30. 11. 2012

Dokumentation des Fachtags

Moderator, Martina Bodenmüller und Heiner Keupp

Fachtagsgespräch: Moderator Werner Witt (SWR) mit den Referenten Martina Bodenmüller und Heiner Keupp

Identitätsfindung junger Menschen in prekären Lebenslagen - eine ganz besondere Herausforderung:

Am 28. Oktober 2011 veranstaltete die Freiburger StraßenSchule im Stadttheater Freiburg ein Fachgespräch zu der Situation junger Menschen in prekären Lebenslagen.

Vortrag I

Zunächst beleuchtete der Sozialpsychologe Prof. Heiner Keupp (München) in seinem Vortrag „Von der (Un-)Möglichkeit erwachsen zu werden. Was Heranwachsende aus den Schattenbereichen unserer Gesellschaft brauchen“ das Thema aus theoretischer Sicht.

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Vortrag II

Martina Bodenmüller, Diplom-Pädagogin und Gestaltungs-Sozialtherapeutin aus Gießen berichtete anschließend aus ihrer praktischen Jugendkulturarbeit mit ausgegrenzten Gruppen in Gießen.

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Podiumsdiskussion

In einer anschließenden Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und Institutionen wurden die Erkenntnisse und Thesen auf die Situation der jungen Menschen in der Stadt Freiburg übertragen und diskutiert.

Moderator Werner Witt, SWR, Leiter Aktuelle Kulturredaktion moderierte folgende Gesprächsteilnehmer:

  • Ulrich von Kirchbach, Bürgermeister für Kultur, Bibliothek, Soziales, Wohnsicherung und Unterkünfte, Integration Freiburg
  • Dr. Heiner Keupp, München
  • Martina Bodenmüller, Gießen
  • Pia Federer, Paritätischer Wohlfahrtsverband
  • Angelika Hägele, AK Wohnungslosenhilfe Freiburg
  • Irene Vogel, Mitglied des Gemeinderats Freiburg
  • Magdalena Wolf, Freiburger StraßenSchule

Verlässliche Zahlen fehlen – zu Recht?

Angelika Hägele, AK Wohnungslosenhilfe Freiburg Bild vergrößern

Angelika Hägele, AK Wohnungslosenhilfe Freiburg

Zunächst wurde – nicht zum ersten Mal - festgestellt, dass das Phänomen junger Menschen auf der Straße sowohl quantitativ als auch qualitativ schwer zu erfassen ist: Verlässliche objektive Zahlen gibt es nicht und junge Menschen unter 18 können sich nicht „ohne festen Wohnsitz“ melden. Die Erscheinungsformen junger Menschen mit Lebensmittelpunkt Straße reichen vom problematischen Verbleib in der Familie, über provisorischen Unterschlupf oder geduldetes Mitwohnen bis hin zum Leben auf der Straße/unter den Brücken. Hinweise auf Zahlen gibt die Stichtagserhebung der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände. Die letzte Erhebung stammt von September 2011. Am verlässlichsten scheinen aber die Zahlen der Inanspruchnahmen der verschiedenen Angebote, die die freien und öffentlichen Träger vorhalten.

Große Bandbreite von unterschiedlichen Verläufen

Die biografischen Verläufe der jungen Menschen weisen eine Reihe von Merkmalen auf, die auch für die Klientel in der Jugendhilfe zutreffen. Die jungen Menschen stammen in der Regel aus Hochrisikofamilien mit Multiproblemlagen. Dem Ausbruch aus den instabilen, oft bereits traumatischen familiären Gefügen gehen in der Regel massive Konflikte in mehreren Systemen voraus (Familie, Schule, sozialer Nahraum). Die Bandbreite der individuellen Gründe sowie der seelischen Belastungen bzw. Traumatisierungen ist entsprechend groß. In der Arbeit mit den jungen Menschen erfordert dies zunächst eine wiederholte, niederschwellig angelegte Kontaktaufnahme. Individuelle Begleitungs- und Beratungsansätze auf der Basis einer verlässlichen Beziehungsgestaltung sind im Weiteren erforderlich, um den jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, neue Erfahrungen zu machen und diese zu stabilisieren.

Junge wohnungslose Menschen brauchen flexible Angebote und Wahlmöglichkeiten

Irene Vogel, Mitglied des Gemeinderats Freiburg Bild vergrößern

Irene Vogel, Mitglied des Gemeinderats Freiburg

Es ist notwendig, einen „speziellen Blick“ auf junge wohnungslose Menschen zu richten, was u.a. die Studie „Wirkungseffekte Mobiler Jugendarbeit in Stuttgart (WIMO) belegt. Nicht nur die Arbeitsansätze (Ermöglichung neuer Erfahrungen in Bezug auf Beziehung, Glaubwürdigkeit, Sicherheit, Ermutigung zu eigenen Perspektiven, Anknüpfen und Ernstnehmen der Zukunftswünsche und -erwartungen...), sondern auch die Angebote müssen auf die Bedarfe der jungen Menschen zugeschnitten sein. Sie brauchen kleine, sichere Notunterkünfte mit ihren Hunden, Wahlmöglichkeiten und Bindung bei der Betreuung durch Sozialarbeiter, um wieder Wurzeln schlagen können. Diese Wohnformen müssen verlässlich sein, mit Gestaltungsmöglichkeiten zum Ausprobieren, um Wohnen und Lebensgestaltung lernen zu können.

