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Fähigkeiten und Ressourcen im Blick

In unserer Gesellschaft wachsen nicht wenige Kinder in sehr schwierigen Lebensverhältnissen auf. Woran liegt das und welche Möglichkeiten gibt es, diese Kinder und ihre Familien zu unterstützen?
Ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden des SOS-Kinderdorf e.V., Prof. Dr. jur. Johannes Münder:

Der Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. jur. Johannes Münder sprach beim Jahresempfang 2011 im SOS-Kinderdorf Pfalz  zum Thema "Kinderrechte Warum gelingt es heute so vielen Familien nicht, die materiellen und emotionalen Grundbedürfnisse ihrer Kinder zu decken?

Die sozialen Netze rund um Familien haben sich verändert und sind nicht mehr so ohne weiteres belastbar. Durch die von der Arbeitswelt geforderte Mobilität wachsen viele Kinder weit weg von Großeltern und Verwandten auf. Unterstützung muss heute meist familienextern organisiert werden. Für Familien mit Migrationshintergrund oder von Armut betroffene Familien ist das oft nicht leicht. Wirklich schwierig wird es, wenn Krankheit, Arbeitslosigkeit, familiäre und psychische Probleme hinzukommen.

Wie kann der SOS-Kinderdorfverein diese Familien erreichen und unterstützen?

Wir beobachten, dass ärmere Familien mit Kindern zunehmend in ganz bestimmten Vierteln häufig am Stadtrand leben. Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) bestätigte in seiner aktuellen Studie diese wachsende sozialräumliche Spaltung zwischen Arm und Reich. Um den Familien in der von Armut geprägten Umgebung – oft verbunden mit einer mangelhaften Versorgungsund Wohnsituation – zu helfen, gehen wir bewusst in solche Sozialräume hinein. Zum Beispiel mit dem SOS-Kinderdorf in Berlin-Moabit oder mit neuen Einrichtungen wie in Düsseldorf-Garath. Auch unsere anderen SOS-Einrichtungen entwickeln niederschwellige Angebote, die Familien gezielt im Alltag stärken und stützen.

Verbessert dies die Chancen benachteiligter Kinder auf eine positive Entwicklung?

Auch Kinder, die in Armut aufwachsen, haben ja vielfältige Fähigkeiten und Begabungen. Gerade benachteiligte Kinder brauchen jedoch Andockstellen außerhalb der Familie, ob im Kindergarten, in der Schule oder über Freizeitangebote. Sie brauchen Menschen, die sie unterstützen und ermutigen; die auch in schwierigen Situationen für sie da sind. Und sie brauchen Vorbilder, von denen sie Dinge wie Selbstvertrauen und positives Sozialverhalten lernen können.

Diese jungen Menschen haben in vielen Bereichen Nachholbedarf. Wie gelingt es, diesen auszugleichen?

Bei SOS-Kinderdorf orientieren wir uns nicht an Defiziten, sondern an den Fähigkeiten, Ressourcen und Stärken der jungen Menschen. Natürlich ohne dabei Probleme zu ignorieren oder zu unterschätzen. Da ist zum Beispiel ein Jugendlicher, der die Schule abgebrochen hat. Die Hoffnung auf eine Ausbildung hat er nach mehreren erfolglosen Anläufen bereits aufgegeben. Für eine eigene Wohnung fehlt das Geld. Zuhause häufen sich die Schwierigkeiten, der Vater ist arbeitslos, die Mutter hat Suchtprobleme. In solch prekären Situationen gilt es, alle Möglichkeiten auszuloten, aber auch gemeinsam über Wünsche und Hoffnungen zu sprechen. Dank der individuellen Unterstützung in einem unserer SOS-Berufsausbildungszentren hat dieser junge Mann doch noch eine Ausbildung abgeschlossen. Wir freuen uns über alle jungen Menschen, die trotz schlechter Startbedingungen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben finden. Die später eine eigene Familie grün den und ihren Kindern ein positives Vorbild sein können.

Junge Erwachsene wünschen sich wieder öfter eine eigene Familie und Kinder. Sind wir endlich auf dem Weg in eine familienfreundlichere Gesellschaft?

Das zwischenmenschliche Klima in Deutschland ist spürbar familienfreundlicher geworden. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass in den letzten Jahren immer weniger Kinder geboren wurden. Kinder sind in unserer Gesellschaft zu einem kostbaren Gut geworden. Doch viele glauben weiterhin, Kinder aufzuziehen sei ausschließlich Privatsache. Auf öffentlicher Ebene bleibt es schwierig, kinder- und familienfreundliche Strukturen zu schaffen. Das erleben wir derzeit ja zum Beispiel beim Ausbau der Kindertagesstätten. Es gibt noch viel zu tun, bis wir ein wirklich familienfreundliches Land werden. Dass Kinder überall gut aufwachsen können und ausreichend gefördert werden, bleibt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Der SOS-Kinderdorfverein wird hierzu auch weiterhin sein vielfältiges Know-how und seine Erfahrungen an unterschiedlichen Standorten einbringen.

Unterschrift von Prof. Johannes Münder