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"Die meisten kommen erst, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht"

Zwei Frauen schauen sich in die Augen "Ich kann keine Lebensmittel mehr kaufen", sagt Andrea, Mutter von vier Kindern. Es ist Mitte des Monats, alle Reserven sind aufgebraucht. Sie ist allein erziehend, hat finanzielle Unterstützung beim Sozial- und Wohnungsamt beantragt. Doch die Bearbeitung zieht sich hin. Hinzu kommt, dass der Vater seinen Unterhaltszahlungen seit zwei Monaten nicht nachgekommen ist. Und Rücklagen sind keine da. Andrea ist kein Einzelfall, doch zumeist wahren Familien, die mit finanziellen Nöten kämpfen, den Schein bis zum Schluss: Armut wird totgeschwiegen – meist aus Scham.

Familien müssen mit knappen Budgets auskommen

Kaum ein Ratsuchender kommt primär wegen finanzieller Probleme in die SOS-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Landsberg am Lech, weiß Diplom-Heilpädagogin Elke Huber. Im Laufe der Beratungsgespräche stellt sich dann erst heraus, dass Familien oder Alleinerziehende große Probleme mit dem Geld haben. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen, so Huber: Bereits bestehende Schulden oder zumindest mangelnde Rücklagen, dazu Arbeitslosigkeit oder Trennung bzw. Scheidung. Viele Familien und vor allem alleinerziehende Mütter müssen mit einem sehr knappen finanziellen Budget auskommen, das oftmals gerade noch über der Beitragsbemessungsgrenze für eine Antragstellung beim Sozial- oder Wohnungsamt liegt. Die Familien kratzen lieber den letzten Cent zusammen, als dass sie die Kinder nicht mit zum Schulausflug oder Skilager fahren lassen. So bleiben viele Hilfen ungenutzt: Etwa die Stiftungen an Schulen, die Ausflüge bezuschussen. Weil die Familien sich nicht outen wollen, nehmen sie diese Hilfen gar nicht erst in Anspruch.

Scham überwinden, um Hilfe zu suchen

"Es ist ein sehr schambesetztes Thema, die meisten reden erst darüber, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht", erklärt die Mitarbeiterin der SOS-Beratungsstelle. Die Diplom-Pädagogin kennt Familien, in denen der Vater seinen Arbeitsplatz durch Rationalisierung verlor und die zusätzlich mit Altschulden zu kämpfen haben. Da sind Mitte des Monats oft nur noch 20 Euro da, mit denen zwei Wochen überbrückt werden müssen. Zumeist erfährt sie jedoch erst nach mehreren Gesprächen, wie dramatisch die Situation ist: "Der Schein wird so lange wie möglich gewahrt", erklärt Elke Huber. Sie hilft dann, indem sie Kontakte zu Angeboten wie etwa der BRK-Kleiderkammer oder der Landsberger Tafel herstellt, Anträge stellen hilft oder bei Ämtern nachfragt, wie es mit der Bearbeitung bereits gestellter Anträge steht. Denn das trauen sich die Betroffenen oft nicht. Weiterhin hat die Beraterin auch die Möglichkeit Anträge bei Stiftungen für die betroffenen Familien zu stellen. Auch wenn möglichst nicht darüber gesprochen wird, ist Armut zunehmend ein Thema: In den vergangenen fünf Jahren haben finanzielle Probleme deutlich zugenommen, so Elke Huber. Tendenz steigend.