Weitersagen
Entscheidung für ein Leben in einer besonderen Familie
Im Haus von Riccarda Taliercio ist vieles wie in einer normalen Familie. Jeder hat seine Pflichten, muss beim Aufräumen, Kochen oder Abwaschen helfen. Abends spielen oft alle zusammen Spiele, am Wochenende unternehmen sie Ausflüge und einmal im Jahr fahren sie gemeinsam in den Urlaub. Zu Riccarda Taliercios Familie gehören aber nicht nur ihr Mann und ihre beiden Kinder, sondern auch sieben Frauen und Männer mit geistiger Behinderung. Sie leben gemeinsam in einem Haus, das zum SOS-Hof Bockum gehört, einer Dorfgemeinschaft in der Nähe von Lüneburg.
Kein Zweifel am Berufswunsch Hausmutter
Seit 2007 ist Riccarda Taliercio Hausmutter. Doch den SOS-Hof Bockum kennt sie schon seit ihrer Kindheit: Sie ist dort aufgewachsen, denn ihre Eltern waren ebenfalls Hauseltern in Bockum. „Dass ich auch diesen Weg gehen und selbst Hausmutter werden möchte, war mir eigentlich schon immer klar“, sagt sie. Also machte sie eine Ausbildung zur Erzieherin. Eine sozialpädagogische Qualifikation ist Voraussetzung für die Bewerbung als Hausmutter. Nur Paare können sich bewerben, ein Haus zu betreuen. Ihren Ehemann
brauchte sie glücklicherweise nicht lange zu diesem Schritt überreden. „Wir haben uns hier in Bockum kennen gelernt“, erzählt Riccarda Taliercio mit einem Lächeln. Er hat damals in der Landwirtschaft des Hofes gearbeitet und ebenfalls Behinderte betreut, wusste also wie seine Frau, was ihn erwarten würde.
Die Hausmutter hat das Leben in einer Dorfgemeinschaft immer als Bereicherung erfahren. Und so war es für sie auch selbstverständlich, dass ihre eigenen zwei Kinder ähnlich wie sie aufwachsen, in einer Familie, die sich um Menschen mit Behinderung kümmert. „Die beiden merken natürlich, dass die Bewohner anders sind als normale Erwachsene, aber für sie ist das Alltag geworden“, so Riccarda Taliercio.
Betreuung bis zur Selbstständigkeit
Trotz geistiger Behinderung können alle Frauen und Männer, die in Bockum betreut werden, einer Arbeit auf dem Hof nachgehen. Das ist eine Bedingung, um einen Platz in einer SOS-Dorfgemeinschaft zu bekommen. Einige Stunden am Tag arbeiten die Betreuten je nach ihren Interessen in der Gärtnerei, der Käserei, der Tischlerei, der Hauswirtschaft, in der Landwirtschaft, der Landschaftspflege oder der Abteilung Dienstleistung. Riccarda Taliercio nutzt die ruhige Zeit zu Hause, um sich um die Abrechnungen zu kümmern, die nächsten Tage zu planen oder Einkäufe zu erledigen. Spätestens beim Abendessen sind dann alle wieder zurück und erzählen, wie ihr Tag bei der Arbeit war.
Am Konzept der SOS-Dorfgemeinschaften schätzt Riccarda Taliercio, dass die Betreuten in ihren Hauseltern zwei feste Bezugspersonen haben. „Mein Mann und ich sind Tag und Nacht für sie da. Anders als in manchen Heimen ist die Betreuung sehr intensiv und wir haben viel Zeit, um an den Zielen, die wir uns gemeinsam setzen, zu arbeiten.“ Viele Jahre leben die Bewohner in den Hausgemeinschaften, manchmal sogar Jahrzehnte. Durch die Förderung der Hauseltern werden sie immer selbstständiger, können zum Beispiel alleine Wäsche waschen oder ihr Zimmer aufräumen. Einige Betreute ziehen sogar in eine eigene Wohnung in der Umgebung und erhalten ambulante Unterstützung durch SOS-Mitarbeiter. Oder sie entscheiden sich für eine der Wohngruppen, die ebenfalls zum SOS-Hof Bockum gehören.
Ein Leben in einer starken Gemeinschaft
Erst wenn ein Bewohner auszieht, kann jemand neu in die Hausgemeinschaft aufgenommen werden, da höchstens sieben Betreute bei jeder Familie leben. Auch wenn die Hausgemeinschaft für sie eine Art Ersatzfamilie wird, ist der Kontakt zu den leiblichen Eltern nach wie vor wichtig. „Besonders am Anfang besuchen uns die Familien oft oder nehmen ihre großen Kinder übers Wochenende mit nach Hause“, berichtet Riccarda Taliercio. Genauso wichtig ist die Freizeit, die sie auf dem Hof verbringen. Die Betreuten können Hobbys ausüben und zum Beispiel Judo, Eislaufen oder Harfe lernen. Regelmäßig finden Veranstaltungen statt, wie Ausstellungen und Konzerte. „Da spürt man, dass SOS-Hof Bockum eine starke Gemeinschaft ist“, findet Riccarda Taliercio. Doch Bockum ist sogar noch viel mehr: „Wir sind Familie“ ist das Motto des Hofes.