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"Die Eltern sind die wahren Experten"

Ein Baby beißt in einen Holzgriff Interview mit Jeanette Sauer, Mitarbeiterin im SOS-Familienzentrum Berlin Hellersdorf

Ein Baby ist da – und mit ihm ganz viel Freude über das neue Leben. Aber zugleich ist da auch ein fremder neuer Mensch, der zusammen mit den Eltern in der Wohnung wohnt, isst, trinkt und viele Windeln schmutzig macht. In der neuen Lebenssituation ist es wichtig, mit anderen Müttern und Vätern zu sprechen, die Ähnliches erleben. Im offenen Bereich des SOS-Familienzentrums Hellersdorf gibt es ein Komplettangebot „Rund ums Baby“ – angefangen bei der Geburtsvorbereitung bis hin zur Sozialberatung. Bei allen Aktionen steht eines im Vordergrund: Den Eltern in der Gemeinschaft Halt zu bieten – um ihnen Sicherheit zu geben, die ihren Kindern zugute kommt. Jeanette Sauer leitet seit drei Jahren die Krabbelgruppe im Familienzentrum Hellersdorf.

Gibt es ein Patentrezept für den Umgang mit Babys?
Jeanette Sauer: Babys sind Menschen – wenn auch kleine. Sie sind alle unterschiedlich. Generell aber ist es ganz wichtig, dass Eltern von Beginn an versuchen ihre Kinder zu verstehen. Daher bieten wir viele Kurse an, die die Interaktion fördern.

So wie die Babymassage.
Ein Baby und seine Mutter J.S.: Ja, zum Beispiel. Hier wird das Baby ja nicht massiert, aber gestreichelt. Müttern wird gezeigt, dass sie über den Kontakt zu ihrem Kind, über Streicheln, Blähungen lindern oder auch ihr Kind beruhigen, ihm Sicherheit vermitteln können. Die Mütter lernen die Reaktionen ihrer Babys zu verstehen. Es entsteht in einer entspannten Atmosphäre eine sehr schöne Form von Bindung und Nähe. Oft wird ja gesagt: „Das Kind ist bockig, das macht es mit Absicht.“ Aber bei Kindern mit vier oder fünf Monaten ist das noch gar nicht möglich. Ein Baby kann weder weglaufen, noch sagen, dass es etwas stört...

...aber schreien...
J.S.: ...oder sich weg drehen. Ich weise die Eltern dann darauf hin: „Schau mal, dein Baby dreht den Kopf weg, das ist ihm jetzt zu viel.“ Oder ein kleines Mädchen, das alleine in der Ecke saß, während die Mutter raus gegangen ist - wenn die Mutter wiederkommt, fängt das Kind an zu weinen. Dann erkläre ich, dass die Kleine sich die ganze Zeit zusammen gerissen hat und sich jetzt endlich fallen lassen kann. Dabei ist es wichtig, die Mütter auf das Positive hinzuweisen und zu sagen: „Schau mal wie toll, deine Tochter war so stark.“ Und das Schönste ist, dass ich bemerke, wie die Frauen das untereinander weiter geben und andere Mütter ebenfalls darauf hinweisen, was deren Kind schon alles kann und ihre eigenen Erfahrungen teilen.

Wer kommt zu Ihnen in die Kurse „Rund ums Baby“?
J. S.: Das ist ganz unterschiedlich. Das Familienzentrum liegt zwar in einem sozialen Brennpunkt von Berlin, aber es kommen auch Frauen und Männer aus Brandenburg oder aus anderen Stadtteilen Berlins. Ich bin selbst immer wieder überrascht, welchen Weg die Frauen auf sich nehmen. Dadurch entsteht aber auch eine gute Mischung, die unabhängig von sozialen Schichten ist. Genauso durchmischt ist es bei der Altersgruppe: Wir haben sowohl junge Mütter, die gerade 18 geworden sind, als auch Frauen, die mit 40 ihr erstes Kind bekommen haben - auch bei ihnen herrscht große Unsicherheit.

