Bleistift

„Kinder müssen gehört werden“

Ein Junge liegt auf einer Wiese und hält eine Pusteblume in der Hand. Das Buch der amerikanischen Jura-Professorin Amy Chua, „Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte.“, hat in den USA und auch in Europa aufgrund der strengen Erziehungsmethoden und des Drills der „Tiger Mom“ für Aufsehen gesorgt und hitzige Diskussionen über Erziehungsstile entfacht. Über die pädagogischen Grundlagen von SOS-Kinderdorf spricht die Sozialpädagogin Iris Gruhler im SOS-Interview. Sie ist seit 14 Jahren für den SOS-Kinderdorf e.V. tätig und Bereichsleiterin der Kinderdorffamilien im SOS-Kinderdorf Saar.

Frau Gruhler, als Bereichsleiterin Kinderdorffamilien sind Sie dafür verantwortlich, dass die pädagogische Linie im SOS-Kinderdorf Saar stimmt. Wie sieht diese genau aus?

Iris Gruhler: Pädagogik ist immer ein individueller Prozess zwischen zwei Menschen. Zwischen einem Erwachsenen und einem Kind oder einem Jugendlichen. Es ist wichtig, das im Hinterkopf zu behalten, auch, oder gerade, wenn man über pädagogische Grundsätze redet. Für unsere Pädagogik sind indes sieben Grundbedingungen für Kinder ausschlaggebend*:

1. Das Bedürfnis nach einer beständigen, liebevollen Beziehung.

2. Das Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit, Sicherheit und Regulation.

3. Das Bedürfnis nach Erfahrungen, die auf individuelle Unterschiede zugeschnitten sind.

4. Das Bedürfnis nach entwicklungsgerechten Erfahrungen.

5. Das Bedürfnis nach Grenzen und Strukturen.

6. Das Bedürfnis nach stabilen, unterstützenden Gemeinschaften und nach kultureller Kontinuität.

7. Das Bedürfnis nach einer sicheren Zukunft.

Den Kindern, die zu uns kommen, fehlen vor allem entwicklungsgerechte Erfahrungen. Ihre Eltern haben den Kindern das nicht geben können oder diese Erfahrungen nicht ermöglicht. Die Vernachlässigung in diesem Bereich führt mitunter so weit, dass die Kinder traumatisiert sind.

Entwicklungsgerechte Erfahrungen? Sind das Erfahrungen, die Kinder in ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe brauchen, um ihre neu gewonnen Fähigkeiten ausprobieren und vervollkommnen zu können?

Porträt von Iris Gruhler, Bereichsleiterin der Kinderdorffamilien im SOS-Kinderdorf Saar I.G.: Ja. Wenn Sie ein kleines Kind im Krabbelalter beobachten, wie es voller Staunen und Hingabe das erste Mal Sand zwischen den Fingern herunter rieseln lässt oder einen Grashalm mit dem Pinzettengriff abreißt, können Sie das sicher verstehen. Diese Faszination – das können wir Erwachsenen gar nicht mehr nachvollziehen. Jede Erfahrung, die ein Kind macht, hat einen unglaublichen Einfluss auf die hirnorganische, motorische und emotionale Entwicklung eines Kindes.

Was bedeutet das in der Praxis bei SOS?

I.G.: Unsere Pädagogik sieht eine fördernde Betreuung vor, die auf die Bedürfnisse des Kindes zugeschnitten ist. Das heißt, die Fähigkeiten und Potenziale des Kindes stehen im Mittelpunkt, nicht das, was der Erwachsene oder die erziehungsberechtigte Person will. Es ist ein wichtiges Ziel, das Kind Erfahrungen machen zu lassen, die es befähigen, selbstwirksam zu sein.

Bestimmt nicht der Erwachsene, was das Kind zu tun oder zu lassen hat?

I.G.: Es ist vor allem eine Sache der inneren Haltung, die auch in regulären Familien angewendet werden kann, wenn man davon ausgeht, dass das Kind, auch das Kleinkind, weiß, was gut für es ist und dass es das auch signalisieren kann. Die Verantwortung des Erwachsenen liegt darin, diese Signale zu erkennen, zu deuten und darauf einzugehen. Wichtig dabei ist, dass Kinder sich beteiligen können und dass das, was sie zu sagen haben, gehört wird.

Was, wenn das Kind partout nicht schlafen gehen will, auch wenn schon längst Zubettgehzeit ist?

