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Ein Tag im SOS-Kinderdorf Worpswede

Kinder aus dem SOS-Kinderdorf Worpswede mit Lupe Wenn mittags die Schulglocke im Zentrum von Worpswede schrillt, kehrt der Trubel ins SOS-Kinderdorf zurück: Kinder stürmen die birkengesäumte Allee entlang bis zum Rand des Teufelmoors. Dort liegt seit mehr als 40 Jahren das SOS-Kinderdorf Worpswede.


13 Uhr, im SOS-Kinderdorf: SOS-Kinderdorf-Mutter Ute Nietfeld ist bereits seit sieben Stunden auf den Beinen: Sie hat die Kinder fertig für die Schule gemacht, Pausenbrote geschmiert, den Haushalt erledigt und war Einkaufen. Um die Pflichten gerecht zu verteilen, gibt es einen Haushaltsplan, den die Familie gemeinsam entworfen hat. Heute hat der 12-jährige Aljoscha Küchendienst. Wenn alle zuhause sind, geht es laut und lustig zu: Der Nachmittag wird geplant, Ute Nietfeld fragt nach Hausaufgaben. Aljoscha will später zum Fußballtraining beim FC Worpswede gebracht werden und Katharina hat einen Zahnarzttermin.


Nach den Hausaufgaben ist Zeit für Sport, Spaß und Spiel


Ein Junge sitzt auf dem Eingangsschild zum SOS-Kinderdorf Worpswede 15 Uhr, im SOS-Kinderdorf: Wenn alle Aufgaben erledigt sind, stürmen die Kinder meist sofort vor die Tür. Im Gemeindehaus, das die zentrale Anlaufstelle des Kinderdorfes ist, beginnt die "Gruppenarbeit" – die Holz-, die Fahrrad-, die Töpferwerkstatt, der Computer- und der Musik-Kurs. Die Laufgruppe startet, das Kindertheater probt. Die Spiel- und Sportanlagen füllen sich.
Alles ganz normal - könnte man auf den ersten Blick meinen. Doch die Kinder, die im SOS-Kinderdorf aufwachsen, leben hier ohne ihre Eltern. Sie haben eine problematische Kindheit gehabt, bevor sie hier her kamen: "Bei uns sind Kinder, die zu Hause nicht mehr leben können, bei denen alle anderen Hilfen versagt haben", erklärt Kinderdorfleiterin Inge Göbbel.


Die Vergangenheit verarbeiten


Die Jungen und Mädchen, die ins SOS-Kinderdorf kommen, sind traumatisiert, teilweise verhaltensgestört. "Diese Kinder brauchen Zuwendung, Geborgenheit und Gemeinschaftsgefühl. Sie müssen erfahren, dass sie etwas wert sind, damit sie lernen, ihr Leben selbst zu gestalten", sagt die 56-jährige Sozialpädagogin, die 1990 als erste Frau die Leitung eines der 15 Kinderdörfer in Deutschland übernahm. Gemeinsam mit Therapeuten, Erziehern und Pädagogen sollen die Kinder in familiärer Umgebung lernen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, bis sie auf eigenen Beinen stehen.

Vor dem Schlafengehen werden die Zähne geputzt 18 Uhr, Haus Hannover: Die Teamsitzung der "Heilpädagogischen Integrationsgruppe" beginnt. Die fünf Sozialpädagogen und Therapeuten betreuen rund um die Uhr sechs hochproblematische Kinder. "Bei uns gibt es nichts, was es nicht gibt. Vieles kann man sich nicht vorstellen", erzählt die Leiterin der Gruppe, Nina Bisping. Manchmal haben diese Kinder einen so genannten "Flashback" und werden durch ein Geräusch oder einen Geruch in eine der erlebten Extremsituationen ihrer Vergangenheit zurückversetzt. "Nach etwa einem Jahr sind die meisten Kinder bei uns angekommen", meint Nina Bisping, "aber bis dahin ist es eine schwere Zeit."


"Ich will den Eltern ihren Platz nicht streitig machen"


20 Uhr: Es ist still geworden im Kinderdorf. Spielgeräte und Wiesen sind verwaist. Nur einige Jugendliche sitzen noch beisammen und lachen. In der Familie Nietfeld läuft der Fernseher für die Älteren, die Jüngeren schlafen schon. SOS-Kinderdorf-Mutter Ute Nietfeld bringt Aljoscha ins Bett. Über dem Bett hängt das Foto seiner leiblichen Eltern. Für Ute Nietfeld ist das selbstverständlich. Sie will nicht "Mama" oder "Mutti" genannt werden, sie ist einfach Ute. "Ich will den Eltern ihren Platz nicht streitig machen." Denn auch wenn es oft hoffnungslos scheint, ist der Kontakt mit der Ursprungsfamilie eines der Hauptanliegen der SOS-Kinderdörfer. – "Wenn möglich, werden die Eltern in das Erziehungskonzept mit einbezogen und dürfen ihre Kinder besuchen", betont Leiterin Inge Göbbel. "Die Kinder müssen ihre eigene Geschichte bewahren."


Text: Sonja Froehlich/Hannoversche Allgemeine Zeitung
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