„Erwachsen werden“ braucht Zeit und die Möglichkeit zu experimentieren

Junge Menschen mit biographischen Abbrucherfahrungen sind in ihrer Entwicklung (über-)lebens-praktisch oft beschleunigt, in ihrer Identitätsentwicklung und Selbstfindung jedoch verzögert. Harte Altersschnitte, mit 18 Jahren voll eigenverantwortlich sein zu müssen, kommen für sie oft zu früh. Sie benötigen geduldige Begleitung, Zeit zum Lernen und Zeit zum Fehlermachen, zum Fallen und Wiederaufstehen.

In Beziehung zu seinen eigenen Wünschen zu kommen, braucht oft Umwege

Seine eigenen Wünsche zu erkennen und mit sich selbst wertschätzend umzugehen und zu sinngebenden Betätigungen zu kommen, braucht nicht nur Zeit, sondern erfordert häufig Umwege. Kreative Gestaltungsmöglichkeiten, die Erprobung und Perspektivwechsel ermöglichen, können hilfreich sein, ebenfalls Auszeiten oder Kulturwechsel. Soziale Beziehungen können häufig zu Tieren eher aufgenommen werden als zu Mitmenschen.

Ergebnisloses Joggen im „Behördenirrgarten“

In vielen Städten gibt es Versäulungen der Hilfesysteme und Zuständigkeitsabgrenzungen in der Arbeit mit jungen Menschen. Wohn- und Gesundheitsprobleme, Suchterkrankungen, Fremd- und Selbstgefährdung oder Ausbildungs- und Arbeitsprobleme werden singulär bearbeitet. Ergebnisse  wie z.B. „Wohnfähigkeit“ sind oft Voraussetzung, um Hilfen erhalten zu können. Manche Anspruchsberechtigungen zerstören die bereits erreichten Ziele, demotivieren die jungen Menschen, machen sie abhängig von Hilfe und können oft nur in Begleitung von Ombudsleuten/Fachkräften überwunden werden.

Das Podium benannte folgende dringende Aufgaben für die weitere Arbeit

Hilfen verbindlich vernetzen und diversifizieren (aus einer Hand): Zuständigkeiten der Behörden und freier Träger müssen zusammenfasst werden, um ein Durchfallen durch Raster und strukturelle Brüche zu vermeiden

  • Bezahlbarer Wohnraum muss geschaffen werden. Betreutes Wohnen beispielsweise in der Freiburger StrassenSchule darf durch fehlenden Anschlusswohnraum nicht sinnlos werden und im Einzelfall zum Scheitern verurteilt sein. Hier sind Kosten und Nutzen nicht im richtigen Verhältnis. sein. Ebenso muss es für jeden jungen Mensch, der von der Straße weg möchte, möglich sein, eine geeignete Wohnform zu finden.

Kreativer Wohnungsbau in Freiburg. Es wäre denkbar, wohnsitzlose junge Menschen zu ermutigen, sich ihr eigenes Heim zu bauen. Mindestens drei junge Menschen sollten an entsprechenden Runden Tischen kontinuierlich und  mitbestimmend beteiligt werden.

Junge Menschen sollten an öffentlichen Diskussionen und Entscheidungen beteiligt werden und in Verantwortung gebracht werden.

Es fehlt noch an Abstimmungen und Regelungen zwischen der Stadt Freiburg, Umlandgemeinden und dem Land über Kostenbeteiligungen. Zugangsbarrieren aufgrund des Herkunftsortes dürfen nicht auf dem Rücken der jungen Menschen ausgetragen werden.

Ombudschaft sollte weiter ausgebaut werden, um die Durchsetzung von Ansprüchen und die Beteiligung an Planungen, Projekten zu gewährleisten.

Es sollten verstärkt Empowerment-Strategien eingesetzt werden, um junge Menschen zu befähigen, ihre Anliegen selbst in die Hand zu nehmen.

REFERENTEN

Heiner Keupp, Jg. 1943, Studium der Psychologie und Soziologie in Frankfurt am Main, Erlangen und München. Diplom, Promotion und Habilitation in Psychologie. 1978 bis 2008 Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München. Arbeitsinteressen: soziale Netzwerke, gemeindenahe Versorgung, Gesundheitsförderung, Jugendforschung, individuelle und kollektive Identitäten in der Reflexiven Moderne und Bürgerschaftliches Engagement. Erster Preisträger der Dt. Gesellschaft für Verhaltenstherapie (2000). Vorsitzender der Kommission für den 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung.

Martina Bodenmüller, Jg. 1967, Studium der Diplom-Pädagogik in Münster. Seit 2001 Gestaltungs-Sozialtherapeutin. Von 1989 bis 1992 kreative Projekte mit Kindern und Jugendlichen. 1992 bis 1999 Streetworkerin der Stadt Münster. 1994 bis 1999 Kursleiterin Selbstbehauptung / Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen. Seit 1996 freiberuflich Dozentin bei beruflichen Fortbildungen aus den Bereichen Streetwork, "Straßenkinder", Mädchenarbeit, Wohnungslosigkeit, Jugendkriminalität und Problemlagen von Jugendlichen. 2000 bis 2001 Projektstelle Arbeitsloseninitiative Gießen e.V.: niedrigschwellige und kreative Projekte f. Langzeitarbeitslose. Seit 1994 wissenschaftliche Autorin.