I.G.: Wenn ich partout darauf beharre, dass mein Kind jeden Tag pünktlich um 19 Uhr ins Bett geht, komme ich früher oder später nicht um einen Machtkampf herum. Und bei dem sehen wir Erwachsenen meist alt aus.
Ich kann aber auch die Haltung einnehmen, dass die Tage unterschiedlich sein können, bei allem Beibehalten eines verlässlichen Tagesablaufes. Manchmal schläft das Kind mittags länger, oder hat mal mehr, mal weniger Energie. Dann liegt es an mir, den Tagesablauf so zu gestalten, dass es einen gewissen Spielraum für das Kind und den Erwachsenen gibt. Dann lege ich mich noch eine gewisse Zeit zum Kind und wir kuscheln und lesen ein Buch. Oder ich gehe mit meinem Kind vorher eine Runde auf den Spielplatz, wo es sich austoben kann und doch pünktlich im Bett liegt, weil ich als Erwachsener die Abendstunden brauche, um mich zu regenerieren. Grundsätzlich halte ich es für entscheidend, ein passendes Ritual für den Tagesabschluss mit dem Kind zu entwickeln.
Die Kinder leben mit uns, leben in der Struktur der jeweiligen Familie – was ja auch eines der Grundbedürfnisse ist. Die verlässliche Struktur vorzugeben das ist Aufgabe der Erwachsenen.

Die Kinder, die zu SOS kommen, hatten oft vorher keinen Rhythmus...

I.G.: Ja, die Kinder sind geprägt von dem Leben, das sie vorher geführt haben. Aber es ist wichtig, sie als eigenständige Akteure zu sehen und nicht als Betreuungsobjekte oder Opfer ihres Schicksals.

Was genau meinen Sie damit?

I.G.: Die Kinder haben das Leben, das sie bislang kennen gelernt haben, mit den Strategien bewältigt, die für sie Sinn machen. Das heißt, sie sind Akteure. Nehmen wir Kinder von Drogensüchtigen. Diese Menschen, die es meist selbst schon schwer hatten, leben ein Leben, in dem es hauptsächlich darum geht, neuen Stoff zu beschaffen. Das heißt, sie haben einen enormen Stresspegel, sind immer gehetzt, jagen durchs Leben. Kinder sind hochsensibel. Sie haben allerfeinste Antennen, wenn es darum geht wahrzunehmen, wie sich ihre Erziehungsperson fühlt. Und sie schwingen mit. Sie geraten selbst in einen Unruhezustand, um mit dem Zustand der Eltern Schritt halten zu können. Werden Kinder mit einer solchen Vorerfahrung bei uns aufgenommen, wirken sie eher auffällig, weil sie so unruhig sind.

In der Schule...

I.G.: ...sitzt so ein Kind nicht still. Es eckt an und bekommt Probleme. Wir versuchen zu sehen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten das Kind hat und wie wir sie ihm entlocken können. Was auch immer ihm Spaß macht und was es gut kann, wir versuchen es herauszufinden und auf einmal kann dieses hektische Kind eine halbe Stunde still sitzen. Dieser Erfolg zeigt dem Kind, dass es Einfluss nehmen kann auf sein eigenes Verhalten. Die Verstärkung durch fürsorgliche Erwachsene hilft ihm letztlich Strategien zu entwickeln, diese Erfahrung auszubauen und auch auf andere Bereiche anzuwenden. Wichtig ist, dem Kind emotionale Zuwendung zu geben und ihm zu vermitteln: „Du bist OK. Du als Mensch. Du hast leider ein Verhalten, durch das du in dieser Gesellschaft aneckst, aber wir schaffen das. Du schaffst das.“

Was ist Ihnen persönlich wichtig in der Erziehung von Kindern?

I.G.: Kinder haben Rechte. In 54 Artikeln drückt die UN-Kinderrechtskonvention Grundwerte zum Umgang mit Kindern, deren Schutz und deren Beteiligung aus. Daran sollten wir unsere Pädagogik auch ausrichten, denn Kinder müssen gehört werden, sie haben was zu sagen. Nur so lernen sie, dass sie selbstbewusst sein können, dass sie daran beteiligt sind, etwas zu entwickeln und zu gestalten. Wenn sie sagen können „Das habe ich geschafft!“, macht das Kinder stark und sie werden zu einem Teil der Gesellschaft, der weiß: „Mein Recht hört da auf, wo es das Recht eines anderen beschneidet.“

*T. Berry Brazelton, Stanley I. Greenspan: „Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern. Was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich zu sein.“ Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2002.