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Beteiligung macht junge Menschen stark

Interview mit Prof. Dr. jur. Johannes Münder

Im Mittelpunkt des diesjährigen Jahresempfangs des SOS-Kinderdorf e.V. am 13. Mai standen "Kinderrechte und Beteiligung". Im Interview beantwortete der Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. jur. Johannes Münder Fragen zum Thema Partizipation im Alltag der SOS-Kinderdörfer.

Warum ist Beteiligung für den SOS-Kinderdorf e.V. ein so wichtiges Anliegen?

Der Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. jur. Johannes Münder sprach beim Jahresempfang 2011 im SOS-Kinderdorf Pfalz  zum Thema "Kinderrechte Kinder sind Menschen mit eigener Persönlichkeit, mit eigener Würde und eigenen Rechten. Wir begegnen den jungen Menschen, die wir in den SOS-Kinderdörfern und -Einrichtung unterstützen, mit Respekt und Achtung – gerade bei den schwierigen Erfahrungen und Problemen, die sie oft mitbringen. Wir nehmen die Wünsche der Kinder ernst, auch wenn sich nicht alle erfüllen lassen. Wir wissen, sie sind in der Lage, ihre Persönlichkeit selbst zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Sie zu beteiligen ist eine wesentliche Grundlage, damit Helfen gelingt. Deshalb hat der SOS-Kinderdorf e.V. Rahmenrichtlinien zum Thema Beteiligung festgeschrieben, die in unseren Einrichtungen Anwendung finden.

Wie wird Beteiligung im Alltag der SOS-Einrichtungen umgesetzt?

Das fängt bei den Kinderparlamenten in den Kinderdörfern an. Da erfahren die Mädchen und Jungen früh, dass ihr eigenes Handeln erfolgreich sein kann. Einige ziehen im Kinderdorf zum Beispiel selbst Hühner auf und pflanzen Gemüse an, weil dies gemeinsam Freude macht. Über die Verwendung der Einnahmen durch den Verkauf der Produkte gibt es dann oft unterschiedliche Vorstellungen. Bekommt jedes der beteiligten Kinder seinen kleinen Anteil oder schaffen sie gemeinsam etwas an? Im Kinderparlament lernen sie, über diese und andere sie betreffende Fragen gemeinschaftlich zu entscheiden.

Also Partizipation auf einer ganz alltagsnahen Ebene?

Ja, aber es geht immer auch um die individuelle Lebensentwicklung. So sollte zum Beispiel ein Junge aus einer SOS-Jugendwohngemeinschaft ein Musikinstrument lernen. Er hat viel geübt, hatte aber einfach keinen Spaß daran. Schließlich hat er seinem Betreuer klargemacht, dass er lieber Fußball spielt. „Okay, mach das“, so der Betreuer. „Aber in drei Monaten will ich sehen, was draus geworden ist.“ Der Junge erwies sich als talentierter Fußballspieler. Es gilt jungen Menschen Mut zu machen: Auch in dir steckt eine Begabung. Du selbst entscheidest, was du daraus machst.

Wie motiviert SOS-Kinderdorf junge Menschen dazu, sich zu beteiligen?

Die Mitarbeiter sind da in allen SOS-Einrichtungen sehr kreativ. So entwickeln auch die Azubis in den SOS-Berufsausbildungszentren (BAZ) im Rahmen der Ausbildung eigene Projekte. Die Spargelwoche des Gastronomiebereichs im BAZ Berlin war ein voller Erfolg. Dazu gehörte auch, den Gästen die kulinarischen Kreationen vorzustellen. Mancher bekam vor dem Mikrofon einen roten Kopf und stotterte ein wenig. Aber beim dritten Mal klappte es schon richtig gut. Sich zu überwinden, sich etwas zu trauen, gehört eben auch dazu.

Heißt fördern auch ein Stück weit fordern?

Es bedeutet, auch in produktiver Auseinandersetzung mit den jungen Menschen auf Ziele, die von ihnen akzeptiert werden, hinzuarbeiten. Das kontinuierliche Miteinander schult kommunikative wie soziale Fähigkeiten. Und Beteiligung stärkt das Selbstbewusstsein. SOS-Kinderdorf beginnt damit schon in den Kindergärten? Ganz bewusst, ja. Die Kinder können unter verschiedenen Angeboten wählen. Drei- bis Vierjährige mögen zum Beispiel naturwissenschaftliche Experimente. Teilnehmen können an solchen Gruppen aber höchstens fünf Kinder. Die Kinder schlugen deshalb der Betreuerin vor, Überstunden zu machen, damit alle drankommen. Als das nicht ging, beschlossen einige, am nächsten Tag eher zu kommen, weil dann noch nicht so viele Kinder da sind. So haben die Kinder das Problem auf kreative Weise selbst gelöst. Wenn dann die Erwachsenen ernsthaft auf diese Lösungen einsteigen, steigert dies das Selbstwertgefühl der Kinder enorm. Das ist gelebte Partizipation. Wir müssen ja dafür sorgen, dass die jungen Menschen später für sich selbst sorgen können. Damit sie ihren Platz und ihre Aufgabe in unserer Gesellschaft finden und Positives beitragen können.

Unterschrift von Prof. Johannes Münder