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"Mehr als nur ein Fahrrad reparieren"
In der Fahrradwerkstatt des Wilhelmshavener SOS-Hilfeverbundes bereiten sich Schulverweigerer verschiedenen Alters in einer alternativen Lernumgebung auf ihre Rückkehr in die Schule vor.
Von Montag bis Freitag wird in der Luisenstraße 21 von 8:00 -13:00 Uhr gehämmert, geschraubt, geölt, gelernt und im Unterricht von den Teilnehmern auch mal ein Zeitungsinterview durchgeführt.
Das folgende Interview hat der Teilnehmer Pablo mit dem Werkstattanleiter Bernd Prahm, der Sonderpädagogin Miriam Wagemann sowie dem Teilnehmer Karl geführt. Die Teilnehmer haben Pseudonyme für ihre Namen gewählt.
Pablo: Worum geht es in dem Projekt Fahrradwerkstatt?
Bernd Prahm: Wir wollen mit unserem Projekt Kindern und Jugendlichen helfen, den Weg zurück zur Schule zu finden. Die TeilnehmerInnen haben alle gemeinsam, dass sie, aus ganz unterschiedlichen Gründen, z. Zt. nicht regelmäßig zur Schule gehen. Pablo: Und wie helft Ihr den Jugendlichen dabei?
Bernd Prahm: Es geht erst einmal darum, wieder zurück zu einem geregelten Tagesablauf zu finden. Der Alltag in der Fahrradwerkstatt ist, wie in normalen Betrieben auch, klar strukturiert. Ein ganz wichtiger Punkt sind die Erfolgserlebnisse, die die Teilnehmer durch gelungene Fahrradreparaturen erfahren. Das Gefühl, etwas mit den eigenen Händen geschafft zu haben gibt sehr viel Selbstbestätigung. Auch im schulischen Bereich werden die TeilnehmerInnen darin unterstützt, die eigenen Fähigkeiten wiederzuentdecken und wieder Gefallen am Lernen zu bekommen. Wir wollen ja mit unserem Projekt erreichen, dass die Jugendlichen möglichst schnell wieder in die Schule zurückkehren.
Pablo: Welche Aufgaben hast Du als Anleiter in dem Projekt?
Bernd Prahm: Die Teilnehmer reparieren unter meiner und unter der Anleitung meines Kollegen Holger Heimbeck die Fahrräder und machen sie wieder fahrtüchtig. Wir vermitteln das notwendige Fachwissen und erklären den sachgemäßen Umgang mit den Werkzeugen. Wo nötig gebe ich Tipps und packe mit an. Außerdem stehe ich, wie alle meine Kollegen, den Jugendlichen jederzeit zur Verfügung, wenn sie Sorgen oder Probleme haben, die privater Art sind. Dazu kommen dann natürlich noch Gespräche mit den Eltern und auch dem Jugendamt.
Pablo: Wer arbeitet noch in der Fahrradwerkstatt?
Bernd Prahm: Werkstattanleiter ist mit mir noch Holger Heimbeck. als Sozialpädagogen haben wir Reiner Würdemann im Team und für den Unterricht und die schulischen Kontakte ist die Sonderpädagogin Miriam Wagemann zuständig.
Pablo: Miriam, wie läuft der Unterricht in der Fahrradwerkstatt ab?
Miriam Wagemann: Der Unterricht unterscheidet sich schon vom normalen Schulunterricht. Wir haben hier in unserem Rahmen die Möglichkeit uns ganz nach den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmer zu richten. Wir arbeiten an Projekten, wie z.B. am Projekt „Öffentlichkeitsarbeit“ aus dem dieses Interview entstanden ist. Zudem gibt es Einzelunterricht und Gruppenunterricht, um die Kenntnisse in Fächern wie Mathematik und Deutsch aufzufrischen und zu festigen – je nach dem was der Teilnehmer braucht um den Weg zurück in die Schule zu finden. Das Wichtigste ist, dass der Spaß am Lernen wieder entdeckt wird und der Glauben in die eigenen Fähigkeiten gestärkt wird.
Pablo: Bernd, aus welchen Gründen kommen die Jugendlichen zu Euch in die Werkstatt?
Bernd Prahm: Das sind ganz unterschiedliche Gründe. Alle Jugendlichen haben jedoch gemeinsam, dass sie z.Zt. nicht zur Schule gehen. Die Ursachen dafür sind verschiedenster Art: Mobbing in der Schule, Probleme mit Lehrern und oder Mitschülern, Versagensängste, Probleme im häuslichen und sozialen Umfeld, etc. Pablo: Wie viele Plätze haben Sie in der Werkstatt? Bernd Prahm: Wir haben in der Werkstatt Arbeitsplätze für 12 Teilnehmer.
Pablo: Wie kann man zu Euch in die Fahrradwerkstatt kommen?
Bernd Prahm: Unser Projekt ist eine Jugendhilfemaßnahme. Das heißt, dass ein Antrag auf Jugendhilfe beim Jugendamt gestellt werden muss. Dieser muss von den Eltern gestellt werden. Die Jugendlichen selber können aber natürlich auch selber aktiv werden und sich beim Jugendamt melden. Vielleicht haben die Jugendlichen auch eine Vertrauensperson, die sie beim Hilfegesuch unterstützen kann. Oder aber es gibt in der Schule direkt die Möglichkeit einen Schulsozialarbeiter anzusprechen. Ansprechpartner sind natürlich auch jederzeit wir hier im Projekt.
Pablo: Woher kommen die Fahrräder und was geschieht mit ihnen nach der Reparatur?
Bernd Prahm: Die Fahrräder werden uns gespendet. Die Jugendlichen setzen sie mit unserer Hilfe in Stand und dann werden die Räder an hilfebedürftige Menschen für den Preis des Materialaufwandes abgegeben.
Pablo: Karl, Du bist ein Teilnehmer des Projekts, was machst Du hier?
Karl: Fahrräder „ausschlachten“, reparieren, mich unterhalten, rumalbern, Mathe, Deutsch, ….
Pablo: Was gefällt Dir hier besser als in der Schule?
Karl: Im Moment alles. Ich schraube gerne an den Rädern, die Stimmung hier ist gut und wir lachen viel. Der Unterricht ist nicht so stressig…
Pablo: Ist Dir in der Werkstatt oft langweilig?
Karl: Eigentlich nicht.
Pablo: Wie bist Du zum Projekt gekommen?
Karl: Mit dem Bus (Grins).
Pablo : O.K. Ich danke Ihnen für das Interview und wünsche allen viel Erfolg.