„SOS-Kinderdorf leistet einen Beitrag, Armut zu bekämpfen“

Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Niedriglöhne – das Armutsrisiko in Deutschland steigt. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) sind besonders Kinder und junge Erwachsene betroffen. Was muss passieren, um den Trend zu stoppen? Welche Ursachen hat die Armut in Deutschland? Antworten von Dr. Markus Grabka, einem der Autoren der DIW-Studie.

Portrait von Dr. Markus Grabka Wer ist in Deutschland armutsgefährdet?

Dr. Markus Grabka: Es gibt eine Vorgabe der Europäischen Kommission, nach der Menschen als armutsgefährdet gelten, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens ihres Landes zur Verfügung haben. Bei Einpersonenhaushalten sind das in Deutschland 925 Euro pro Monat. Bei einer Familie mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 1943 Euro. In Deutschland leben derzeit vor allem junge Erwachsene, Alleinerziehende und Familien mit mehr als zwei jüngeren Kindern unter dieser Armutsrisikoschwelle.

Welche Faktoren lösen Armut in der Regel aus?

MG: Hauptgründe sind die hohe Arbeitslosigkeit und die Ausweitung des Niedriglohnsektors. Auch die prekären Beschäftigungsverhältnisse spielen eine Rolle: Vor allem viele junge Menschen starten heutzutage oftmals mit schlechter Entlohnung in ihr Arbeitsleben.

Was sind die Folgen der Armut?

MG: Konsequenzen sind beispielsweise bei der Gesundheit der Kinder spürbar. Studien belegen, dass unter anderem die Zahngesundheit bei Kindern aus armen Verhältnissen erheblich schlechter ist. Eltern achten in diesen Fällen nicht genügend auf die Ernährung. Süßigkeiten und fettiges Essen führen bei den Kindern außerdem zu Übergewicht.

Sie sagen, höhere Hartz-IV-Sätze reduzieren zwar Einkommensdefizite, behandeln aber nur die Symptome. Was muss aus Ihrer Sicht getan werden?

MG: Höhere Hartz-IV-Sätze können die Betroffenen zwar kurzfristig finanziell entlasten. Sie beheben aber nicht die Ursachen der Armut. Eine Alleinerziehende benötigt beispielsweise nicht einfach nur mehr Geld, sondern eine Kinderbetreuung, damit sie arbeiten gehen kann. Hier ist mehr Zielgenauigkeit nötig. Es ist wichtig, in die Kinderbetreuungsinfrastruktur zu investieren und in Angebote wie kostenloses Mittagessen oder Schulstarterpakete. So kommt das Geld auch direkt bei denen an, die es am meisten brauchen: den Kindern.

SOS-Kinderdorf betreibt zum Beispiel Berufsausbildungszentren für die Ausbildung sozial benachteiligter Jugendlicher und Familienzentren. Wie können solche Einrichtungen helfen?

MG: Diese Einrichtungen sind sehr sinnvoll und müssen unbedingt stärker gefördert werden. SOS-Kinderdorf kann mit seinen Angeboten einen Beitrag dazu leisten, die Ursachen der Armut zu bekämpfen und den Lebensweg der Kinder zu ebnen.

Welche Rolle werden Angebote wie die SOS-Familienstärkungsprogramme in Zukunft spielen?

MG: Es zeichnet sich ab, dass die Situation in Deutschland noch einige Jahre so bleiben wird. Deshalb werden Einrichtungen wie SOS auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, um Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Haushalten aufzufangen.

Die Studie des DIW Berlin ist erhältlich als Download...