Bleistift

Vorlesen ist der Schlüssel zur Freude an Büchern

Wie macht man aus Kindern Lesefreunde? Der Medienpädagoge Professor Bernd Schorb von der Universität Leipzig beschäftigt sich mit genau diesem Thema: Er wertere die Ergebnisse des von der Stiftung Lesen durchgeführten Modellprojekts „Lesestart – Mit Büchern wachsen“ aus. Bei Kinderärzten und in Bibliotheken erhielten Familien in insgesamt drei Projektphasen Bücher zum Vorlesen und nahmen anschließend an einer Befragung zu ihren Erfahrungen teil. Ein zentrales Ergebnis von Schorbs Untersuchung: Es sind die Eltern selbst, die ihre Töchter und Söhne zu Bücherwürmern machen können. Wie sie das am besten anstellen, erzählt Professor Schorb im SOS-Interview.

Medienpädagoge Professor Bernd Schorb

Warum ist eine frühkindliche Leseförderung überhaupt von Bedeutung?

Bernd Schorb: Lesen ist aus kulturtechnischer Sicht wichtig: Wer früh an das Lesen herangeführt wird und dabei Vergnügen und Spaß empfindet, wird es den Rest seines Lebens positiv beurteilen und gern lesen.

Was hat die Studie „Lesestart“ in Bezug darauf genau untersucht?

B.S.: Wir haben den Versuch unternommen, Eltern an das Vorlesen heranzuführen, sie also dazu zu bringen, mit ihren Kindern im Vorlesealter Bücher anzuschauen. Die Untersuchung zeigte, dass es gelungen ist, die Eltern auf verschiedenen Wegen zu erreichen und sie zu animieren, ihren Kindern vorzulesen.

Welchen Einfluss haben die Eltern bei der Leseförderung?

B.S.: Der Einfluss der Eltern ist ganz zentral. Sie sind ein entscheidendes Vorbild.

Welche zentralen Ergebnisse erbrachte die Studie?

B.S.: Die Ausgabe des Lesematerials beim Arzt oder in Bibliotheken hatte im Wesentlichen eine Verstärkerfunktion zur Folge: Die Eltern wurden ermutigt, sich gemeinsam mit ihren Kindern mit Büchern zu beschäftigen. Das betrifft insbesondere die Eltern, die früher selbst etwas vorgelesen bekamen. Aber wir haben auch zehn Prozent der Eltern erreicht, die selbst gar nicht lesen oder vorlesen. Als gut erwies sich der erste Kontakt zu den Eltern über die Arztpraxen bei der Vorsorgeuntersuchung U6, wenn auch den Ärzten die sozialwissenschaftliche Kompetenz fehlt, in Sachen Leseförderung zu beraten. Auch die folgenden Phasen der Studie, bei denen Bibliothekare das Lesematerial ausgegeben haben, waren wichtig. Allerdings erreichten wir dort nicht die lesefernen Eltern.

Zwei Mädchen lesen ein Buch.

Wie könnte man also am besten möglichst viele Eltern an Bücher heranführen?

B.S.: Im britischen Vorbildprojekt „Bookstart – Books for Babies“ besuchen Hebammen und Sozialarbeiter die Familien zu Hause. Leseferne Eltern, die keine Bibliotheken besuchen, könnte man zum Beispiel in Einkaufzentren ansprechen, also an Orten, an denen sie sich aufhalten. Außerdem fände ich es gut, wenn man dem Lesen im Allgemeinen einen Wert geben könnte, nicht allein der deutschen Sprache. In England werden die Materialien in insgesamt zwölf verschiedenen Sprachen ausgegeben.

Welche Unterschiede in Bezug auf das Interesse an Büchern haben Sie abhängig von der Herkunft der Kinder feststellen können? Gab es überhaupt welche?

B.S.: Wie zu erwarten war, sind es oft die Eltern mit höherer Bildung, die ihren Kindern Bücher nahebringen. Aber es gibt auch immer mehr Akademiker, die ihren Kindern kaum vorlesen. Zwölf Prozent der Eltern aus den gehobenen Milieus stufen wir als lesefern ein.

Wie können Eltern ganz gezielt die Freude am Lesen bei ihren Kindern fördern?

B.S.: Indem sie gemeinsam mit ihren Kindern ein schönes Ereignis herbeiführen, sich also nah sind und sich gemeinsam in Ruhe einem Buch widmen. Während sie sich mit ihren Kindern beschäftigen und gemeinsam ein Buch anschauen, zeigen sie Zuneigung und Liebe. Dabei geht es nicht nur um stures Vorlesen nach dem Motto ‚Jetzt lese ich und du musst den Mund halten‘. Das Lesen ist eine Möglichkeit, die Fantasie des Kindes anzuregen und über das Gelesene und Gesehene zu sprechen.