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"Der Hunger hinterlässt Spuren"

Die vierjährige Simone kann es nicht fassen: 30 bis 40 Mal am Tag läuft sie zum Kühlschrank, öffnet ihn und steht staunend vor Butter, Käse, Wurst, Eiern und Gemüse. Immer wieder muss sie sich davon überzeugen, dass die Lebensmittel nicht verschwinden. Denn bevor das kleine Mädchen in das SOS-Kinderdorf Ammersee-Lech kam, musste es bittere Armut kennen lernen. Und das lässt die Kinder oft jahrelang nicht mehr los, weiß SOS-Kinderdorfmutter Margarete Gehring: Die Buben und Mädchen haben immer das Gefühl, zu kurz zu kommen.

Simone und ihre beiden Geschwister sind kein Einzelfall: Auch SOS-Kinderdorfmutter Sieglinde Olbrich betreut drei Kinder, die „nicht nur Armut, sondern existenzielle Not“ erlebt haben – sie mussten vor der Aufnahme im SOS-Kinderdorf sogar ins Krankenhaus, weil sie völlig unterernährt waren. Inzwischen ist das zehn Jahre her, doch noch immer kommt bei den Buben und Mädchen Angst auf, dass sie nicht genug bekommen.

Kinder haben den Hunger verinnerlicht

Zwei Kinder kochen gemeinsam mit ihrer Kinderdorfmutter. Vor allem, wenn sie in fremder Umgebung sind, erzählt Sieglinde Olbrich, etwa im Ferienlager, essen sie „als ob sie zum letzten Mal etwas bekommen“. Alles andere – zum Beispiel den Mangel an Kleidung oder Spielsachen – könnten die Kinder relativ bald vergessen, doch den Hunger hätten sie verinnerlicht. Kein Wunder, dass viele der Buben und Mädchen unter Essstörungen leiden.

Simone und ihr Bruder etwa aßen anfangs sogar Kartoffel- und Gurkenschalen. Und erzählten dann ihrer SOS-Kinderdorfmutter Margarete Gehring, wie sie früher einmal mit den Zungen an Eiswürfeln hängen geblieben waren, die sie aus dem ansonsten leeren Kühlschrank genommen hatten, um ihre knurrenden Mägen zu besänftigen. Es hat lange gedauert, bis die Kinder darauf vertrauten, dass nun immer genug zu essen da ist.

Acht Portionen für sechs Kinder

Auch SOS-Kinderdorfmutter Christine Czermak kennt die immer wiederkehrende Angst: Sie kocht immer acht Portionen für ihre sechs Kinder – und achtet darauf, dass bei den Mahlzeiten etwas übrig bleibt, um den Buben und Mädchen ein sicheres Gefühl zu geben. Denn auch sie schlichen sich manchmal in den Keller um nachzusehen, ob die Vorräte auch nicht ausgehen. Und der kleine Sebastian meinte kurz nach seiner Ankunft: „Deinen Kühlschrank musst Du unbedingt zusperren, sonst fressen die anderen alles raus.“

Er und seine Geschwister kannten bei ihrer Ankunft im SOS-Kinderdorf viele Lebensmittel nicht, vor allem Obst und Gemüse – nur Suppe, Butterbrot und Dosengerichte waren ihnen geläufig. Auch Teile des Bestecks – zum Beispiel Kaffeelöffel – hatten sie noch nie gesehen. Warme Mahlzeiten waren für sie so selten, dass Sebastians Schwester anfangs ganz überrascht fragte: „Kochst Du wirklich jeden Tag?“

Passende Kleidung war ein Luxus

Kleidung war für die Kleinen anfangs ebenfalls Luxus, so Christine Czermak: Sie kamen praktisch in Lumpen bei ihr an, ein Mädchen trug die Strumpfhose der Mutter, der Bub Schuhe, die zehn Nummern zu groß waren. Oft dauerte es sechs bis acht Wochen, bis die Kinder Sachen aus dem Spendenlager akzeptierten und sich von ihren Lumpen und zu großen Sachen trennen konnten. Dann ist alles für sie wie ein Wunder: „Und das gehört jetzt mir?“

Die SOS-Kinderdorfmütter helfen den Kindern mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen, ihre schlimmen Erfahrungen zu verarbeiten. Sie bieten ihnen Sicherheit und leben ihnen vor, wie man sich richtig ernährt und haushaltet – oft mit Erfolg: Simones große Schwester etwa erwartet jetzt ihr zweites Kind und hat für ihre Kleinen ein gemütliches Heim geschaffen – in dem der Kühlschrank immer gut gefüllt ist.