Ist es das, was die Frauen, die zu Ihnen kommen, verbindet? Unsicherheit?
Ein Baby hält sich an der Hand seiner Mutter fest J. S.: Nein. Sie alle haben nur eines gemeinsam: Sie sind gerade Mutter geworden oder dabei, Mutter zu werden. Das ist eine ganz neue Situation, mit der sie konfrontiert werden. Da ist es ganz klar, dass viele Fragen aufkommen. Und: Alle diese Frauen haben Großes geleistet, sie haben dieses Wahnsinnsereignis der Geburt gestemmt. Der Alltag verändert sich komplett, ständig ist dieses kleine Wesen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Frauen suchen Zuspruch und möchten ihre Erfahrungen austauschen. Die Partnerschaft verändert sich ebenfalls, auch hier besteht oft ein großer Redebedarf. Ich möchte in der Gruppe Raum und Zeit geben über alle Themen zu sprechen und auch meine Hilfe anbieten. Wenn die Themen zu Problemen werden, kann ich an meine Kolleginnen und Kollegen in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle verweisen.

Was ist Ihnen in den Kursen wichtig?
J.S.: Ich stehe als Gesprächspartnerin zur Verfügung, mache aber keine individuelle Beratung oder sage den Müttern, was sie zu tun haben, denn letztlich kennen sie ihr Kind am besten. Eltern sind die wahren Experten, wenn es um ihr Kind geht. Das eine Baby schläft gut allein, das andere braucht die Nähe zur Mutter bis zum vierten Lebensjahr. Auf diese Individualität weise ich sie immer wieder hin. Damit möchte ich verhindern, dass die Mütter sich unter Druck setzen. Oft vergleichen sie Babys miteinander und fragen dann warum ihr Kind nicht sitzen kann oder noch keine Zähnchen bekommt. Durch die Angebote stärken wir die Eltern und damit die Familien und es freut mich einfach, wenn die Eltern glücklich sind, wenn sie mit Stolz auf sich und ihre Kinder gucken können und von ihrem Familienleben erfüllt sind.

Sie erzählen voller Hingabe von Ihrer Arbeit. Warum ist Ihnen das, was Sie tun, so wichtig?
J.S.: Ich habe in Kinderheimen gearbeitet, bevor ich ins Familienzentrum kam. Ich habe gesehen, wie sehr Kinder leiden - psychisch und physisch - wenn die Kommunikation zwischen Eltern und Kind nicht stimmt, ist das Zusammenleben schwierig. Manche Eltern, die sich von ihrem Kind nicht respektiert oder missachtet fühlen, meinen, sie könnten Aufmerksamkeit nur durch Grobheit oder gar Gewalt erzwingen. Deswegen ist es mir so wichtig, dass Eltern lernen, ihre Kinder zu verstehen.

Zur Person

Jenatte Sauer und Cherno Jobatey beim Muttertagsbacken Jeanette Sauer ist ausgebildete Erzieherin. Zunächst arbeitete sie in Kinderheimen und verschiedenen sozialen Projekten, u.a. im Frauenzentrum und in einer Kindereinrichtung für Babys von minderjährigen Müttern. Dann kam sie in den offenen Bereich des SOS-Familienzentrums Berlin-Hellersdorf. Dort leitet sie seit drei Jahren die Krabbelgruppe und ist vor allem für den Kleinkindbereich zuständig.

Zurzeit absolviert sie eine Fortbildung als PEKIP-Gruppenleiterin (PEKIP steht für Prager Eltern-Kind-Programm). Im Oktober soll ein Kurs angeboten werden, in dem durch Bewegung die geistige Entwicklung von Babys ab der 4. Lebenswoche gefördert wird.

Zusammen mit Jeanette Sauer betreuen die AFS-Familienberaterin Sabine Lesch-Kaiser und die Hebamme Kerstin Marx die insgesamt neun Angebote des Familienzentrums Hellersdorf im Kleinkindbereich.

Besuchen Sie die Internetseite des Familienzentrums Hellersdorf