Wir haben noch nie so etwas Schreckliches erlebt

Leiter von SOS-Kinderdorf Haiti, Celigny Darius Das folgende Interview konnten Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf International mit dem Leiter von SOS-Kinderdorf Haiti, Celigny Darius, per Satellitentelefon führen.

Wie haben Sie das Erdbeben und die Situation im SOS-Regionalbüro in Port-au-Prince erlebt?

Das Erdbeben erschütterte Port-au-Prince während wir im Büro waren, gegen 17 Uhr. Ich hatte gerade genug Zeit, um das Gebäude zu verlassen. Ich dachte, das ganze Haus stürzt ein, es war schrecklich. Fünf meiner Mitarbeiter waren im zweiten Stock, sie versuchten nach draußen zu gelangen, aber das ganze Haus wankte und ich dachte "Es stürzt ein, sie werden alle sterben!" Meine Leute im zweiten Stock zu wissen und ihnen nicht helfen zu können, war entsetzlich.
Ein Teil des Büros stürzte zwar ein, glücklicherweise schafften es aber alle nach draußen und wir hatten keine Opfer zu beklagen. Wir versuchten sofort unsere Familien zu erreichen, was allerdings unmöglich war, da die Telefonleitungen schon zusammengebrochen waren. Es war ein schreckliches Erlebnis. Ich lebe nicht weit vom Regionalbüro entfernt und konnte meine Frau nicht erreichen. Ich war überzeugt, sie sei tot, da wir im vierten Stock wohnen und mir gesagt wurde, dass das Haus eingestürzt wäre. Erst Stunden später erreichte mich meine Frau. Sie beruhigte mich, dass sie und meine Tochter in Sicherheit sind.

Wie ist die Situation der Mitarbeiter, deren Häuser einstürzten?

Die Häuser von drei oder vier Mitarbeitern – genau wissen wir es nicht - sind eingestürzt. Aber selbst die Menschen, deren Häuser nicht zerstört wurden, stehen auf der Straße, weil man nicht sicher sagen kann, welche Häuser noch einstürzen werden. So weit wir wissen, sind alle Familienmitglieder unserer Mitarbeiter am Leben. Im Moment helfen wir ihnen wo wir können.

Was wird am dringendsten gebraucht?

Das Wichtigste im Moment sind Medikamente, im besonderen Schmerzmittel, weil viele Menschen von den herabstürzenden Trümmern schwer verletzt wurden. In den Krankenhäusern kann nicht operiert werden, die verletzten Menschen liegen auf den Straßen. Nirgendwo kann man mehr einkaufen, kein Supermarkt hat geöffnet, die Busse fahren nicht und die Menschen haben Angst, Gebäude zu betreten. Selbst Kleidung fehlt, da die meisten nur mit dem, was sie anhatten, auf die Straßen geflüchtet sind.

Wie helfen Sie?

Wir beschaffen Wasser aus den noch intakten Leitungen des Kinderdorfes und verteilen es an die Menschen. Im Moment sehen unsere Mitarbeiter nach den von SOS unterstützten Familien in der Umgebung, um zu beurteilen, wie ihnen geholfen werden kann und was sie benötigen. Bis jetzt wissen wir von zwei Familien, die Angehörige verloren haben. Die Familien, die im SOS-Kinderdorf Santo leben, sind wohlauf, ihre Häuser wurden nicht beschädigt. Die Wohnungen der Familien außerhalb sind allerdings schwer getroffen. Für den Moment können wir nicht sehr viel mehr tun, als ihnen Wasser zu geben.Interview: Ivannia Cambronero (Editor at the Regional Office in Costa Rica)