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"Bei uns gibt es keine Almosen"
Der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf taucht häufig in den Medien auf. Meist dann, wenn jemand ein Beispiel für einen armen Stadtteil sucht. Und tatsächlich begegnen den Mitarbeitern des SOS-Familienzentrums Berlin in Hellersdorf viele Menschen mit finanziellen Problemen. Doch, so sagt Sozialpädagogin Nicole Janssen: „Materielle Armut ist nicht immer das Hauptproblem.“ Es sei die soziale und emotionale Armut, die das Leben vieler Familien bestimmt, besonders Kinder seien davon betroffen.
Wenn Eltern schon lange ohne Arbeit sind oder besonders viel arbeiten und doch nur gerade das Existenzminimum verdienen, fällt es ihnen oft schwer, ihren Kindern die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Hoffnungslosigkeit und Existenzängste gehören stattdessen schon für die Jüngsten zum Alltag. Im SOS-Familienzentrum Berlin finden alle Familienmitglieder Unterstützung, Kinder wie Eltern, auf vielen verschiedenen Ebenen – ohne dass die Armut dabei immer im Vordergrund steht.
Jeder ist willkommen
„Wir wollen den Menschen nicht das Gefühl geben, sie kommen nur zu uns, weil sie arm sind“, erklärt Erzieherin Jeanette Sauer. Das SOS-Familienzentrum Berlin ist auch ein Stadtteiltreff, vom Manager bis zum Hartz IV-Empfänger ist hier jeder willkommen. Die Besucher basteln oder töpfern gemeinsam, die Kinder toben in dem großen Garten des SOS-Familienzentrums Berlin und lernen in der Fahrradwerkstatt, wie sie Schäden am Drahtesel selbst beheben. Fällt den Mitarbeitern auf, dass jemand aus finanziellen Gründen nicht mitmachen kann oder ein Kind beispielsweise im Spätherbst noch immer seine Sommerjacke trägt, können sie mit Hilfe von Spenden kurzfristig und unbürokratisch aushelfen. „Wir schaffen so ein Stück Normalität für die Familien“, sagt Jeanette Sauer.
Das Gefühl vermitteln, etwas geben zu können
Manchmal sogar für viele Kinder auf einmal: Ein Unternehmen spendete im Sommer eine große Anzahl von Schulmappen. „Damit konnten wir die Kinder ausstatten, die sonst mit einem billigen oder sogar abgetragenen Ranzen zur Schule gegangen wären.“ Auch wenn es solche materiellen Hilfen im SOS-Familienzentrum Berlin gibt: „Wir geben keine Almosen“, sagt Jeanette Sauer. Statt Essen auszugeben, kochen die SOS-Mitarbeiter gemeinsam mit Familien tolle, gesunde und trotzdem günstige Gerichte. Das Essen im Café, die Kleidung im Secondhandladen, die musikalische Früherziehung – all diese Angebote gibt es im SOS-Familienzentrum Berlin zwar für wenig Geld, aber nicht kostenlos. „Wir möchten unseren Besuchern das Gefühl geben, auch etwas geben zu können“, sagt Jeanette Sauer. Und das bezieht sich nicht nur auf Geld.
Gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich
Gerade wer schon lange ohne Arbeit ist, dem fehlt es oft an Wertschätzung, Wertschätzung für das, was er kann oder was er tut. Im SOS-Familienzentrum Berlin kann sich jeder mit seinen Talenten, seinem Können und seinem Wissen einbringen. Sei es der Gärtner, der ehrenamtlich die grüne Oase hinter dem Familienzentrum pflegt, oder die Friseurin, die am „Beauty-Tag“ den Teilnehmerinnen schicke neue Frisuren verpasst. „Diese gegenseitige Hilfe ist mit finanziellen Mitteln gar nicht aufzubieten“, sagt Jeanette Sauer. Und wenn es doch um Geld geht, sprechen Besucher und Mitarbeiter offen darüber. Sollten mal die Materialkosten oder auch der eine Euro für die Teilnahme am Kindersport fehlen, greifen andere zur Geldbörse und helfen aus.
Niemand wird stigmatisiert
Gegenseitige Unterstützung ist im SOS-Familienzentrum Berlin eine Selbstverständlichkeit, sagt Nicole Janssen. Armut wird nicht unter den Teppich gekehrt, aber genauso wenig an die große Glocke gehängt. „Niemand soll sich hier stigmatisiert fühlen“, so Janssen. Wer neu ist, wird schnell in die Gemeinschaft aufgenommen und entwickelt vielleicht ganz neue Kompetenzen – die Erwachsenen beispielsweise in der Erziehung oder beim Kochen. Und die Kinder haben feste Bezugsgrößen und lernen Verantwortung zu übernehmen, für sich und für andere. Jeanette Sauer sagt: „Unsere Hoffnung ist, dass wir ihnen so langfristig helfen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und aus der Armut rauskommen.“