14. 11. 2017Quelle: Pressedienst Nord/Anna Zacharias

Erwachsen werden ohne Eltern

Das Team des SOS-Kinderdorf Bremen mit einer ehemaligen Bewohnerin

Die ehemalige Bewohnerin Daniela Gerlach mit den Mitarbeitern (v.L.): Martin Busch, Tobias Vogtmann und Bereichsleiter Lars Becker

Daniela Gerlach war 16, als sie bei ihren Pflegeeltern auszog. Das Zusammenleben klappte einfach nicht, erinnert sich die heute 39-Jährige. Über ihre Ansprechpartnerin beim Verdener Jugendamt wurde sie zum SOS-Kinderdorf vermittelt. Seit 35 Jahren betreut die Einrichtung in der Stadt Verden Jugendliche ab 14 Jahren, die aus den verschiedensten Gründen nicht bei ihren Eltern leben können. „Careleaver“, so werden die jungen Erwachsenen genannt, die aus der Betreuung auf das eigenständige Leben losgelassen werden. Sie waren das Thema einer Fachtagung im Verdener Kreishaus am Donnerstag. Mit dabei waren auch einige ehemalige Bewohner, die von ihren Erfahrungen während und nach der Betreuung berichteten.

Rückhalt von Menschen, denen man vertraut.

Bei Daniela Gerlach waren diese durchwachsen: „Es gab Höhen und Tiefen im Zusammenleben“, deutet sie nur an. Nachdem sie kurz vor ihrem 19. Geburtstag aus der SOS-Wohngemeinschaft an der Elbestraße ausgezogen war, brauchte sie für ein Jahr doch noch einmal die Unterstützung ihrer früheren Bezugspersonen. Schon damals gab es dafür eine Einrichtung für junge Erwachsene an der Carl-Hesse-Straße – seit 2012 wurde das Wohnangebot mit der Elbestraße zusammengeführt. „Ich brauchte einfach an dieser Stelle in meinem Leben noch einmal Rückhalt von den Menschen, denen ich vertrauen konnte“, sagt Gerlach, die schließlich Einzelhandelskauffrau wurde.

Spenden für den Sportverein

Lars Becker ist Bereichsleiter des SOS-Kinderdorfs Bremen, zu dem auch die Verdener Einrichtung gehört. Zurzeit wohnen hier zehn Jugendliche, die von sieben pädagogischen Mitarbeitern betreut werden. Vermittelt werden sie vom Jugendamt des Landkreises Verden, der auch für die Kosten aufkommt. Die Spenden aus der Bevölkerung, erklärt Becker, werden in erster Linie für Sonderausgaben wie Mitgliedschaften in Sportvereinen ausgegeben. Becker sieht die Zusammenarbeit zwischen den freien Trägern und dem Landkreis bereits positiv – vor allem im Vergleich zu dem oftmals langsameren Prozedere in der Hansestadt. Doch in Sachen Vernetzung gebe es natürlich immer Verbesserungsmöglichkeiten. In jüngster Zeit war die Flüchtlingswelle ein großes Thema, und so gehören in Verden auch drei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu den Bewohnern. „Um die Lebenssituation der jungen Menschen auch später zu sichern, müssen wir alle Träger an einen Tisch bringen“, sagt Becker.

Am Anfang steht die Schnupperwoche

Stephan Schaper vom Fachdienst Jugend und Familie des Landkreises lobt die Zusammenarbeit mit den freien Trägern. In der Stadt ist das SOS-Kinderdorf der einzige Anbieter einer stationären Einrichtung. Darüber, ob ein Jugendlicher vermittelt wird, entscheidet zunächst das Jugendamt. „Die Gründe dafür sind vielfältig. Es können Vernachlässigungen sein, das Fehlen eines intakten Familienlebens oder einfach zu verschiedene Lebenswelten“, erklärt Schaper. In manchen Fällen seien es die Eltern, die auf das Jugendamt zukommen, aber oft auch die Jugendlichen selbst, die sich beispielsweise an ihre Vertrauenslehrer wendeten. Der nächste Schritt ist dann zunächst eine Schnupperwoche in der Einrichtung, wie Betreuer Martin Busch erzählt. Dabei sollen die Betroffenen selbst, die Mitbewohner und auch das SOS-Team feststellen, „ob es passt“. Denn obwohl jeder seinen eigenen Privatbereich bekomme, lebt man schließlich doch auf engem Raum zusammen. „Auch nach der eigentlichen Betreuung stehen wir dann als Ansprechpartner zur Verfügung“, sagt Busch. Er selbst sei beispielsweise für einen ehemaligen Schützling regelmäßig zum Besuch nach Visselhövede gefahren. Denn auch wer kein Kind mehr ist, ist noch lange nicht erwachsen.