Bleistift

Ein Dorf im Aufbruch zu neuen Wegen

Rolf Martens von der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenwieden


Ländlicher Raum als „Garten der Metropolen“ – Konzept der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden gewinnt den Hauptpreis

Als wäre sie schon verwirklicht, beschreibt Rolf Martens die Vision der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden. Romantisch winden sich darin die jungen Weiden um einen konstruierten Stahlbogen. Eigenwillig und skulpturhaft. Wer unter dieser Weidenkapelle steht, kann einen „Ort der Ruhe und Besinnung“ genießen, sagt der Leiter der Dorf-Werkstatt für behinderte Menschen. Und auch wenn an dieser Stelle zwischen Wald und Feldweg derzeit noch eine Lücke die Landschaft prägt – allein die Beschreibung lässt das rankende Naturgeflecht vor dem geistigen Auge erscheinen. „Wir wollten schon immer das umliegende Land für uns und andere erschließen“, sagt Rolf Martens. Das Konzept dafür steht bereits und hat gestern in Schwerin den Zukunftspreis 2010 der Akademie für Nachhaltige Entwicklung Mecklenburg-Vorpommern erhalten. Die Auszeichnung ist in diesem Jahr dem „Garten der Metropolen“ gewidmet. Die Initiatoren haben nach zukunftsfähigen Lösungswegen im ländlichen Raum zwischen den Metropolen Hamburg, Berlin und Szczecin gesucht. Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) rief bei der Preisverleihung dazu auf, gute Ideen für den ländlichen Raum in Mecklenburg-Vorpommern zu entwickeln: „Wir brauchen ein positives Bild davon, wie wir gerade den ländlichen Raum weiter entwickeln wollen.“
Eine nachhaltige Struktur für das Leben und Wirtschaften in einer solchen Region hat die SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden gefunden. Erste junge Bäume zieren bereits die Landschaftswege, die später überall von Alleen geschmückt werden sollen. Ein Rundgang übers Gelände lässt die Beschreibungen von Rolf Martens nachwirken. Während es draußen stürmt, Schneegestöber quer über die Felder und in jede ungeschützte Nische wirbelt, sieht er die geplanten Elemente des künftigen Erlebnis-, Naherholungs- und Erkundungsortes schon genau vor sich.


Natur soll Touristen anlocken

Das Dorf in unmittelbarer Nähe zur Kreisstadt Grimmen (Nordvorpommern), in dem 32 Menschen mit Lernbeeinträchtigungen seit 1999 leben und arbeiten, ist Zentrum des Konzepts. Es soll allerdings nicht zur Attraktion werden, um die Privatsphäre der Einwohner zu schützen. Vielmehr sieht der Plan vor, die Besucher von den Wohnhäusern wegzulenken, hin zu den neuen landschaftlichen Anziehungspunkten: dem nahegelegenen Wald und den Feldern. „Ein Dorf im Aufbruch“ – so der Titel des Projektes, das drei charakteristisch getrennte Räume einbindet, die in Symbiose leben und einander brauchen. Storchenpaar im Nest Damit greift die SOS-Dorfgemeinschaft auf die „Stärken der Region zurück“, sagt Rolf Martens. „Natur und Landwirtschaft sollen Touristen und Einheimische anlocken, die Ruhe suchen und die Landschaft entdecken wollen.“ Der Wald, momentan kaum genutzt, berge großes Potenzial. Alte Buchen, Eichen, Eschen und Pappeln bieten Raum zum Erkunden und Durchatmen – wenn der Besucher denn hinfindet. Genau da setzen die Planer an. Sie wollen Wald und Felder zugänglicher machen, alte Wege ausbauen und neue schaffen, damit wieder mehr Menschen einen Ausflug dorthin unternehmen. Das künftige Wegenetz wird nicht nur das Dorf mit der Natur und der Stadt Grimmen verbinden. Ebenso soll es eine Plattform schaffen, um Wissen zu vermitteln, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und sie kreativ werden zu lassen. „Mit allen Sinnen sollen Einheimische und Besucher die Natur wahrnehmen. Still und leise“, sagt Rolf Martens, der betont, dass sie keinen „Spielwald“ kreieren wollen. Vielmehr Orte zum Entdecken. Neben den größeren Attraktionen wie dem Rasenlabyrinth und der Weidenkapelle greift das Konzept immer wieder das Thema Kunst auf. „Vergängliche Kunst“, so der Werkstattleiter. „Wir wollen die Besucher einbeziehen.“ Vorstellbar seien Gebilde aus Feldsteinen am Wegesrand, an denen jeder nach Lust und Laune Hand anlegen kann. „Dabei ist alles dem Zufall überlassen. Nichts ist festgeschrieben. Alles ändert sich stetig“, erklärt er die Grundidee, die sich stark am englischen Künstler Andy Goldsworthy orientiert. Dieser widmet sich vergänglicher Kunst aus Naturmaterialien und hält sie fotografisch fest.


Regionale Wirtschaft statt Globalisierung

Als Kontrast zur Vergänglichkeit sollen immer wieder auch Skulpturen der Dorfbewohner den Wegesrand zieren. Das mach ich doch mit links Zu Fuß, mit Fahrrad oder Kutsche kann das Gebiet dann bereist werden, vorbei an Obstbaumreihen, großen Alleen, Feuchtbiotopen, restaurierten Teichen, einem Holzsteg durch die Feuchtwiesen, einem naturbelassenen Kletterwald, dem Aussichtsplateau und dem „Fliegenden Klassenzimmer“ – eine Waldbühne für Lehrstunden in der Natur. So die Pläne bis zum Jahr 2015.
Als „Visionen“ beschreibt sie Rolf Martens und „darum geht es ja auch beim Zukunftspreis“, sagt er. „Wir werden nun versuchen, so viel wie möglich selbst oder mit Hilfe von Partnern zu verwirklichen.“ Immerhin sei das zunächst bis 2013 geförderte Projekt auch mit einem erheblichen finanziellen Eigenanteil verbunden. Was sie auch umsetzen, „alle Ideen basieren auf der Nutzung vorhandener Ressourcen“, sagt Rolf Martens. Zu diesen zählt der Werkstattleiter auch das regionale Wirtschaften in der Dorfgemeinschaft. Getreu dem Motto, weg von der Globalisierung, hin zu alten Traditionen. Regionale Produkte selbst hergestellt und in der Region vermarktet – auch das gehöre zum prämierten Konzept der Dorfgemeinschaft.

Mehr Informationen über die SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden finden Sie auf ihrer Internetseite