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„Auch im Alter muss die Seele gesund sein"
Plötzlich legte sich Dunkelheit über das Leben von Erika B. Der Tod ihres Mannes, die Traurigkeit – es war zu viel für die alte Frau. Sie zog sich zurück, wurde körperlich schwach und anfällig. Demenz-Symptome folgten, Erika B. wurde ernsthaft krank. „Das ist leider kein ungewöhnlicher Lebensweg alter Menschen“, sagt Dorothee Ciunelis. Sie ist Diplom-Geragogin im SOS-Mütterzentrum Salzgitter. „Um im Alter fit zu bleiben, muss die Seele gesund sein.“ Die Einrichtung in Salzgitter verfolgt genau dieses Ziel: Ältere Menschen aus der Isolation holen und ihnen ein Stück Lebensfreude zurückgeben.
Gedächtnistraining, Singen und Tanzen
Das SOS-Mütterzentrum Salzgitter ist ein Mehrgenerationenhaus und damit Treffpunkt für Menschen jeden Alters. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Ältere verbringen ihre Zeit miteinander. Mehrere hundert Menschen gehen dort täglich ein und aus. Ein Konzept mit Erfolg: Salzgitter wurde zum bundesweiten Vorbild für die Idee der Mehrgenerationenhäuser.
Ein wichtiger Bestandteil des SOS-Zentrums ist die so genannte Tagespflege. 12 ältere Menschen verbringen ihren Tag gemeinsam. Jeder einzelne hat gesundheitliche Probleme: Altersdiabetes, Arthrose, Demenz oder noch schwerere Erkrankungen wie Krebs. Deshalb achten die Mitarbeiter des Zentrums besonders auf eine gesunde Lebensweise. „Wir bieten zum Beispiel Gedächtnistraining, Sitztanz, Singen und Tanzen sowie Spiele-Nachmittage an. Außerdem kochen und backen wir gemeinsam, bereiten Obstsalate zu und machen Spaziergänge“, sagt Dorothee Ciunelis. „Solche Angebote bringen die älteren Menschen in Bewegung und halten sie geistig fit.“ Sie betont: „Zwischendurch legen wir immer gemeinsame Trinkpausen ein. Das vergessen viele alte Menschen, und das kann schlimme Folgen haben.“
Rituale helfen, dem Tag Struktur zu geben
Obwohl im SOS-Mütterzentrum Gesundheit eine große Rolle spielt, drängen die Mitarbeiter alte Menschen nicht zu einer völlig neuen Lebensweise. Dorothee Ciunelis: „Wir bieten zwar viel fettarme und frische Speisen an. Wer aber sein ganzes Leben lang Fleisch und Deftiges gegessen hat, sollte das auch weiterhin ab und zu dürfen.“ Genauso wichtig seien auch Rituale im Alltagsleben. „Wir bereiten Frühstück und Mittagessen gemeinsam zu“, sagt Dorothee Ciunelis. „Nach den Aktivitäten und Veranstaltungen treffen wir uns nachmittags zum Kaffeetrinken wieder. Das bringt Struktur in den Tag und hilft vielen Älteren dabei, nachts wieder durchzuschlafen.“
Die Lebendigkeit der Kinder springt über
Für die körperliche Gesundheit spielt laut Dorothee Ciunelis aber vor allem eins eine Rolle: das gemeinsame Leben mit jungen Menschen. Im SOS-Mütterzentrum gehört das zum Alltag. Ältere helfen den Kindern bei den Hausaufgaben, und die Kinder hören zu, wenn die Älteren aus ihrem Leben berichten. Oft essen alle gemeinsam. „Ich erlebe immer wieder, wie in sich gekehrte Menschen plötzlich wieder aufblühen. Die Lebendigkeit der Kleinen scheint regelrecht überzuspringen“, sagt Dorothee Ciunelis. Sie schwärmt besonders von der unbefangenen Art der Kinder. „Sie krabbeln schon mal auf den Schoß eines alten Menschen und zählen ganz unverblümt die Falten. Daran ist nichts Unhöfliches und so fassen es die Älteren auch nicht auf.“
Gegenseitiges Verständnis für die andere Generation
Durch die Nähe im Alltag wachse auch das Verständnis für die andere Generation. Dorothee Ciunelis erinnert sich an ein besonderes Erlebnis: Ein Kind sprach eine alte Frau auf ihren Rollator an. „Was ist denn das für ein komisches Ding?“ Die Frau lachte und erklärte: „Das brauche ich zum Gehen. Früher konnte ich auch mal so schnell rennen wie du, aber jetzt bin ich alt. Das Kind hörte aufmerksam zu und sagte: „Ja, also das verstehe ich.“
Dieses gegenseitige Vertrauen hat auch Erika B. aus dem Dunkeln geholt. Dorothee Ciunelis erinnert sich: „Bei uns hat sie wieder eine Aufgabe bekommen, backte Kuchen für alle und ging zu Kirchennachmittagen. Und dann stellte sich heraus, dass sie gar nicht körperlich krank und dement war. Sie war einfach einsam.“