Bleistift

Haiti zwei Jahre nach dem großen Beben

Kinder im SOS-Kinderdorf Santo


Die Hilfe muss weitergehen

Fast zwei Jahre nach dem Erdbeben in Haiti am 12. Januar 2010, bei dem mehr als 230.000 Menschen starben und drei Millionen Menschen betroffen waren, konnten signifikante Fortschritte beim Wiederaufbau erzielt werden. Dennoch befindet sich Haiti immer noch eher im Notstand denn auf dem Weg hin zu einem Land, in dem Entwicklungen zu greifen beginnen, die der Bevölkerung Sicherheit und positive Perspektiven bieten könnten. SOS-Kinderdorf startete 2011 mit dem Bau neuer Schulen und erweiterte langfristige Sozialprogramme für Kinder und Familien.

SOS-Kinderdorf hat 2011 in gemeinsamen Initiativen mit internationalen NGOs (u.a. Save the Children, World Vision, Plan, Care und International Rescue Committee) sowohl an die EU als auch den UN-Sicherheitsrat appelliert, ihre Hilfsanstrengungen auf hohem Niveau systematisch fortzusetzen und der haitianischen Regierung unter Präsident Michel Martelly den Rücken zu stärken.
Mädchen in Haiti Frauen, Kinder und Jugendliche sind oft besonders benachteiligt und besonderen Risiken ausgesetzt. Ihr Schutz muss an erster Stelle stehen. Die Schaffung eines engmaschigen Sozialnetzes, eine stärkere Partizipation der Bevölkerung und der Aufbau von kommunalen Ressourcen müssen ebenso Priorität haben.
„Ansonsten“, so Helmut Kutin, Präsident von SOS-Kinderdorf, „wird Haiti, das an einer entscheidenden Kreuzung steht und die Chance auf eine Wende hat, falsch abbiegen und in seiner Entwicklung noch weiter zurückgeworfen. Wir alle, die wir uns verpflichtet haben, den Menschen von Haiti zu helfen, müssen dafür einstehen und unsere Versprechen einlösen, auch wenn eine echte Konsolidierung noch Jahre dauern wird. Die Menschen müssen aber sehen und spüren können, dass die Richtung stimmt und sie mit gestalten und Verantwortung tragen können.“ SOS-Kinderdorf, seit 1978 als lokal ansässige Organisation in Haiti tätig, konzentriert sich in seinem langfristigen Wiederaufbauprogramm auf Kinder ohne elterliche Betreuung, auf die Unterstützung von Familien und auf Schulprojekte. Mit Ende 2010 hat SOS-Kinderdorf die Nothilfe schrittweise in permanente Sozialprogramme umgewandelt


Anzahl verlassener Kinder steigt

In den ersten zwölf Monaten nach dem Beben hat SOS-Kinderdorf u.a. zehntausende Kinder täglich mit Essen versorgt und bei Bedarf medizinisch betreut, hunderte unbegleitete Kinder wurden temporär aufgenommen. Heute leben noch immer 130 zusätzliche Kinder im SOS-Kinderdorf in Santo, für deren langfristige Unterbringung ein zweites SOS-Kinderdorf in Port-au-Prince notwendig ist. In Les Cayes im Süden von Haiti wird 2012 ein weiteres Betreuungsprogramm für Kinder ohne elterliche Fürsorge gestartet. Auch im SOS-Kinderdorf in Cap Haïtien wurden zwanzig Kinder neu aufgenommen. SOS-Kinderdorf Haiti warnt, dass die Zahl verlassener Kinder sukzessive zunimmt – ein Alarmsignal und Indikator, dass Familien aufgrund von Armut und schwierigster Lebensumstände nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag aus eigener Kraft zu bewältigen. SOS-Kinderdorf erhält laufend Anfragen zur Aufnahme weiterer Kinder, hat aber nur beschränkte Kapazitäten, um eine qualitätsvolle, familiennahe Betreuung in SOS-Familien gewährleisten zu können. Insgesamt ist die Situation von verlassenen Kindern in Haiti dramatisch, die Bedingungen in den Waisenhäusern sind teilweise katastrophal. Hier müssten so rasch wie möglich Maßnahmen ergriffen werden, damit eine bestmögliche kindgerechte Betreuung sicher gestellt ist. SOS-Kinderdorf stellt sein Know-how zur Verfügung, um gemeinsam mit staatlichen Stellen und anderen NGOs an einer dringenden Verbesserung der Betreuungsqualität und Rechtslage von verlassenen Kindern zu arbeiten.


Sieben neue Schulen in Bau

Mädchen in Schuluniform In Port-au-Prince und Cap Haïtien und zukünftig auch in Les Cayes unterstützt SOS-Kinderdorf benachteiligte Familien. Ziel ist hier vor allem die Stärkung der kommunalen Ressourcen, die Selbstorganisation der Familien und Frauenförderung. Der dritte Schwerpunkt von SOS-Kinderdorf ist der Aus- bzw. Neubau von Schulen und die Lehrerausbildung. Insgesamt finanziert SOS-Kinderdorf den Neubau einer Kommunalschule und vier staatlicher Schulen in Santo und in der Umgebung von Les Cayes; zudem baut SOS-Kinderdorf an beiden Standorten zwei neue SOS-Schulen für insgesamt 1.000 Schüler. In Zusammenarbeit mit der Universität Quisqueya werden Weiterbildungsprogramme für Lehrpersonal durchgeführt.


Kritische Situation in den Camps

Die Regierung von Haiti, die internationale Gemeinschaft, internationale NGOs und unzählige Hilfsinitiativen haben in den vergangenen zwei Jahren dazu beigetragen, dass viele äußere Spuren des Erdbebens beseitigt werden konnten. Ein Wiederaufbau in diesem Maßstab ist ein äußerst komplexer, langwieriger Prozess, noch dazu wenn die Katastrophe ein Land trifft, das sich seit Jahrzehnten in einer chronischen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise befunden hat. Besonders prekär ist die Situation nach wie vor in den provisorischen Unterkünften und urbanen Slums. Knder am Essenstisch Laut dem neuesten Humanitarian Bulletin von OCHA (UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) lebten im November 2011 immer noch 550.000 Menschen (1,7 Millionen nach dem Erdbeben) in über 9800 Camps unter zunehmend schlechter werdenden hygienischen Bedingungen. Cholera ist und bleibt in diesen Lagern – aber nicht nur dort – eine echte Gefahr. Berichte über eine massive Zunahme an Gewaltakten und sexuellen Übergriffen gegenüber Kindern und Frauen sind alarmierend.
Die Ernährungslage geschätzter 4,6 Millionen Haitianer, das sind rund 45 % der Gesamtbevölkerung, ist laut OCHA-Bericht nicht zufriedenstellend, wenngleich eine gewisse Entspannung durch die bevorstehende Erntezeit erwartet wird; die Lebensmittelpreise bleiben im Vergleich zu 2012 hoch. Auch der Bildungssektor benötigt riesige Investitionen für den Schulbau, die Lehrerausbildung und den Abbau von Zugangsbeschränkungen durch Schulgebühren, die sich viele Familien nicht leisten können.