Jugendhilfe für junge Menschen bis zum Ende des ersten berufsqualifizierenden Abschlusses zu verlängern, ist deshalb auch eine der Forderungen von Nüsken. Andere Länder machen es bereits vor: In Großbritannien läuft die Jugendhilfe in der Regel bis zum Alter von 21 Jahren sowie bei noch laufender Ausbildung bis zum Alter von 24 Jahren, in Norwegen ist Jugendhilfe bis zum Alter von 23 Jahren vorgesehen. Aus Sicht von Nüsken wäre die konsequentere Verlängerung der Jugendhilfe in Deutschland auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive sinnvoll – zur Vorbeugung von Ausbildungsabbrüchen, Arbeits- und Wohnungslosigkeit. Daneben fordert er flexiblere Übergänge, die auch Rückkehroptionen – wie bei Daniela – offen lassen. Denn schließlich haben andere junge Erwachsene bei persönlichen Krisen oder Umbrüchen auch immer die Möglichkeit, in ihr Elternhaus zurückzukehren.

Behutsamer Übergang

In Verden herrschen dafür bereits gute Voraussetzungen: "In dem Haus, in dem auch unsere SOS-Jugendwohngemeinschaft untergebracht ist, haben wir zwei Wohnungen, in denen die jungen Menschen selbstständig wohnen können, aber gleichzeitig den Rückhalt und die Betreuung durch uns bekommen, wenn sie sie brauchen“, berichtet Pädagoge Martin Busch. "Darüber hinaus haben wir in der Regel die Möglichkeit, die jungen Menschen dann auch im eigenen Wohnraum nachzubetreuen, so dass der Übergang wirklich ganz behutsam erfolgt und auch die Bezugspersonen konstant bleiben“, so Busch weiter. Dass ein Großteil der Betreuerinnen und Betreuer der Jugendwohngemeinschaft auch selbst aus Verden kommt, macht es zudem leichter, die jungen Menschen in der Kreisstadt zu verankern, ihnen Anlaufstellen zu zeigen und Netzwerke zu öffnen – ebenfalls wichtige Faktoren, die zum Gelingen der späteren Selbstständigkeit beitragen.

Benachteiligungen entgegenwirken

"SOS-Kinderdorf fühlt sich den jungen Menschen nicht nur verpflichtet, solange sie bei uns leben, sondern auch darüber hinaus“, erklärt Dr. Lars Becker, Bereichsleiter bei SOS-Kinderdorf Bremen die Intention des Vereins, sich dem Thema Careleaving so intensiv zu widmen. „Uns ist es wichtig, unsere Jugendlichen bestmöglich in die Selbstständigkeit zu begleiten und Benachteiligungen so gut es geht entgegenzuwirken.“ Mit dem Fachtag hat SOS-Kinderdorf der Region einen wichtigen Anstoß gegeben, sich dem Thema Careleaving noch einmal gezielt zu widmen. In der abschließenden Podiumsdiskussion zeigten sich auch die Vertreter des Landkreises offen für weitere Gespräche mit Prof. Dr. Nüsken als Experten, um Verbesserungsmöglichkeiten in der Praxis auszuloten und Netzwerkstrategien zu entwickeln.

Berichterstattung in den Medien:

Verdener Nachrichten

Kreiszeitung

Bilder vom Careleaver Fachtag in Verden